Kapitel 2 Teil 4

Thees schaut nach hinten, mir tief in die Augen, er sitzt nun auf dem Beifahrersitz, Lars hat das Lenkrad übernommen. Ich weiß nicht, was er meint.

– Tu doch nicht so! Zuerst möchtest du nicht mitfahren, weil David dabei ist. Dann trennen die beiden sich und du kommst doch mit. Als es jedoch um die Zimmeraufteilung geht, möchtest du lieber in ein eigenes anstatt mit Helene zusammen. Wieso? Um als zurückhaltender Gentleman zu gelten? Um der Außenseiter in der Clique zu bleiben? Du hast dich bitten lassen mitzukommen, du zeigst ständig jedem, dass du dich eigentlich nur zu Helene zugehörig fühlst, aber nicht einmal das wirklich. Wir wissen alle, dass du sie liebst – und immer schon liebtest!

Er fixiert mich mit seinem Blick, strahlt Autorität und Souveränität aus. Ich sage ihm, dass das alles Bullshit ist und nur seine Wahrnehmung. Dann sagt er selbstsicher:

– Ich stelle fest: Ihr seid sehr gute Freunde, David und du. Er und Helene werden ein Paar. Du entfreundest David. Am Ende wird das sogar richtig hässlich. Du erträgst es nicht, sie zusammen zu sehen, also wird dein Kontakt zu ihr weniger. In den letzten Monaten habt ihr euch kaum noch gesehen. Du hast uns alle nicht richtig mitgekriegt. Als David und Helene sich trennen, bittet sie dich, doch mitzukommen. Du lässt dich bitten, sogar subventionieren – und dann bist du dabei. Oder?

Angriff ist die beste Verteidigung und gegen Gutmenschen wie mich ist nicht gut kämpfen. Außer man zeigt ihnen, dass sie auch nicht besser als man selbst sind.

Er möchte mich zum Außenseiter abstempeln und mir meine Grenzen aufstecken, zeigen, wer hier die Macht hat und wer hier nicht aufmucken sollte. Wir fahren nun am Wasserkraftwerk vorbei, über die berühmte Staustufe des Rheins, in den Wald hinein, der schon deutsches Land ist. Der Empfang ist hier sicher noch schlecht, also fahren wir noch ein Stück, bis wir an einem kleinen Rastplatz halten. Wir steigen alle aus und ich sage laut, dass ich etwas zu sagen habe:

– Thees, Lars, das mit David seht ihr gaaaaaaaanz falsch. Wie ihr euch erinnern werdet, habe ich die beiden sogar zusammengebracht, nicht  nur einander vorgestellt, sondern aktiv dafür gesorgt, dass sie sich daten. Punkt 1. Die Entzweiung hat nichts mit Helene zu tun, es hat mit diesem Festival im letzten Jahr zu tun. Da lief mit der Finanzierung einiges schief, wir hatten mit Dauerregen zu kämpfen und mussten enorme finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Das wäre ja noch okay gewesen, doch David hat mich zusätzlich verarscht. Am Ende sind meine Kooperationspartner und ich auf den Schulden sitzen geblieben, mussten Charity Veranstaltungen und sowas machen. Und er war fein raus und tat in der Öffentlichkeit so, als hätte er alles rausgerissen. Dabei hat er einfach nur beschissen, beschissen, beschissen. Ich habe ihn machen lassen, was die Finanzen angeht. Dieses Vertrauen hätte ich ihm nicht entgegen bringen dürfen. Habe ich aber, weil ich dachte, er wäre mein Freund. Das habe ich Helene alles erklärt, sie glaubte mir zuerst nicht, war so verliebt in ihn und vertraute ihm natürlich. Aber dann begann sie ihn danach zu fragen, ein bisschen zu bohren, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich solche Dinge erfinde.

– Ja, weil du der Gutmensch schlechthin bist, Mitko.

Stichel du nur, Thees. Ätzend! Diese ganze Geschichte hat mir so viele schlaflose Nächte bereitet …

– Sie haben sich immer wieder wegen mir gestritten. Helene hat ihm gesagt, dass es nicht sein kann, dass sie sich zwischen uns beiden entscheiden muss. Dass es nicht sein kann, dass er mich so mit Schmutz bewirft, mich so schlecht dastehen lässt in der Öffentlichkeit. Ich konnte nicht verstehen, wie sie als meine BFF weiter mit ihm zusammen sein konnte, habe ihr mitgeteilt, dass wir nichts gemeinsam unternehmen können, dass das einfach nicht geht. Tut also nicht so, als wüsstet ihr das nicht!

Lars und Thees schauen mich lange an, schätzen ihre Worte ab:

– Nein, wir kennen diese Version nicht, was dich etwas ehrt. Nicht überall solche Dinge hinauszuschreien, jeden mit hineinzuziehen. Doch du hättest es uns erzählen können, ja, sogar müssen. Wir sind deine Freunde. Du möchtest scheinbar nicht, dass wir dir wirklich nahe kommen.

Stimmt das, was Lars gerade äußerte?

– Ich weiß nicht. Vielleicht. Es tut mir leid. Aber erklärt mir, warum ich sonst Helene nicht in den letzten Wochen hätte beistehen sollen.

– Eben, weil du in sie verliebt bist, weil es dich zu sehr geschmerzt hätte, dass sie Liebeskummer wegen eines anderen hat. Das ist viel logischer.

Ist das Thees-Logik? Männer-Logik? Die beiden sehen nicht feindselig aus, wie sie da auf der Rastbank sitzen und sich eine Zigarette anzünden.

– Punkt 1: Ich habe ihr in dieser beschissenen Situation gleich nahegelegt, sich von ihm zu trennen, weil ich der Meinung bin, dass niemand mit so einem falschen Arschloch zusammen sein sollte. Punkt 2 folgt daraus: Da ich ihr immer wieder sagte: Mach Schluss! sie es aber nicht in Erwägung zog, weil sie die Dinge trennte, die man meiner Ansicht nach nicht trennen kann, fiel ich dann als ernstzunehmender Tröster aus. Das wusste sie genau. Und ich dachte, ihr wüsstet, dass es genau deswegen ist.

Lars bedeutet mir, ich solle mich neben ihn setzen, und als ich das tue, klopft er mir jovial auf die Schulter und bedankt sich bei mir dafür, dass ich sie nun endlich aufgeklärt habe. Ich finde es relativ merkwürdig, dass sie das mit dem Subventionieren wissen, aber nicht das andere. Thees zückt sein Smartphone und beschließt die Strategie: Er rufe die Frankfurter an, ich die Freiburger, weil ich zufälligerweise gemeinsame Bekannte mit Paula hier habe, und Lars übernimmt Facebook.

Nach einer halben Stunde sind wir drei völlig ausgelaugt, zucken nur die Schultern, weil wir keinen Zentimeter weitergekommen sind. Keinen einzigen! Niemand hat sie gesehen, niemand etwas von ihr gehört, niemand weiß etwas. Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren zurück. Die Sonne scheint, 25 Grad Celsius zeigt das Thermometer im Auto an.

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Kapitel 2 Teil 3

Trifft das in unserer Konstellation zu? Ich beobachte meine vier Freunde. Lars und Thees gehen voller Spannung in Richtung Tür, möchten aufbrechen, während Helene und Fanny mittlerweile am Tisch sitzen, ihren Cremant schlürfen. Sie werden die Stellung halten, sagen sie, wie es sich gehört, denke ich. Schon seltsam. Und ich stehe dazwischen. Tröste ich die beiden Frauen? Fahre ich mit den Männern und suche die Verschwundene? Worauf ich keine Lust habe …

– Mitja, fahr mit den anderen mit. Wir legen uns in den Garten und betrinken uns wie Patsy und Edina. Thees hat uns noch eine Flasche Bollinger kalt gestellt, der Gute!

Fanny lacht, als Helene das sagt, knufft sie in den Arm.

Wir sind eine Generation der popkulturellen Verweise. Ständig referieren wir in Gesprächen auf etwas anderes, ahmen unsere Vorbilder nach – oder persiflieren sie. Taten das unsere Eltern auch? Im Moment scheint uns diese Referenz zu retten: wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen und lenken uns damit ab. Es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, den Glauben, etwas kontrollieren zu können, vielleicht.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in einem SLK gefahren bin, meine wenigsten Freunde fahren ein Auto, wir sind urban, wir fahren mit dem Rad oder den Öffentlichen – und in Frankfurt können wir auch oft einfach laufen, die Entfernungen sind meist nicht besonders groß. Fühlt man sich in so einem Schlitten anders? Deplatziert zumindest. Wir fahren den Kieswagen entlang. Lars sagt kichernd:

– Vielleicht ist sie ja am Ende des Gartens, direkt bei der Straße, und wir haben sie nicht gesehen. Haha.

– Der Garten ist so groß, dass wir es wahrscheinlich kein einziges Mal schaffen, von einem Ende des Gartens zum anderen zu laufen!

Thees fällt in das Lachen mit ein. Wenn man sie hier vergraben hätte … Mich schaudert es bei diesem Gedanken. Mitja, rufe ich mir innerlich zu, mal den Teufel nicht an die Wand. Es wird alles gut!

Wird es das wirklich – oder wird Helene an dieses Wochenende als den Horrortrip ihres Lebens zurückdenken?

Wir fahren über eine kleine Brücke, ich halte links und rechts Ausschau nach Paula, da geht jeweils ein Pfad entlang, ich sage den anderen, dass wir da vielleicht später mal entlang laufen könnten. Sie nicken wenig begeistert. Wir fahren auf den 50 Meter hohen Wasserturm zu, biegen dann links ab, in eine kleinere Straße mit kleinen Häuschen, Hunden und Dorfidylle, bunt und harmlos. Wir sehen kaum Menschen draußen. Warum eigentlich?

Wir wissen nicht, wo wir hinfahren sollen, überlegen, erst einmal Richtung Süper Ü zu cruisen, obwohl kein normaler Mensch dorthin laufen würde, es ist viel zu weit und es gibt auch keinen Bürgersteig. Auf dem Weg können wir Ausschau halten – wir haben sonst ja keinen Plan …

Apropos Plan: Vielleicht wäre es schlauer, wenn wir nach Deutschland fahren würden, um dort Leute zu erreichen, die Paula gut kennen, angefangen bei den Freiburgern. Ich mache den anderen den Vorschlag, die ihn absolut vernünftig finden, aber wir sollten uns noch wenigstens ein bisschen umschauen und für Getränkenachschub sorgen, ergänzt Thees. Es ist schön hier in der Gegend, dörflich, ruhig, viel Natur, denke ich. Aber mit der Zeit würde ich hier verrückt werden …

– Hattet ihr zwei eigentlich Sex mit Paula?

Das mit dem Dreier möchte ich doch gerne herausfinden, wenn wir unter uns sind.

– Mitja, verkauf‘ uns nicht für dumm! Wir hatten alle Sex mit Paula, Fanny und Helene in den letzten Jahren. Und das weißt du genau, weil deine BFF dir alles erzählt! Warum willst du das überhaupt wissen?

Lars ist mittlerweile genauso ungehalten wie Thees.

– Erstens: ich hatte keinen Sex mit ihnen –

– Und auch das wissen wir von Helene!

Thees ist wütend rot im Gesicht.

– Zweitens: meinte ich einen Dreier.

– Detektiv Mitko, ich frage dich nochmals: Was sollen denn diese Fragen? Möchtest du uns unterstellen, dass wir etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben, weil wir einen Dreier mit ihr hatten? Das wird immer absurder hier!

Er schaut nach hinten, funkelt mich böse an. Ich weiß, dass ich nerve, aber ich möchte das alles verstehen – wieso sie verschwunden ist, was ihr zugestoßen sein könnte, ob die Clique eine Mitschuld oder sogar die alleinige Schuld trägt. Verdammt, ich komme nicht klar auf diese Situation.

WAS IST PASSIERT?!

– Tut mir Leid, Jungs, ich will doch das alles nur verstehen.

– Mitko, mein Freund, für uns ist das auch nicht leicht, und es wird ganz sicher nicht leichter für uns, wenn du glaubst, dass WIR etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnten. Kannst du jetzt bitte den Polizei-Modus aus- und den Freundesmodus wieder einstellen? Bitte, Mitko!

Lars, der Motivator, der Moderator – er sagt etwas Mediatorisches und lässt mich gleichzeitig als der Freundesverräter dastehen. Sauber!

Wenn die beiden etwas damit zu tun haben, sollten sie sich aber seeeeeeeehr warm anziehen.

Wir kommen am Parkplatz des Süper Ü an, gehen in diesen normalen französischen, für deutsche Verhältnisse großen Supermarché hinein, an einer „Gemischtwaren“-Abteilung vorbei, in der es zum Beispiel massig Espadrilles gibt (mit denen sich die Damen gestern schon eingedeckt hatten), Grillbesteck, Gartenzubehör, Spielzeug etc. Thees und Lars laufen zielstrebig zu den Alkoholika und nehmen einen Karton Cremant und zwei Gin mit, sie weisen mich an, mehrere Flaschen Tonic Water zu holen. Dann gehen wir zum Metzger und holen Steaks und Merguez zum Grillen. Kaufen Salat und eine Gurke für den Gin Tonic. An der Kasse müssen wir eine Weile stehen, elsässische Gemütlichkeit nennt man das wohl. Ein bisschen mit den Kunden reden, feststellen, dass die falschen Tomaten abgewogen wurden, Moment, die Kassiererin läuft oder vielmehr schlendert selbst zur Gemüseabteilung, um bei der Rückkehr anzumerken, dass sie tatsächlich so teuer sind wie auf dem Preis vermerkt. Gut gemeint, möchte ich mal sagen. Im Aldi haben sie in der Zeit schon fünf Kunden abgezogen, mindestens. Doch da gehe ich auch nicht gerne einkaufen, ästhetisches Empfinden und Feingefühl sind beim Einkaufen mit dabei, selbst wenn das Geld nicht im Überfluss vorhanden ist …

Auf der Strecke zurück fahren wir ein paar Umwege und Schlenker. Wenn wir Cafés sehen ein bisschen langsamer – so viele gibt es noch nicht einmal hier, dafür einige Döner Läden.

– Darf ich dich mal investigativ fragen, wieso du dich so seltsam verhältst, Mitko?

Kapitel 2 Teil 2

– Tja, ich fürchte aus unserem ‚immer geiler‘ wird etwas anderes, ‚immer gruseliger‘ vielleicht.

Sie kommt mir näher, ich nehme sie in den Arm, lasse sie an meiner Schulter weinen. Mist! Jetzt läuft es auch bei mir. Ich meine, noch ist nichts vorgefallen: Warum denken wir das Schlimmste?!

Wir schreien alle paar Minuten ‚Selfie‘ und ‚Wurstkette‘, wenn wir beieinander sind, wir motzen, wenn wir nicht ins WLAN kommen, und wir denken das Schlimmste, wenn jemand sein Smartphone liegen gelassen hat …

It‘ s a fucking nightmare!

– Helene, wir müssen uns wieder beruhigen, vielleicht gibt es für all das eine gute Erklärung. Lass uns mal weitersuchen. Ja?

Sie nickt schluchzend, ich hole ein Taschentuch aus der Hose und reiche es ihr, sie nimmt es dankend und schnäuzt laut hinein. Ich streiche ihr kurz zärtlich über die Wangen, sie versucht tapfer zu lächeln. Shit! So sollte ihr Geburtstag wirklich nicht sein!

Wir schauen uns weiter um, aber finden nur das 1000er Puzzle mit dem süßen Elefantenmotiv, das Paula mitgebracht und auf das sie sich so gefreut hatte. Sie wollte es mit Fanny und Helly zusammen machen. Es liegt auf einer hübschen antiken Kommode. Unsere Gastgeberin blickt darauf und die Tränen rollen erneut. Ich verstehe sie, aber es bringt uns gerade nicht weiter. Trotzdem gehe ich auf sie zu und nehme sie erneut in meine Arme. Lange Zeit hatte ich mir verboten, sie so intim zu berühren, bis gestern Nacht am Kamin, bis jetzt eben, sonst hatte ich sie nur flüchtig bei Begrüßungen und Verabschiedungen umarmt und leicht geküsst. Es fühlt sich gut an, sie in den Armen zu halten, ihr Beschützer zu sein – obwohl die Situation gerade nicht die schönste ist. Wir hören die anderen die Treppe hinuntergehen, es sind keine beschwingten Schritte, eher die von mitfühlenden Elefanten, die in ihrem Sozialverhalten dem Menschen so ähnlich sind –zum Beispiel in der Trauer um verstorbene Artgenossen. Lars sagt:

– Das Bett ist ungemacht, vermutlich hat sie darin geschlafen. Der Rest sah ordentlich aus. Es scheint alles noch da zu sein, aber keine Ahnung. Vielleicht hat sie ja etwas aus den Taschen mitgenommen.

Er zuckt mit den Schultern. Woher sollen wir wissen, was sie alles in ihrem Gepäck hatte. Nach wie vor besteht die Möglichkeit, dass sie einfach nur alleine nach Marckolsheim wollte, einen Kaffee trinken, entspannen, Ruhe vor uns allen haben.

– Habt ihr etwas gefunden?

Helene antwortet für uns:

– Fanny, ihr Smartphone liegt noch an der Anlage.

– Oh nooooooooooooooooooooo!

Sie wird augenblicklich blass und man sieht den Schrecken in ihren Augen.

– Habt ihr es gecheckt? Vielleicht finden wir darauf Informationen.

Lars bleibt ruhig und vernünftig, läuft zielgerichtet auf das Smartphone zu, nimmt es in die Hand und drückt ein paar Knöpfe.

– Merkwürdig.

– Was?

Helene schaut ihn aufgeregt an, möchte wissen, was er entdeckt habe.

– Keine SMS im Speicher. Whatsapp scheinbar deinstalliert. Bilder und Videos gelöscht. Nur noch Musik ist drauf. Und der Anruf von Thees. Der Rest der Telefonliste ist auch spurlos verschwunden.

– Und die Facebook-App? Instagram? Snapchat vor allem? Paula hat immer ganz viel auf Snapchat gemacht!

– Verrückt! Alles weg, selbst Tinder. Wie kann das sein?

Wir schauen uns alle verwirrt an. Ja, wie kann das sein?

Thees sagt ruhig:

– Sie hatte doch gestern diese Probleme mit dem Smartphone, wie ihr wisst. Vielleicht …

– Thees, das ist doch absurd! Man löscht doch keine Apps, Bilder und Nachrichten in so einem Fall. Und die Telefonliste?

– Ja, ich weiß es doch auch nicht, Helene!

Lars schaut ihn eindringlich an:

– Du bist unser IT’ler, du müsstest doch das alles wieder zurückholen können, was sie da gelöscht hat. Oder irgendwer.

– Lars! Ich werde da gar nichts dran machen. Stell dir vor, wenn wir die Polizei rufen müssen. Wir sollten ihre Sachen jetzt alle schön in Ruhe lassen und warten.

Er schüttelt den Kopf, während er das sagt, dann schaut er uns alle der Reihe nach an.

– Die Polizei? Rufen wir sie jetzt an?

Fanny ist ganz aufgelöst, weiß nicht mehr weiter. Wir stehen alle vor dem Kamin, wissen nicht, wohin mit uns. Was macht man in so einer Situation?

– Ich schlage vor, dass wir uns in der Gegend umsehen, wir fahren mit dem Auto rum und suchen sie. Wer kommt mit?

Thees ist nun ganz pragmatisch, er hat in der nächsten Minute den Schlüssel in der Hand. Er sagt, dass mindestens eine Person da bleiben sollte, falls sie doch zurückkehrt. Lars erwidert:

– Du hast Recht. Aber eine Sache haben wir noch nicht gecheckt: wir waren immer noch nicht im Keller!

Fanny und Helene schütteln den Kopf, sie wollen nicht mit. Die Treppe hat ein kleines Gitter, damit kein Kleinkind hinunterstürzt. Überall gibt es so kleine familienfreundliche Gimmicks in dieser Villa, sogar ein Babyhochstuhl zum Essen. Wir drei Männer gehen die Treppe hinunter ins Ungewisse. Stairway to heaven und Highway to hell fallen mir dazu unpassenderweise nur ein … Natürlich ist der Keller wie jeder Keller, aber angesichts der Größe des Gebäudes ist so viel Platz da, dass man …

– Genial für einen kleinen rave. Stellt euch vor: der Schießanlagen-SS-rave!

Nun stauche ich Lars für seine unpassenden Äußerungen zusammen, man kann es echt übertreiben in so einer Situation der Sorge. Ich sage ihm, dass er weitersuchen solle.

– Da ist das Gerät, das ich als einziges gehört habe in der letzten Nacht.

Thees zeigt auf die riesige Lüftungsanlage, die vor sich hin stöhnt. Das ist das einzig Bemerkenswerte, das wir hier unten finden. Ich möchte zwar gerne sofort wieder hoch, aber ich schaue die beiden Jungs an, sage:

– Unter uns: Was ist los? Ihr seid mit Paula hierher gefahren. Du, Thees, bist mit ihr gestern Abend auf der Hinfahrt alleine gewesen. Und entweder da oder bei der Rückfahrt ist etwas vorgefallen.

Er funkelt mich ganz böse an, macht einen Schritt auf mich zu, seine roten Haare fallen in die Stirn, er bleibt plötzlich ruckartig stehen, etwa einen knappen Meter vor mir, wütend schreit er:

– Was willst du denn von mir, du kleiner Möchtegern-Künstler?! Warum unterstellst du mir dauernd so `nen Scheiß?! Ich habe rein gar nichts damit zu tun und weiß echt nicht, was das soll!

Möchtegern-Künstler? So denkst du also über mich, Thees? Autsch! Das ist nicht schön! Lars blickt zwischen uns beiden hin und her.

– Hört auf damit, beide! Das bringt uns null weiter! Thees, Mitja möchte nur Licht ins Dunkel bringen (haha, im Keller!), und Mitja, Thees hat das gerade nicht so gemeint. Unsere Nerven liegen blank.

Der Motivator und Aufmunterer schlägt wieder zu, der gute Larsi. Mich verletzt das wirklich. Denkt Thees wirklich so über mich? Und denke ich etwas Schlechtes über ihn? Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl, was ihn und Paula angeht. Ist das unfair? Ich entschuldige mich bei ihm. Und dann kommt er mir noch näher, umarmt mich kurz.

– Alles cool. Ich habe es gerade echt nicht so gemeint. Es kam nur etwas schräg rüber von dir. Da ist echt nichts gewesen. Paula hatte Probleme mit dem Internet, ich habe ihr in dem Moment, in dem sie gereizt war, gesagt, dass sie auch mal ein paar Stunden ohne ständiges Whatsappen, Simsen, Snapchatten und Bilder auf Facebook hochladen aushalten könnte. Und dann war sie sauer auf mich, die kleine Prinzessin. Und Fanny war sauer, weil ich ihr zur Begrüßung flapsig mitteilte, dass sie mein roommate sei und ich mich sehr darüber freue. Sie meinte: Toll, dass ich das mitentscheiden darf. Die beiden Damen waren sich einig, dass ich ein typischer Macho-Arsch bin und schmollten gemeinsam. That’s all there is to it. Okay?

Das klingt schlüssig und wenn er so charmant unschuldig lächelt, möchte ich ihm gerne glauben. Lars fordert uns auf, endlich zu den anderen hochzugehen, Bericht zu erstatten. Als wir oben sind, gehen wir direkt links in die geräumige Küche. Die beiden Damen stehen da und trinken Cremant. Zur Beruhigung, wie sie sagen. Sie schauen uns fragend an, doch wir zucken nur mit den Schultern, da sei nichts.

Wir haben nie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen, was wir sagen, wie wir uns verhalten sollen. Wir denken, dass wir alle traurig und geschockt sein müssen, vielleicht ist es besser, wie Lars pragmatisch zu sein, aufzumuntern, Hoffnung auszustrahlen und Witze zu machen – als wäre die Welt völlig in Ordnung. Ich schenke mir ein Glas Cremant ein.

– Freunde, wir haben keine Zeit zu vertrödeln, wir kurven jetzt durch die Gegend und suchen sie.

Lars übernimmt die Führung. Thees unterstützt ihn:

– Wir suchen sie nicht, sondern FINDEN sie.

Männer müssen die Starken spielen, Frauen sind die Starken.

Kapitel 2 Teil 1

2

Ich liebe diese Matratze, nicht zu hart, nicht zu weich, gerade richtig für mich. Sofort schlafe ich ein und wache, wie so oft, wenn ich zu viel getrunken und gekifft habe, viel zu früh wieder auf. Um sieben Uhr gehe ich also kurz in die Küche und koche mir einen Tee, alles ist so verdammt ruhig hier, höchstens Vogelgezwitscher kann ich vernehmen, keinen Verkehr, keine verdammte U-Bahn wie bei mir zuhause. Und alle anderen scheinen selig zu schlafen … Oben angekommen lasse ich mir Wasser in die Badewanne einlaufen und mache es mir darin gemütlich – mit dem Tee und dem Roman Die Interessanten von Meg Wolitzer – ein durchaus passendes Buch für dieses Wochenende, wie ich finde. Das heiße Wasser tut mir gut, der Geruch nach Lavendel, rasch schaffe ich es in die Geschichte einzutauchen …

Nach dem Eincremen entscheide ich, mich noch einmal hinzulegen, ein bisschen zu dösen. Schlaf ist wirklich das, was in unserem modernen Leben am meisten fehlt, denke ich. Erfrischt wache ich um elf endgültig auf, ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose über und begebe mich auf den Weg in die Küche. Dort stehen Thees, Lars und Fanny herum, eine Kaffeetasse in der Hand. Sie fragt mich:

– Magst du auch einen? Gerade frisch gekocht!

– Nein, danke. Wo ist das Geburtstagskind?

– Helene ruht noch.

– Paula?

Lars sagt:

– Keine Ahnung. Wir müssen eh auf Helly warten. Draußen haben wir schon angerichtet, Fanny war in der Boulangerie und Thees hat den Cremant kalt gestellt.

In diesem Moment kommt das Geburtstagskind herein. Sogar ungeduscht sieht sie damenhaft und wie aus einem Fünfzigerjahre Film aus. Sie trägt einen apricotfarbenen, seidenen Morgenmantel und Pantöffelchen.

– Na, whatsup, guys?

Thees fragt mich, ob ich mal hoch zu Paula könnte, damit wir uns zum Frühstücken und zum Geburtstags-Sekt treffen könnten. So steige ich die Treppen wieder nach oben, klopfe an ihre Zimmertüre, höre kein „Bitte“ und kein „Komm herein!“, also klopfe ich noch einmal, rufe ihren Namen. Nichts. Ich öffne also die Türe und sehe, dass sie nicht im Raum ist. Okay. Dann fällt mir das Dach ein und ich bewege mich dorthin, aber auch da ist sie nicht. Von oben blicke ich in die Umgebung, sehe sie aber nirgends. Ich laufe also zu den anderen nach draußen; sie sitzen alle schon am gedeckten Tisch.

– Vielleicht ist sie joggen …

Das sage ich achselzuckend. Niemand hatte sie gehört oder gesehen die letzten paar Stunden. Thees sagt, dass er seit 9 Uhr unten war. Merkwürdig. Paula ist unsere Sportskanone, fährt Rennrad, rudert und ist schon einen Marathon gelaufen. Sie ist allerdings auch die Frühaufsteherin unter uns, daher verwundert es schon, dass sie um diese Uhrzeit noch beim Sporteln sein soll. Wir anderen frühstücken genüsslich, schauen uns dabei immer wieder die Farbenpracht des Gartens an, wundern uns über die Stille und unterbrechen sie gelegentlich durch albernes Gerede – unsere Irritation über Paulas „Verschwinden“ versuchen wir alle zu verdrängen.

– Mhhhhh! Der Käse ist so delicious. Mhhhhh. Habt ihr schon mal den in der Mitte probiert? Wow!

Ich denke in dem Moment: Helene, DU bist delicious und liebenswert. Liebenswert deliziös! Es sind doch die kleinen Marotten, die wir an Menschen lieben – oder hassen. Je nach dem.

Thees stellt fest, dass es keinen frischen Kaffee mehr gibt, so macht er sich auf, welchen zu kochen. Die Croissants und Tartes sind wirklich lecker, wir stopfen uns alles genüsslich in den Mund. Alles könnte perfekt sein … wenn … Als Thees zurückkehrt, hat er nicht nur Kaffee dabei, sondern auch einen Ordner.

– Helene, sagtest du nicht, dass die Besitzerin des Anwesens eine Jüdin sei?

– Doch, Thees, das sagte ich. Wieso fragst du?

– Schon mal in diesen Ordner hineingeschaut?

Thees gibt ihn ihr und beginnt unsere Tassen der Reihe nach aufzufüllen.

– Das machst du gut, Süße!

Larsi klatscht ihm auf den Hintern und kichert vor sich hin.

– Alta, du bist so albern!

Thees sagt es und muss trotzdem mitlachen. Dann wird er plötzlich wieder ernst:

– Ist aber dann creepy, wenn man bedenkt, dass die SS hier wilde Orgien am Kamin gefeiert hat …

Whuuuuuuuuuuut?!

Helly wird ganz blass und schaut geschockt, Fanny nicht minder.

– Wo steht das?

Sie blättert den Ordner durch.

– Naja, 1934 wurde diese Villa gebaut, damals gehörte sie ebenfalls einem Juden, der später zwangsenteignet wurde. Ich meine, das hier ist ja optimal für die SS gewesen als Stützpunkt. Von Orgien steht  natürlich nichts drin …

– Nein, aber von einer Schießanlage im Keller …

Unsere Gastgeberin schluckt:

– Hätte ich das gewusst …

Lars ist offensichtlich anderer Meinung:

– Was wäre dann gewesen? Ich meine, das war damals. Mein Gott! Mich interessiert das `nen Scheiß! Wirklich!

– Aber Paula …

Alle schauen nun Fanny an, versuchen ihren Blick zu verstehen. Was hatte nun das Verschwinden von Paula damit zu tun?

– Sag mal, hackt es bei dir? Was hat jetzt Paula damit zu tun? Glaubst du, dass heute Nacht ein SS-Geist sie entführt und in den Keller gebracht hat? Hast du zu viele Horrorfilme gesehen?

Die Angesprochene fängt an zu schluchzen, Helene setzt sich näher zu ihr, faucht Lars an:

– So brauchst du nicht mit ihr zu reden, Motherfucker! Was soll das denn? Wie unsensibel bist du denn?

Er schaut sie pikiert an, versteht den Aufruhr nicht. Manchmal reagieren Männer und Frauen doch sehr unterschiedlich auf solche Dinge. Thees schnaubt verächtlich:

– Beruhigt euch mal, Freunde! Wir gehen gleich mal in den Keller und schauen nach dem Rechten.

– Ich gehe sicher nicht in den Keller! Und, Jungs, das ist alles gar nicht so lustig! Was ist, wenn Paulita etwas zugestoßen ist? Lasst uns lieber in ihr Zimmer gehen und nachschauen, ob sie etwas mitgenommen hat. Oder was da sonst los ist …

Helene nickt bedrückt und sagt:

Shit! So hatte ich mir meinen Geburtstag nicht vorgestellt. Apropos: hat sie schon mal jemand angerufen? Vielleicht hat sie sich verirrt?!

– Wir sind solche Holzköppe!

Fanny schlägt sich auf den selbigen und danach erkenne ich ein kleines hoffnungsvolles Funkeln in ihren Augen. Thees hat bereits sein Smartphone gezückt und die Nummer gewählt:

– Es klingelt und klingelt, aber sie nimmt nicht ab.

– Wir sollten schauen, ob sie es überhaupt dabei hat. Kommt, lasst uns abdecken und alles hineinbringen, dann schauen wir uns im Haus um.

– Ach, das wird ein SpaSS mit zwei S. Haha. Versteht ihr, SS?

Woher nimmt Lars nur diesen schwarzen Humor, der andere vielleicht verletzen könnte? Die beiden Frauen schauen ihn wütend an. Er zuckt nur mit den Schultern und stapelt Teller aufeinander.

– Lars, hör jetzt bitte damit auf!

Helenes Stimme ist fest und laut, sie möchte keine weiteren unpassenden Bemerkungen hören. Sie macht sich Sorgen um ihre Freundin – und das mit der SS drückt noch mehr auf ihre Stimmung, das ist deutlich. Ich bin in der ganzen Sache mehr der Beobachter, ich weiß gar nicht wieso. Nicht, dass es mich weniger beträfe als die anderen, nicht, dass ich weniger emotional als Fanny und Helene wäre, oder weniger schwarzhumorig als die beiden Herren (obwohl: das schon). Nein, es ist eher das dunkle Gefühl, dass sie nicht mehr auftauchen wird, so lange wir im Elsass sind, dass etwas Schlimmes passiert ist, und dass wir nicht fündig werden im Haus – nicht in ihrem Zimmer, nicht in ihrem Smartphone, das vermutlich noch hier irgendwo rumliegt. Das kann ich selbstverständlich nicht laut sagen.

Viele Dinge wissen wir schon viel früher, als wir es wahr haben möchten – und meistens verdrängen wir es mit wildem Aktionismus. Allerdings sind die Dinge manchmal auch sehr viel einfacher und weniger bedrohlich, als wir es uns vorstellen. Daher bleibt uns immer dieser Rest Hoffnung …

Fanny, Thees und Lars schauen oben in ihrem Zimmer, während Helene und ich uns unten auf die Suche nach Besitztümern Paulas machen. Im Flur finden wir ein Paar Schuhe, Sneakers. Die könnte sie vergessen haben, selbst wenn sie alles andere mitgenommen hätte. Doch zwei Blicke ins Ess- und Wohnzimmer genügen und wir finden ihr Smartphone, das seit gestern Nacht an der Anlage angestöpselt ist. Paula ohne Smartphone? Das ist wie ein Frankfurter Schnitzel ohne Grüne Soße – einfach undenkbar! Dass sie es gestern Nacht betrunken und zugekifft vergessen hat, das kann ja passieren, aber dass sie es nach dem Aufwachen nicht gleich gesucht hat? Helene denkt das gleiche wie ich, als wir das Mobiltelefon sehen:

– DAS ist jetzt schon das worst case scenario, oder? Pauli ohne Smartphone? Nein, sie muss entführt worden sein oder ähnliches.

Sie wird immer blasser, fast schon grün im Gesicht, in ihren Augen sehe ich Tränen. Helene Blues schon tagsüber. An ihrem Geburtstag.

Kapitel 1 Teil 5

– Immer geiiiiiiiileeeeeeeeeeeeeeer!

Paula lacht. Fanny schaut sie fragend an und wird dann aufgeklärt.

– Immer steieieieieeieileeeeeeeeeer!

Wir rauchen den Johnny, trinken den guten Whisky, der bald zur Neige geht, Helene schaut selig und sagt immer wieder: wie nice. Fanny, möchte kurz ansprechen, ob wir das mit den Zimmern nicht ändern könnten: sie mit Helene und Lars und Thees in einem Bett.

– Nein! Ich bin doch nicht schwul!

Larsi ruft es aus, er meint es hoffentlich nicht ernst. Thees kichert.

– Und wie schwul du bist! Aber ganz egal: ich möchte auch nicht mit dem Freak in einem Bett schlafen. Fanny, wo ist das Problem?

Helene blickt sie lange an:

– Ja, Fanny, wo ist das Problem?

– Schon gut, wir werden nachher eh alle so fertig sein und gleich einschlafen.

Ja, da ist nicht nur etwas, da ist ganz viel – unter der Oberfläche …

Sie schaltet sofort runter, wie es ihre Art ist. Doch jetzt meldet sich Paula:

– Was ist denn daran so schlimm, wenn Fanny das Zimmer wechseln möchte? Mitja, du hast ein Doppelbett, können wir da schlafen? So lässt sich das Problem ebenfalls lösen …

Helly schaut verwirrt drein, es entgleitet ihr, sie möchte es unbedingt wissen:

– Was ist denn los, verdammt?!

Thees schaut alle außer ihr in der Runde an, auffordernd, eindringlich – er scheint nüchtern zu sein. Die anderen nicken. Was ist hier los? Ich bin außen vor, weder habe ich ihm geantwortet noch zuvor Paula. Dann sagt Thees bestimmt:

– Nichts ist los! Wir schlafen so, wie wir es heute Nachmittag beschlossen haben, Paula! Alles ist gut. Ich drehe uns noch eine Runde und dann ist gut!

Die nächsten zehn Minuten folgt ein lautes Schweigen. Helene und ich sind ganz raus, wissen nicht, was das soll. Was mit Lars ist, kann ich nicht sagen, er lässt sich zumindest nicht anmerken, ob er involviert ist. Okay, scheinbar läuft etwas, wovon zumindest zwei Personen gänzlich abgeschnitten sind. Nur was? Das ist schon sehr merkwürdig. Ich blicke Helene an, sie zuckt die Schultern. Plötzlich fühle ich mich ihr so nahe und bereue alle negativen Gedanken, die ich ihr gegenüber hatte. Sie ist herzlich und wundervoll. So gerne möchte ich sie in den Arm nehmen, sie spürt das wohl und rückt ihren Sessel ganz nah neben meinen, lehnt ihren Kopf an meine Schulter, ich lege den Arm um sie. Das tut so gut wie die Wärme des Feuers, das endlich wunderschön lodert.

Und was lodert unter der Oberfläche unserer Clique?

– Die letzte Runde Whisky on the rocks für uns alle!

Thees lächelt uns selig an, das Kraut hat bei ihm ganz schön reingehauen. Auch alle anderen scheinen etwas entspannter zu sein. Das wäre sonst eine sehr ungemütliche Nacht geworden. Paula stöpselt ihr Smartphone an die kleine Anlage auf der Holztruhe neben unseren Sesseln, legt jazzige, chillige Barmusik ein. Wir trinken und überlegen, was wir die nächsten Tage machen könnten. Helly schlägt einen Ausflug nach Colmar vor, gleich nach dem Geburtstagsessen am Mittag.

– Morgen steigt das Thermometer auf 25 Grad, sagt meine Wetter-App.

Helene ist wieder positiv und glücklich – und das macht mich glücklich. Schön, dass sie mich davon überzeugte mitzukommen, denke ich in diesem Moment.

– Ich habe eine Idee! Lasst uns Trampolin springen. Jetzt!

Thees ist ganz beseelt von der Idee, Paula findet das ebenso toll, ich mache so einen Blödsinn sowieso immer mit. Lars und Helene schauen uns etwas befremdet an:

Really? So drunk und stoned wie wir sind? Ob uns nicht übel wird?

– Dann machst du Fotos und Videos von uns. Auf, raus mit uns!

Thees läuft lachend aus der Tür in den hinteren Garten, wir alle anderen hinter ihm her. Wir krabbeln zu viert durch das Netz, barfuß, und fangen an zu hopsen. Thees ruft:

– Wart ihr schon mal nackt auf einem Trampolin?

Er beginnt seine Klamotten auszuziehen.

Craaaaazzyyyyyy!

Helene lacht sich kaputt, Lars schüttelt den Kopf, Fanny und Paula verlassen das Trampolin – und ich ziehe meine Klamotten ebenfalls aus. Mein rothaariger Freund singt nun eine Textzeile von Die Orsons („Schwung in die Kiste“).

– Aber seid ihr schon mal nackt auf einem Trampolin gesprung‘? / Alles wackelt, wir woll’n tanzen, doch der DJ nervt mit Cutten / D-DJ nervt mit Cut-Cut-Cut-Cutten (Was?)

Ja, alles hüpft und es macht noch mehr Spaß, obwohl es seltsam ist, wenn man mit dem Hintern auf diesem Trampolinmaterial aufkommt – es scheuert ein bisschen. Durch das viele Lachen und Hüpfen geht mir die Luft verloren, aber ich kann nicht mehr aufhören, aufhören, aufhören.

Nach einer Viertelstunde ziehen wir zwei uns wieder an, die anderen sind schon oben in ihren Zimmern. Wir gehen ebenfalls ins Haus und verabschieden uns oben an der Gabelung zwischen West Wing und East Wing. Ich freue mich, mein eigenes luxuriöses Zimmer zu haben …

Kapitel 1, Teil 4

Er zuckt die Schultern, sagt, er muss, und Paula sagt, dass sie ihn begleiten und aufpassen werde.

– Oh, du fährst mit. Cool!

Helene sagt das ganz unschuldig, denkt sich nichts dabei, freut sich, dass Thees jemanden zum Reden hat. Wir haben herausgefunden, dass er zwanzig Minuten zu diesem Bahnhof Riegel-Malterdingen braucht.

– Ja, erstens wollte ich kurz ins Internet in Deutschland, zweitens wollen wir ja nicht, dass du deinen kleinen, hübschen Hintern hier wegbewegst.

Helly schluckt leicht, weiß nicht genau, wie sie es auffassen soll, aber bevor sie etwas sagen kann, stehen Thees und Paula auf und ziehen ihre Schuhe an. Kurze Zeit später hören wir das Auto vorfahren, sehen die Blinklichter an den Wohnzimmerfenstern vorbeihuschen.

Lars sagt:

– Habt ihr beiden Stress, Helly? Also du und Pauli, meine ich.

– Das war schon grob gerade, oder? Es liegt nicht an mir, dass ich das denke?

In ihren Augen sehe ich Tränen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, was nun kommt – ich habe keine Lust darauf, aber es ist jetzt unabwendbar.

– Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nichts richtig mache in den Augen von Paula und Fanny. Ständig kritisieren sie mich, werfen mir spitze Bemerkungen zu. Schon beim Salat anrichten vorhin hat sie mich ständig angemotzt – zu grob geschnitten, nicht sauber genug geputzt, nicht gut abgeschmeckt etc. Und das immer in so einem feindseligen Ton! Ich tue doch alles, dass  hier alles easy peasy ist, feelgood and relaxing. Oder etwa nicht?

Helene weint nun. Lars setzt sich neben sie und legt einen Arm um sie. Das war zu erwarten! Beides.

Der Alkohol! Der Helene Blues!

Ich stehe erst einmal auf, hole mir neue Eiswürfel, schütte mir Whisky in mein Glas. Mittlerweile hat sich Helly aufgerichtet.

– Ich bin es leid, dass mir ständig etwas vorgeworfen wird. Was habe ich denn so Schlimmes getan?

Ich versuche mich in die beiden anderen hineinzuversetzen:

– Reine Vermutung, aber ich denke, es sind zwei Sachen, Helly. A) findet Fanny dich, glaube ich, gerade etwas anstrengend. Du hast in den letzten Monaten ständig Krisen und sie muss für dich da sein – und ist es auch. Fanny hat aber im Moment auch nicht die beste Zeit ihres Lebens, ihr hörst du jedoch selten zu, wenn sie dir etwas ihr Wichtiges erzählen möchte. Behauptet sie zumindest. B) sind Paula und Fanny eher die verlässlichen Menschen. Wenn sie etwas zusagen, dann kommen sie beziehungsweise machen sie es. Wir beide sind da etwas anders. Deswegen haben wir zwei in der Regel keine Schwierigkeiten miteinander. Ich konnte in der letzten Zeit nicht für dich da sein, wegen ihm. Das weißt du. Und deswegen hat Fanny eben alles abgekriegt.

Lars wendet ein:

– Aber dann verstehe ich ganz gut, wieso Fanny sauer sein könnte, aber Paulita?

– Paula weiß das alles von Fanny und ist auf ihrer Seite. Paula denkt vielleicht, es wäre eigentlich die Aufgabe von der Organisatorin Helene, ihre Freundin am Bahnhof abzuholen. Erstrecht, weil Fanny in der letzten Zeit immer alles für sie hat stehen und liegen lassen.

Come on! Man kann es auch übertreiben, oder? Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten kein Ohr für euch habe. Mitja, du sagst das ja auch. Aber was soll das Aufrechnen? Wenn es mir einmal nicht gut geht … Ich versuche immer für meine Freunde da zu sein.

Sie schluchzt wieder, vergräbt sich in ihren schrecklichen Blues.

– Helene hör auf! Natürlich tust du alles dir Mögliche für deine Freunde. Wir wären alle nicht hier, wenn wir dich nicht lieben würden. Es gibt Kritikpunkte, aber auf allen Seiten. Wir sind alle etwas eigen, etwas egozentrisch gelegentlich. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Niemand sagt, dass Fannys oder Paulas Perspektive wahr ist … Du hast es geschafft, so unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Es ist nicht unsere erste Reise und es wird nicht unsere letzte sein. Bei uns MUSS es krachen, vor allem wenn du getrunken hast.

Ihre Lippen zucken, ein Lächeln deutet sich an. Ich lache in ihre Richtung:

Come on! Everything fine! Wenn die anderen kommen, sind wir wieder gut drauf. Wahrscheinlich hat sich Paula noch nicht einmal was dabei gedacht.

Meine Worte in sonstwem‘s Ohren. Gott. Paula. Oder wer auch immer diese schwelenden Konflikte ausräumen könnte.

 

Als Lars und Paula mit Fanny ankommen, spüre ich eine merkwürdige Stimmung. Sie sehen alle nicht wirklich glücklich aus. Paulita schreit ins Wohnzimmer:

– Ich zeige kurz Fanny ihr Zimmer, macht uns schon mal Drinks.

Thees setzt sich zu uns, schüttelt leicht den Kopf. Ich frage:

– Ist was?

– Nein, nein, die beiden sind nur etwas gereizt, Paulas Smartphone ging nicht so richtig, sie kam nicht ins Internet. Und Fanny hatte in der Bahn so stressige Mitfahrer – Jungs, die betrunken und pöbelig waren.

Helene sagt lächelnd, dass so etwas passieren könne. Nun schaut er sie an:

– Ist bei euch etwas passiert?

– Schmarrn, Thees! Jetzt hol mal mit den Getränken auf. Jeder muss nachher abgefüllt sein. Um Mitternacht stoßen wir dann gemeinsam auf Helene an und singen ihr ein Lied.

Lars ist sehr gut in der Rolle des Motivators. Ein paar Minuten später beehren uns die beiden anderen Damen mit ihrer Anwesenheit. Sie scheinen diskutiert zu haben. Helly umarmt sie ganz lange, beide. Da zeigt sie Größe, finde ich. Als sie wieder sitzt, sagt sie munter:

– Fanny, stell dir vor. Ich breche mir an der Kasse im Supermarkt einen mit meinem Schulfranzösisch ab, dann antwortet mir die nette Kassiererin auf Deutsch. Haha. Hier braucht man echt kein Französisch.

– Zumindest nicht die Sprache!

Fannys Humor. Wir müssen alle lachen. Fanny ist ein bisschen unsere Scherbatsky – genauso attraktiv, aber gleichzeitig ein Kumpel und sehr lustig, eine Stimmungskanone. Manchmal ist sie vielleicht zu oberflächlich, zu tussig – wenn Lars eine politische Diskussion anzettelt, schweigt sie immer und trinkt ein Sektchen.

– Und der Laden heißt Süper Ü, stellt dir vor. Haha.

– Seeeeeelfiiiiiiieeeee Time, Kinder. Ich hole kurz mal meinen Stick.

Paula ist schon resigniert:

– Oh Mann!

Selfie vor dem Kamin, lächelnd, mit Whisky in der Hand. Später werden wir uns nur an diesen „glückseligen“ Moment, wie er auf Facebook gebannt wurde, erinnern. Und nicht an unsere Konflikte … Oder?

Kurz stehen wir in der Küche zusammen, Thees und ich:

– Irgendwas war doch im Auto. Ich bin weder doof noch blind.

– Mito, es ist alles okay wieder. Ja? Lass uns auf Helene anstoßen! Habe übrigens ein bisschen Shit mitgebracht. Rauchen wir nach dem Schampus. Passt gut zum letzten Whisky des Abends.

Ich bleibe skeptisch, glaube ihm nicht. Irgendetwas ist vorgefallen, aber ich habe keine Idee was.

 

Manchmal spürt man etwas unter der Oberfläche und kriegt es ganz lange nicht zu greifen – bis es vielleicht zu spät ist …

 

Das nächste Selfie folgt beim Anstoßen auf das Geburtstagskind. Diese Porträts sind dann das Intro für unsere eigene Soap. Bei uns heißt es nicht „How I Met Your Mother“, bei uns heißt es vielleicht: „Before We Lost Something“.

 

Gruppenbild mit Paula. Es war das letzte dieser Art, aber das wussten wir da noch nicht.

Kapitel 1 Teil 3

Wir gehen zuerst nach links, wo sich zwei Schlafzimmer befinden, eines größer mit einem riesigen Badezimmer, eines kleiner. Helene entscheidet sich rasch für das erstere, Lars schaut sie fragend an, sie nickt. Thees beschließt das Zimmer nebenan zu nehmen, er beschließt, dass Fanny sich zu ihm ins Bett legen soll. Ich finde das eher merkwürdig, schließlich sind sie keine Paare, aber ich sage nichts …

Auf der anderen Seite sind weitere zwei Schlafzimmer und eine Toilette. Im ersten Zimmer steht ein altes, wunderschönes Holzbett, in das sich Paula sofort verliebt. Im zweiten ist ein kleines rosa Bad integriert. Das möchte ich haben, vor allem, weil ich zuhause keine Badewanne besitze.

Haben wir hier schon scheinbar keine Konflikte, ist es bei dem Einkaufsthema noch leichter: dass Paula und ich keine Lust haben, wird von den anderen vorausgesetzt. Wir gelten beide als launisch und manchmal etwas schwierig, womit sie wohl Recht  haben. Bei mir kommt dazu, dass ich stets blank bin, was die anderen genau wissen, insbesondere die großzügige Helene, die meinen Aufenthalt hier subventioniert. Ich bin oft viel zu undankbar ihr gegenüber! Paula merkt an, dass wir noch auf das Dach müssten, bevor sie losfahren. Es geht erst einmal durch ein bisschen Gerümpel eine Treppe hoch. Und dann stehen wir da und können unseren beiden Gärten überblicken und sogar bis zu den Vogesen bei diesem herrlichen Wetter. Paulita sagt:

– Boah, geil hier oben. Ich hole meine Sachen und lege mich mal eine Weile hin.

Ich mache es mir lieber unten gemütlich, setze mich auf die Wiese und lese eines meiner Bücher, die ich mitgebracht habe. Neben mir ein Glas Champagner. Mein Leben sieht sonst etwas … anders aus …

 

Das erste Ziel ist, mit einem Glas Cremant in der Hand Federball und Tischtennis auf unserer Wiese zu spielen.

– Immer geiler! Immer steiler!

Helene lacht, sieht unbeschwert und glücklich aus, und macht mit ihrem iPhone Schnappschüsse von Lars, Thees, Paula und mir.

– Ist das eine jeile Hütte, wa?

Sie berlinert ein bisschen, wenn sie getrunken hat. Thees, der heute noch recht nüchtern bleiben muss, weil er später Fanny abholt, flüstert uns anderen zu:

– Passt heute bitte auf, keine schwierigen Themen ansprechen. Wenigstens einen Abend sollten wir ohne Alkohol-Tränen auskommen können. Ohne Fanny sind wir ja aufgeschmissen.

Sie ist es, die Helly ein bisschen herunterbringen kann, in den Arm nimmt, sie beruhigt, ihr gut zuredet. Im Wein liegt die Wahrheit – und die Trauer, die Melancholie, die Enttäuschung über das Leben.

Charlie Chaplin sagte:

– Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist unsere Helene die sensibelste, verletzlichste von uns allen und kann das in nüchternem Zustand gut verbergen. Vielleicht verstärkt Alkohol oder auch jede andere Droge den inneren Gefühlszustand, nicht das, was man nach außen trägt, nicht die Fassade.

 

In vielen Punkten entspreche ich nicht den üblichen Männlichkeitskriterien. Ich bin in nüchternem Zustand schon so weinerlich wie andere nach Alkoholgenuss. Apropos: mittlerweile trank ich zwar Bier, jedoch mehr als Genussmittel und ich bevorzugte eindeutig kompliziertere Biere als das, was es Mainstream so gab – und damit betrinken fand ich sowieso total niveaulos. Ich habe auch keinen Bock am Grill zu stehen – danach essen gerne, aber mich da hinstellen, Feuer anzünden und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen (wie damals, als die Männchen noch die Ernährer waren und auf Jagd gingen) – das war nicht meins. Das erinnerte mich an amerikanische Serien und die Vaterfiguren, die männlich grunzten (wie Tim Allen in Hör mal, wer da hämmert) und darüber diskutierten, ob noch  mehr Grillanzünder dran und wann das Fleisch gewendet werden muss. Dafür deckte ich den Tisch, faltete die Servietten und verteilte die Blumen, die Helene im Süper Ü,  wie der Supermarkt in Marckolsheim heißt, gekauft hatte. In dieser Villa fanden sich so viele schöne Gegenstände, wenn man sich die Mühe machte, sie in den vielen weißen Schränken zu suchen. Ich fand Vasen, Kerzenständer, Kerzen, stilvolle Wein- und Sektgläser, exquisites Besteck, prächtiges Geschirr und drapierte es auf dem großen Holztisch im Wohn- und Esszimmer. Paula half Helene mit dem Anrichten der Salate und den Antipasti in den Schälchen, während Thees und Lars sich um das Grillen kümmerten.

– Wohoooooo! Amaaaaziiiiiiing! Wie schön du diesen Tisch gedeckt hast. Da müssen wir sofort Fotos schießen, mein Gott, wie schön! Ich freue mich!

So leicht ist es, Helene glücklich zu machen – manchmal beneide ich sie darum, solch kleinen oberflächlichen und doch so wichtigen Details reizend zu finden. An mir geht das leider total vorüber.

Bevor wir uns an den Tisch setzen, gibt es den gefühlt zehnten Apéritif – wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschlein weit und breit, die schon vor dem frühen Abendessen völlig hinüber sind. Aber noch stehen wir, noch reden wir halbwegs vernünftig und noch genießen wir das wunderbare Essen. Oooohhh, aaaaaaahhhhh, mmmmmmmmhhhhh machen wir alle tausendfach.

– Immer geiler!

Wir lachen wieder. Dieser Spruch wird uns wirklich hier verfolgen. Der Rotwein ist lecker, wir beschließen deswegen sitzenzubleiben, bis wir die zweite Flasche ausgetrunken haben, eine Käseplatte als Nachtisch zu essen, die hervorragend dazu passt, und von den nächsten Geburtstagen Helenes zu träumen.

– Das Gibson in Frankfurt für eine Nacht mieten? Oder doch eher in die Richtung hier: eine Hütte in den Bergen? Eine Kreuzschifffahrt auf der AIDA?

Alles erscheint gerade so easy, so nice – Helene fühlt sich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst ich spüre gerade keine Risse, keine Konflikte unter der Oberfläche. Wir genießen das Essen, Trinken, die Atmosphäre, den Luxus, unsere Privilegien …

Später setzen wir uns endlich an den Kamin, in Decken eingemummelt, denn es dauert natürlich eine Weile, bis Larsi und Helly das Holz zum Brennen bringen, am Anfang noch mit sehr viel Rauch – sie lösen sogar den eklig klingenden Alarm damit aus, der klugerweise an der Decke über dem Kamin angebracht ist. Wir müssen die großen schönen Fenster öffnen, es wird etwas kühl. Thees holt den Whisky hervor, den er seinem Vater abgeschwatzt hat. Wir haben alle keine Ahnung von diesem Getränk, denken aber, dass es dazugehört, vor dem Kamin zu sitzen und den Geist zu schlürfen.

– Mooooooment! Haben wir Eiswürfel? Im Kühlschrank gibt es kein Eisfach!

Er schreit es aus der Küche heraus.

– Im Nebenraum ist ein Zimmer mit Waschmaschine und einem weiteren Kühlschrank, Thees, da sind Eiswürfel drin!

– Mensch, Mitja, du weißt schon am ersten Abend, wo sich alles befindet.

Helene ist erstaunt. Als ich vorhin alles, um den Tisch zu decken, gesucht hatte, schaute ich überall im Erdgeschoss hinein, um eine Orientierung zu kriegen.

Ich habe den Platz ganz vorne am Kamin, in einem dieser gemütlichen Sessel, in denen man so schön einsinkt, wenn man sich hineinsetzt. Eine kuschelige Decke über mir, das Whisky-Glas in der Hand. Im ersten Moment ist das Getränk nicht nur scharf und brennt, sondern ich habe auch ein leichtes Gefühl der Übelkeit, es riecht und schmeckt so rauchig. Doch dann, als es durch meine Kehle fließt, mich von innen wärmt, ich den würzigen Nachgeschmack spüre, finde ich Gefallen daran, möchte einen weiteren Schluck trinken. Langsam gewöhne ich mich daran. Vielleicht ist aus mir doch noch ein wahrer Gentleman herauszuholen?

Thees beobachtet mich:

– Na, Mito, schmeckt dir der gute Tropfen?

Das Interessante an meinem Namen ist folgendes: Eigentlich heiße ich ja Dimitri, nach meinem Opa, allerdings gefiel mir der Name nie besonders, auch nicht die Abkürzung Dima. Es gibt aber noch Liebkosungen wie Mitja, die häufigste, oder Mitko und Mito. Dimitri oder Demetrius stammt von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.

– Danke. Ich glaube, dein Vater hat einen exquisiten Geschmack.

– Davon kannst du ausgehen!

Er schmunzelt. Und ich denke: Ja, das wissen wir. Thees‘ „Stiefmutter“ ist jünger als er, ein hübsches Ex-Model, ein Starlet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch er etwas zu viel getrunken hat, deswegen frage ich ihn:

– Kannst du überhaupt noch fahren?