Kapitel 1 Teil 2

– Da ist es! Amaaaaaaziiiing!

Helene ist bereits bei der Einfahrt in den Hof der herrschaftlichen Villa ganz hin und weg von unserem Aufenthaltsort der nächsten Tage. Die anderen haben ihr Auto schon geparkt.

– Wow, Helene! Das ist ja Bauhaus! Und wie schön!

Guys, liest eigentlich jemand die Links, die ich euch schicke? Villa St. Martin, die Bauhausvilla im Elsass.

Sie lächelt nachsichtig:

– Der Architekt damals hat es als Herrenhaus gebaut und es diente Jagdgesellschaften als Ferienhaus, die in den alten Rheinwäldern der Umgebung ihr Unwesen trieben. Irgendwas mit Art déco stand auch auf der Homepage.

Lars blickt sich um, auf den großen Garten, den man auch Park nennen könnte, der vor uns liegt, wir sehen ein Riesen-Trampolin, zwei kleine Häuschen, eine Schaukel, hinten eine Hängematte unter einem Baldachin, einen Grill, das Holz für den Kamin, ganz viele Bäume, Büsche, Blumen, die frühlingshaft aufblühen. Helene hatte uns Luxus versprochen – zumindest die Außenansicht, dieser Garten und die weiße Fassade mit der Eingangstüre bestätigen dies. Wir sind sehr gespannt auf unser Heim. Als Helene die Türe öffnen möchte, schreit Lars auf:

– Zuerst ein Seeeeelfiiieee! Wir müssen ALLES dokumentieren!

Tja, ich gebe zu, dass dieses Social Media Gebaren seltsame Blüten trägt. Es ist manchmal schon etwas drüber …

Bevor wir posen können, ruft Thees triumphierend, dass er so einen Selfie-Stick dabei habe.

– Das ist nicht dein Ernst!

Paula ist sichtlich schockiert.

– Du bist doch kein Chinese auf dem Römer!

Sie schüttelt belustigt den Kopf, sagt krasser Typ, und stellt sich in die Mitte unserer Gruppe. Pauli ist die kleinste von uns, passend zur lateinischen Bedeutung ihres Namens. Im Griechischen ist sie dafür „die Schöne“. Und auch das trifft auf sie zu, ganz eindeutig sogar, kein Gramm an ihr ist zu viel, ihr steht der Sideweep, ihre rehbraunen Augen bringen jeden Typen zum Schmelzen. Anders als Helene trägt sie bunte Sneakers ohne Socken und stylishe Klamotten, die obligatorischen Hochwasser-Chinos und farbenprächtige, weite Oberteile, ihre Sonnenbrille im neuesten Cate-Eye-Chic mit bunten, verspiegelten Gläsern.

Lars sagt:

– Leute, aber nicht alle dämlich in die Kamera schauen, wir machen auf Indie-Band und schauen alle irgendwo anders hin, ne!

Na klar, wir dürfen ja in den sozialen Netzwerken nicht wie die Letzten erscheinen, wenn unser Überflieger Lars mit auf dem Foto ist. Larsi ist unser Agentur-Fritzi, bei dem alles so perfekt sitzt, dass es fast ekelhaft ist: der hoch dotierte Job, der teure Anzug, der kunstvoll gezwirbelte Bart, die gegelte Trend-Frisur und bald der Doktor-Titel.

Wir stellen kurz unsere Sachen in den Flur, laufen ins Wohn- und Esszimmer mit dem Kamin – oh Mann, das ist größer als meine gesamte WG. Der seltsam hässliche Wandteppich, der irgendwie afrikanisch aussieht,  könnte Art déco sein, denke ich. Wir treten sofort hinaus auf die Terrasse und sehen, dass der Garten auf dieser Seite noch einmal so groß ist. Paula ruft aus:

– Immer geiler, immer steiler!

Wir müssen alle lachen. Von dieser Seite sieht die Villa wirklich noch beeindruckender aus. Schon krass, wenn man so einen Luxus nicht kennt.

– 8000 Quadratmeter soll der gesamte Park umfassen. Crazy, oder?

Dieses Herrenhaus hat ein paar Hundert Quadratmeter Wohnfläche zu bieten. Und dass soll nun unsere Heimat für das verlängerte Wochenende sein. Sauber!

– Helene, da hast du die Messlatte für deine nächsten Geburtstage aber seeeehr hoch angesetzt.

Larsito schmunzelt, als er das sagt. Thees tritt aus seinem Schatten und holt eine Flasche Champagner hervor.

– Hatte ich in einer Kühltasche. Wenn wir Gläser finden, können wir auf das Wochenende anstoßen.

Schon klar, dass Thees derjenige mit dem Champagner ist, eine Magnum-Flasche Bollinger, und selbstverständlich weiß er, dass das ihr Lieblings-Champagner ist, was übrigens jeder weiß, da ihre Lieblingsserie Absolutely Fabulous ist. Sie beeindruckt so etwas natürlich, schließlich kann sie sich in all den Jahren nicht merken, dass ich genau drei Dinge nicht esse: Pilze, Artischocken und Meeresfrüchte. Jedes Mal muss ich die Pilze aus dem Essen pulen, und einmal musste ich auf einem Markt im Urlaub mit zu einem Bistro, das außer Meeresfrüchte tatsächlich nur Pommes anbot – und die wurden mir zur Hälfte weggefuttert. Thees mit seinen marineblauen Segelschuhen, seinen always gestreiften Hemden und dem darüber geworfenen Pullover sieht wie das wahr gewordene Hamburg reicher Schnösel Klischee aus. Eine vornehme Blässe, rote Haare und dieser obligatorische Akzent vervollkommnen diesen Stil. Im Moment hat er einen Vollbart, rötlich natürlich, wie ihn die Hipster überall in Deutschland gerade tragen. Mir sind da eindeutig zu viele Haare, der müsste dringend gestutzt werden. Wenn er nicht gerade irgendetwas mit IT macht, legt er als DJ TEASE richtig coolen Elektro Swing auf. Das Seltsame ist, obwohl wir in so unterschiedlichen Welten leben, mag ich ihn sehr und kann das Gute in ihm sehen. Er ist mit Sicherheit der reichste von uns allen, aber im Grunde prahlt er nicht damit herum. Das mit dem Champagner zum Beispiel ist keine Angabe, es ist eher etwas, von dem er weiß, dass er Helene damit eine Riesenfreude macht – also wieso nicht?!

Ich helfe Helene dabei, die Gläser aus der geräumigen Küche nach draußen zu transportieren. Paula schnappt sich einen Lappen, um den Tisch auf der Terrasse sauber zu wischen.

Die Sonne scheint, der Himmel strahlt, wir lassen das goldene Getränk genüsslich in unsere Kehlen fließen und schauen ins weite, satte Grün – kann das Leben schöner sein?

 

– So! Ich darf nichts mehr trinken. Wir müssen erst einmal in den Supermarkt! Leckeren Cremant, exquisiten Käse, Baguette, Gemüse und gutes Fleisch zum Grillen kaufen. Es gibt in der Nähe einen Supermarché – stand in der Email. Wer möchte mit?

Ich hasse einkaufen, ich langweile mich da tödlich. Paula fragt, ob wir zuerst das Haus anschauen könnten und die Zimmer verteilen. Wir gehen eine große Treppe ins obere Stockwerk und da erwartet uns die erste Überraschung: da ist ein kleiner Flurbereich mit Schränken zum Verstauen, einem Korb und einem Stuhl und einfach sehr viel Platz. Theoretisch könnte man hier noch ein Doppelbett hinstellen, wenn man das bräuchte. Danach kann man nach links und nach rechts.

Craaaazy!!! Westwing and Eastwing!

Kapitel 1 / 1.Teil

1

Meine liebe Freundin Helene hatte es sich so entspannt und gemütlich, so cozy, vorgestellt, so anders als unsere sonstigen Geburtstagsfeiern. Ihren Dreißigsten wollte sie in dieser komfortablen Villa im Elsass begehen und nicht in der Großstadt an irgendeinem hippen place to be. Ihre engsten Freunde sollten alle fern ihres Alltags mit ihr zusammen sein, am Kamin auf sie anstoßen, mit einem Whisky oder Champagner, ihretwegen auch einem Cremant, sie sollten alles andere um sich herum vergessen. Dass eine Person von diesem Ort nicht mehr in die gemeinsame Heimat zurückkehren – fern bleiben – würde, das hatte sie sich selbstverständlich nicht vorgestellt …

Ein bisschen ärgert uns, dass das Wetter so wunderschön ist, als wir an diesem Donnerstagmittag in Frankfurt losfahren. Niemand von uns hat Lust, die nächsten drei Stunden in einer Blechkiste zu verbringen. Doch je früher wir fortkommen, desto früher können wir im Elsass chillen und unseren ersten Apéritif im Garten zu uns nehmen. Das muss Motivation genug sein. Wir teilen uns in zwei Autos auf: Helene und ich fahren in ihrem roten Austin Mini, während Paula, die aus der Freiburger Gegend stammt und damit die größte Elsass-Kompetenz aufweist, sich zu Thees und Lars in den schicken, schwarzen SLK des ersteren setzt. Sie hatte kurz gezögert, sich gefragt, ob sie nicht besser uns begleiten sollte, das sah ich in ihrem Blick. Plötzlich ist da so ein Gefühl und eine Frage blitzt in mir auf: Hatten sie mal einen Dreier? Oder läuft irgendetwas anderes zwischen ihnen, von dem ich nichts weiß? …

Doch es trifft sich ganz gut, dass sie nicht in unserem Wagen sitzt, denn zwischen Helene und mir herrscht das erste Mal – und das seit längerer Zeit – dicke Luft, die wir vielleicht in diesen nächsten Stunden bereinigen könnten. Das wäre wenigstens eine Baustelle weniger für sie, die sich das alles so relaxing vorgestellt hatte, damals kurz nach Silvester, als sie uns fragte, ob wir an diesem verlängerten Wochenende Zeit für sie hätten. Sie hatte aber nicht mit dem Leben gerechnet, das einen manchmal aus der Bahn wirft – es war so einiges passiert.

Jesus war vor drei Tagen auferstanden und wir reisen gerade  ins vermeintliche Paradies.

– Mitja, ist alles easy zwischen uns?

Sie macht sich Sorgen, dass sie mich in den letzten Wochen vernachlässigt, keine gute Freundin gewesen sei, meine BFF  – zumindest hatte sie diese Abkürzung unter ein gemeinsames Selfie auf Instagram gehashtagt.

Ich fragte sie damals:

BFF? Was soll das sein?!

Ob ich das nicht aus den amerikanischen Serien kenne:

– BFF = Best Friends Forever

Tatsache, darauf hatte ich noch nie geachtet. Helene war für mich immer schon so american gewesen, fern meiner eigenen Herkunft – Klassenfeinde nennen es meine Eltern. Wir waren in den frühen Neunzigern aus Kasachstan nach Deutschland immigriert, so richtig angekommen sind die beiden nie. Helene jedenfalls ist für mich wie die andere Seite der Medaille. Ich bin der verrückte, mittel- und erfolglose Künstler, Prekariat, während sie im Marketing in einer Kunsthalle arbeitet, in dem die Arrivierten ausstellen – die, die ihre Kunst für viel Geld verkaufen können. Sie verdient sicher auch nicht die Welt, hat jedoch anders als ich reiche Eltern. Manchmal werde ich von ihrem Arbeitgeber beauftragt, beim Ausstellungsaufbau zu helfen, bei der Hängung. Einmal hatte sie mich für eine Kunst-Aktion verpflichtet, als Statist.

Sie möchte mir immer wieder helfen, mich unterstützen, das kann ich sehr wohl (an)erkennen.

Die letzten Wochen hatte ich große Schwierigkeiten, mein Leben in den Griff zu bekommen – alles schien mir zu entgleiten. Von ihr war in dieser Zeit kaum etwas zu erwarten, sie beschäftigte sich gerade viel zu sehr mit sich selbst, musste ihre Trennung verarbeiten und hatte viel Stress im Job. Das war so, und beim Liebeskummer konnte ich ihr wirklich nicht weiterhelfen, das hatte sich aus Prinzip verboten …

Helene blickt mich von der Seite an, als erwarte sie etwas von mir. Sie sieht sehr gut aus mit ihrer neuen Frisur, ein bisschen old fashioned, ein bisschen Audrey Hepburn. Die Brille in ihrem Haarschopf hat einen Goldrand, ihre Kette ist aus dem gleichen Metall, die Seiden-Bluse einfach und cremefarben, ihre dunkle Bundfaltenhose ist sehr Business und ihre klassischen, schwarzen Leder-Slipper sind sicher von Joop. Sie trägt nur ein leichtes Makeup, kaum sichtbar, ihre Lippen sind glossy.

– Hör zu, Helly, bei uns war das immer schon so. Mal haben wir fast täglich miteinander zu tun, mal eine Zeit lang fast gar nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass du dich besser in mich hineinversetzen könntest, klar, aber ich konnte ja die letzten Wochen auch nicht für dich da sein.

Sie konzentriert sich auf die Fahrbahn, setzt den Blinker, wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen, den anderen folgen. Sie beißt sich auf die Lippe, sagt dann angespannt:

– Mitja, ich möchte nur nicht, dass es sich auf die nächsten Tage auswirkt. Mir ist das wichtig und ich freue mich seit Wochen darauf. Really!

Vielleicht hätte sie besser gesagt, dass sie mich nicht verlieren möchte, denke ich. Bin ich zu sensibel? Eine Zeit lang lag es in der Schwebe, ob ich mitfahre. Ihr Ex sollte eigentlich mit …

– Es wäre nicht wirklich glaubwürdig und hilfreich gewesen, wenn ich etwas zu deiner Trennung gesagt hätte.

Ich sehe ein kurzes Zucken im Mundbereich, ein angedeutetes Lächeln:

– In der Tat … Es fühlt sich etwas strange an, mit dir alleine im Auto zu sitzen und darüber zu reden.

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich mir wünsche, dass wir schöne Tage miteinander verbringen und dass dies sicher nicht an mir scheitern werde. Helene freut sich sichtlich, streckt mir ihre Faust entgegen und sagt check, was ich erwidere. Sie spielt an der Musikanlage, wählt Moloko – unsere gute Laune-Auto-Musik, seit jeher.

– Selfie-Time!

Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, sie, wie sie das Auto fährt, und mich (oder zumindest mein Gesicht) auf ein Foto zu bekommen – nicht ganz einfach, aber wofür bin ich Künstler. Es gelingt mir. Helene lächelt zum Glück hübsch darauf, ich verziehe wie immer meine Fresse. Ein befreundeter Journalist schrieb einmal auf Facebook, dass ich auf jedem Bild ein Duckface mache.

– Zeig mal!

Sie ist zufrieden und fordert mich auf, es auf Instagram und Facebook zu posten.

– Ich bin gespannt, ob die anderen unser Posting beantworten.

– Wurstkette!

Das schreie ich heraus. Sie daraufhin noch lauter:

– Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuurstkeeeeeeettttttttttteeeeeeeeeee!!!

Wir saßen einst bei einem Essen bei Helene – sie, Thees, Lars, Paula, Fanny und ich – und wollten alle gemeinsam etwas posten. Wir beschlossen, dass jede/r das Wort Wurstkette auf die eigene Pinnwand schreiben sollte, mit Markierung der anderen natürlich. Und wir mussten das alle bei jedem anderen liken. Seitdem schreien wir uns immer zwischendurch Selfie-Time oder Wurstkette zu. Niemand versteht uns, wir müssen aber immer wieder minutenlang darüber lachen.

Tatsächlich hagelt es von unseren Freunden im SLK (diese Protzer, ey!) rasch Kommentare. Sie antworten ihrerseits mit einem professionellen Selfie, auf dem wir Paula in der Mitte sehen und Teile der Köpfe der beiden Männer, den Innenspiegel und die Autobahn im Hintergrund.

– Mal schauen, wer mehr Likes kriegt.

Helene lacht und denkt sich gewiss, dass wir klar im Vorteil sind. Zwar ist Paula unsere Social Media Expertin, macht dies sogar beruflich, aber ich bin ein Künstler, der sehr viel mit diesen Netzwerken arbeitet und eine nicht kleine Anhängerschaft um sich geschart hat. Ohne angeben zu wollen.

Unsere weitere Fahrt ist entspannt, zwischendurch ändere ich die Musik, in dem ich die Anlage mit meinem Smartphone kopple – ein bisschen Gogol Bordello muss jetzt sein. Kurz vor Frankreich schalte ich in den Flugmodus, ich habe mir vorgenommen, die Tage gar nicht ins Internet zu gehen. Könnte mir auch mal guttun, denke ich.