Kapitel 3 Teil 4

Als ich mich neben sie auf die Bank setze, legt sie sofort ihren Kopf auf meine Halsbeuge und beginnt herzzerreißend zu weinen und immer wieder zu sagen:

– Ich wollte nicht, dass so etwas passiert!

– Pscht! Das weiß ich doch, Helene! Pscht! Beruhige dich! Du kannst nichts dafür. Das weißt du genauso wie ich!

Sie löst sich von mir, blickt mich lange an, ihre Tränen versiegen.

– Meinst du das wirklich?

Ich habe das Gefühl, dass ich sie erlösen kann, nein, MUSS. Sie kommt mir näher. Meine Augen sagen ihr, dass alles gut ist, dass ich ihr die Absolution erteile – und sicher teilen sie ihr noch etwas anderes mit. Das Funkeln in ihren Augen lässt mich näher rücken, meine Lippen berühren fast schon ihre, und dann öffnet sich ihr Mund ganz leicht und gibt damit meiner Zunge das Zeichen, Einlass in ihm zu suchen.

Während ich Helene küsse, fühle ich mich das erste Mal befreit an diesem Tag, ach was, das erste Mal seit mehr als einer Woche. Es ist wie Schweben, es ist wie ein Rausch, es ist wie nach einer Stunde Yoga oder Meditation. Nur mit einem vibrierenden Stück Fleisch etwas weiter unten. Verdammt, ich will Helene, ich wollte sie schon immer – und jetzt gibt es keinen einzigen verdammten Mechanismus mehr, der diesen Gedanken verhindert.

– Hier ist es ein bisschen unconfortable.

Klar verstehe ich das Signal! Langsam stehe ich auf, nehme sie an die Hand, ziehe sie behutsam in ihr Zimmer, im Flur schaue ich sie die ganze Zeit an, ihre Augen sind niedergeschlagen, ihr Körper sagt aber: Zieh mich schneller! Ihre Tür ist offen, doch bevor wir uns auf das leicht erreichbare Bett legen, hat sie mich überrumpelt, küsst mich wild, beißt mir in die Lippen, mehrmals, ich habe das Gefühl leicht zu bluten – es macht mich noch geiler! Ich stoße sie auf das Bett, entledige mich schnell meiner Klamotten, und dann mache ich mich über sie her, ohne darüber nachzudenken, ohne Skrupel, ohne Gedanken an ein Morgen, echt jetzt, ich frage mich nur: Warum habe ich das vorher nie gemacht?

Ich reiße ihr die Kleidung vom Leib, passe dabei auf, die teuren Teile nicht zu zerfetzen, und sie wundert sich über mich und wiederholt ständig: wow, du wildes Tier! Ich küsse sie überall, hungrig, all die Liebkosungen nachholend, die ich ihr die letzten Jahre schon hätte zukommen lassen wollen, nein, sollen. Sie stöhnt leise auf, als ich zu ihren Nippeln komme, mit ihnen spiele, die Zunge saugt an ihnen, während meine Hände ihren Slip langsam hinunterziehen. Sie flüstert mir zu, dass sich in der Schublade ein Kondom befindet, doch bevor ich es  aufgeregt heraushole, bewegt sich mein Mund nach unten Richtung ihrer Muschi und beginnt sie zu lecken.

Als ich das Kondom in der Hand habe, knibbele ich das Ding auf. Mein Schwanz pocht und denkt nur noch eines: dass es in diese warme Höhle eindringen möchte …

 

Wir liegen nackt nebeneinander und ich finde:

– Sie ist mit diesen rosigen Wangen nach dem Sex noch schöner!

– Sonst sieht sie zwar gerne wie Audrey Hepburn aus, ihr postkoitales Lächeln ist jedoch das von Meg Ryan in der berühmten Szene von „Harry und Sally“ – und ich mag das!

– Ich habe sie noch  nie so relaxt gesehen, so ohne Fassade, ohne Spannung, entblößt, die Decke nur ein Bein und ihre Scham bedeckend, ihre Brüste wie zwei träge Hügel, die Brustwarzen zwei Gipfel, die einzig sich nach oben recken.

Beim Liebemachen sind wir alle gleich, da gibt es keine Unterschiede – wenn wir uns aufeinander einlassen, uns hingeben, sind wir auf einer Ebene. Egal, wie wenig wir es davor waren und danach sind.

 

– Wie ging es Paula in der letzten Zeit?

– Nicht jetzt, Mitko!

Es wird niemals den rechten Zeitpunkt geben, nicht für das. Ich blicke sie an und bin fasziniert davon, wie rasch sie wieder verspannt ist, wie sich ihre Gesichtszüge verdunkeln können. Das möchte ich nicht, und doch muss ich darüber reden – sie will es auch, da bin ich mir sicher.

– Mitko, ich habe sie genauso vernachlässigt wie dich! Ich weiß nicht, wie es ihr ging! Ich habe sie kaum gesehen, weiß nicht, woran sie gearbeitet hat. So egoistisch war ich, ich habe immer nur von mir, mir, mir erzählt und ihr gar nicht richtig zugehört.

Das stimmte, Helene hatte das einmalige Talent, zuzuhören, ohne ein Wort von dem Gesagten aufzunehmen, ohne sich dafür zu interessieren oder darum zu scheren. Das hatte ich immer wieder am eigenen Leib erfahren müssen. Bevor man ihr etwas erzählt, muss man erst herausfinden, ob sie aufnahmefähig ist.

– Aber du musst doch eine Wahrnehmung haben, wie sie auf dich gewirkt hat. Traurig, glücklich, depressiv, aggressiv, fröhlich, wasweißichwas.

– Wie wirkte sie im Elsass auf dich?

– Launisch wie immer. Aber sonst nicht weiter auffällig. Oder?

– Mitko, eben. Keine Anzeichen von Depression, Burn-out, Niedergeschlagenheit whatever. Ich bin keine gute Freundin manchmal, aber so ignorant und unsensitive bin ich auch wieder nicht. Da war nichts, glaube ich.

– Hm.

Dann legt sie ihre Hand auf mein Gemächt und fordert mich zu einer weiteren Runde auf – und weder die Sorge um Paula noch sonst irgendwelche Gedanken hindern mich daran, es wieder mit ihr zu tun. Und dieses Mal schalte ich ganz ab und kann es in noch volleren Zügen genießen als das erste Mal …

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Kapitel 3 Teil 3

Nach einer Weile reiße ich mich endlich zusammen und rufe sie zurück, mit Kloß im Hals, mit Schuldgefühlen im Kopf, mit einem Zittern in der Stimme.

For God’s sake! Mitko! Ich bin so happy, dass du nicht auch noch verschwunden bist!

– Helly, wovon redest du denn?

– Mitko, ich konnte dich die letzten Stunden nicht erreichen, ich habe sonstwas gedacht, was mit dir sein könnte! Tu mir das nicht an! Nicht du auch noch!

– HELENE! Komm bitte wieder runter! Alles ist gut! Ich habe ein bisschen gearbeitet, da schaue ich nicht auf mein Smartphone. Geht es dir denn gut?

Helene erzählt mir von ihren Sorgen, die sie sich die letzten Stunden um mich gemacht hat, erzählt mir von ihrer Angst, dass wir Paula vielleicht nie wieder sehen könnten, von ihren Schuldgefühlen – sie schluchzt immer lauter, ist am Boden zerstört. Es gibt nichts, womit ich sie trösten könnte, rein gar nichts. Vielleicht wenn ich Soma zur Verfügung hätte …

In der Trauer, bei Krankheit und Tod gibt es kein reich und arm, da gibt es nichts, was das Leben leichter macht, kein Luxusartikel, keine Droge.

„Das Gras auf der anderen Seite des Hügels ist immer grüner“, sagen die Niederländer, „die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer ein bisschen süßer“, sagen die Deutschen. Wir denken immer, dass andere Menschen, die es vermeintlich besser getroffen haben, einen guten Job haben, mit äußerer Schönheit beschenkt und mit Reichtum gesegnet sind, glücklich sein müssten. Doch vielleicht haben sie ganz andere Probleme.

Helene lässt sich nicht trösten, ihre enge Freundin ist verschwunden, und sie hat das Gefühl, dass sie die Schuld daran trägt.

– Wenn wir nicht ins Elsass gefahren wären!

– Wenn ich mit ihr in einem Zimmer geschlafen hätte!

– Wenn ich mehr mit ihr gesprochen hätte in letzter Zeit!

– Wenn …

– Wenn …

– Wenn …

 

– ICH BRAUCHE DICH JETZT, MITJA!

Sie schreit es ins Telefon, es dringt in meine Ohren, meinen Kopf, in mein Herz – wenn der Anlass ein anderer wäre … Trotzdem spüre ich ein warmes Gefühl in mir drin. Sie braucht mich, nur mich, sie will mich um sich herum haben in diesem schweren Moment, sie will MICH um sich herum haben. Mich. Mich. Mich. Sie ruft nicht David an und möchte ihn zurück, sie fragt nicht Fanny, nicht Lars oder Thees.

Ich verspreche ihr, später zu ihr kommen, nach ihrem Feierabend – für sie zu kochen und mit ihr einen Film zu schauen. Für sie da zu sein …

Ein bisschen versuche ich noch zu arbeiten, ich kontaktiere meine Künstler/innen für die Ausstellung, versuche per Email und auf Facebook ein paar Dinge mit ihnen zu regeln, sie auch ein bisschen anzutreiben. Später hole ich meine Pelmeniza, das Formeisen, um Pelmeni zu machen, aus dem Schrank unserer WG-Küche, ebenso ein paar Lorbeerblätter, die ich immer vorrätig habe, und stecke sie in einen Stoffbeutel. Pelmeni sind Teigtaschen, ähnlich wie Tortellini, mit unterschiedlichen Mischungen gefüllt. In Russland sagt man, dass dies ein Essen für alleinstehende Männer und frische Studenten ist – vermutlich weil ihre Omas sie in Unmengen produzierten und einfroren und man sie dann nur in Wasser aufkochen musste. „Stay calm and eat Pelmeni“ – ich schenkte letzte Weihnachten meiner Mutter ein T-Shirt mit diesem Aufdruck. Sie fand es unheimlich witzig und wollte eine russische Version davon für ihre Mama.

Ich wohne in einer WG im Nordend, ein gutes Viertel, ich hatte Glück – ich hatte meine Mitbewohner Ben und Aziz vor ein paar Jahren auf einer Party kennengelernt. Sie suchten gerade jemanden für das dritte Zimmer und derjenige sollte möglichst keine Frau und nicht zickig sein, sie hatten vorher mit einer durchgeknallten Performance-Künstlerin gewohnt. Die Chemie stimmte sofort und ich schaute mir noch nachts die Wohnung an. Wir haben alle kleine Zimmer, aber es gibt einen Balkon und eine große Küche. Gut daran ist auch, dass ich nur ein paar Minuten Fußweg sowohl in die Innenstadt als auch zur Berger Straße habe, letzteres sehr praktisch, weil dort Helene in der Nähe des Merianplatzes wohnt. Auf dem Weg dorthin gehe ich noch beim Mezger vorbei und besorge Rinder-Hackfleisch für die Füllung.

Die Küche von Helene ist sehr gemütlich, ich befinde mich gerne in ihr, sie ist geräumig, hell, die Stühle und Tische sind sehr bequem, die Bilder an den Wänden sind gut gewählt, bunt strahlende Fotos von Lebensmitteln – wie aus einem stylishen Foodblog entnommen. Die Arbeitsfläche ist groß, wir stehen uns nicht im Weg, als ich den Teig für die Pelmeni vorbereite, während sie Zwiebeln und Kräuter für die Hackfleischfüllung schnippelt und dann das Fleisch anbrät. Mein Teig muss etwas ruhen, so wende ich mich dem Salat zu, wasche ihn und mache die Soße dafür an, Joghurt mit einem Spritzer Honig und Senf. Diese Arbeiten lenken uns ab, wir reden kaum, außer meinen Anweisungen und ihren Erwiderungen – ich zeige Helene wie sie die Pelmeni füllt und sie zu akkuraten Teigtaschen formt. Ich werfe sie in das Öl der Bratpfanne, während sie die letzten Handgriffe beim Salat erledigt und auf dem Tisch anrichtet.

– Das tut wirklich gut. Wir sollten öfter zusammen kochen, Mitko!

Sie strahlt über das ganze Gesicht, beißt herzhaft in die Pelmeni, sie sieht kurz glücklich aus, unbeschwert – und für mich ist es gerade so, als ob ich sie das erste Mal sehe.

Kann man sich immer wieder neu in die eine selbe Frau verlieben? Ist der Mensch jeden Tag ein/e Andere/r, sind sowohl der Liebende als auch die Geliebte jeden Tag ein/e Andere/r – oder?

Ich finde schön, wenn Frauen genussvoll essen, wenn sie genießen können, ich finde es sehr unerotisch, wenn Frauen permanent auf ihre Figur achten, sich um sie sorgen, Dingen entsagen, um gut auszusehen. Doch ich störe mich auch nicht unbedingt dran, wenn sie ein paar Pfunde zu viel wiegen. Es muss einfach passen. Die perfekte Frau musste für mich nicht so durchtrainiert sein wie Paula, deren Nennung wir die ganze Zeit schon vermeiden. Wir haben auch kein Wort über Thees, Lars und Fanny verloren. Doch der unvermeidliche Moment wird kommen, es ist nur eine Frage der Zeit.

– Wie geht es dir, Mitko?

Ich erzähle ihr von meinen Projekten und wie schwer ich mich gerade damit tue, von der Arbeit in den nächsten Tagen und meiner Schwermut an sich. Nicht gerade sexy, denke ich, leicht verzweifelt. Doch entweder hört sie nicht zu oder sie deutet es so, wie sie es vermutlich verstehen will – als verständliche Reaktion auf das letzte Wochenende.

– Was ist, wenn sie tot ist?

Sie ruft es plötzlich heraus.

– Wenn wir sie nie wieder sehen?

– Wenn sie für immer gegangen ist?

– Wie sollten wir dann weiterleben?

– Vor allem ich: mit diesen Schuldgefühlen …

Sie schluchzt bei den letzten Worten und ich kann das nicht sehen. Meine Mutter hat in meiner Kindheit und Jugend so viel geweint, das hat mich immer so fertig gemacht, ich konnte das nicht aushalten – ich wollte immer sofort etwas tun, damit es ihr besser geht. Frauen dürfen in meiner Gegenwart nicht weinen – und schon gar nicht Helene. Nicht sie. Verdammt! Sie blickt mich mit ihren tränenden Augen an. Warum sieht sie trotzdem so sexy aus? Wieso kriege ich JETZT einen Ständer?

Kapitel 3 Teil 2

Drogen haben mich immer schon fasziniert, ich  hatte Phasen in meinem Leben, in denen ich kurz davor war zu sagen, ich beginne es hardcore – weniger, weil ich so ein Partytier bin, auch  nicht aus Verzweiflung, Langeweile oder so etwas, eher aus Neugierde, aus einem Wunsch, noch spannendere Kunst daraus zu generieren. Geht das überhaupt? Oder einfach nur zugedröhnt, spannende Dinge zu sehen und zu erleben und das zu verarbeiten? Ich hatte in meiner Teeniezeit diese ganzen Bücher gelesen, von Carlos Castaneda und seine Begegnung mit Peyote und Don Juan Matus, William S. Burroughs (Naked Lunch), Malcolm Lowry (Unter dem Vulkan), Hunter S. Thompson (Angst und Schrecken in Las Vegas), natürlich Trainspotting von Irvine Welsh, Brave New World von Aldous Huxley in der Schule – und wenn ich gerade üble Gefühlsschwankungen hatte, wünschte ich mir zu dieser Zeit Soma herbei. Vielleicht entspringt mein gelegentlicher Wunsch, mit Drogen aus meinem normalen Leben auszubrechen, aus der Tatsache, dass ich mich permanent versuchte zu kontrollieren, zu funktionieren. Alle Menschen mussten in dieser Leistungsgesellschaft, in der wir leben, funktionieren, Scheitern und Misserfolg wird nicht akzeptiert, immer höher, schneller, weiter – und gleichzeitig (erfolg)reicher, schöner, sexier. Und ich fiel aus diesem Konzept heraus, immer schon. Ich tue mich so schwer damit zu funktionieren, oft habe ich das Gefühl, dass dies nicht in mir ist – und das deprimiert mich und macht mich hoffnungslos. Ich schaute alle diese Drogen-Filme, Requiem for a Dream, Spun, Drugstore Cowboy und wie sie alle hießen, beschäftigte mich mit den sechziger und siebziger Jahren, Taking Woodstock und Janis Joplin, Summer of Love und Hair.

So gerne schwelge ich in Erinnerungen von Menschen, die mir nicht bekannt sind, Film-Figuren vielleicht, angeeignete, vorgestellte Biografien von Menschen, die eine schöne Zeit hatten, die es vielleicht niemals so in der Art gab …

Plötzlich habe ich Lust, meine alten Platten anzuhören, vor allem Tresspass von Genesis, aus den Zeiten vor Phil Collins, 1970 aufgenommen und so ganz anders als die spätere Mainstream Scheiße. Die Lieder sind bis zu neun Minuten lang, zum größten Teil instrumental und akustisch gehalten – ich höre auf die einsetzenden zwölfsaitigen Gitarren, die Orgel und das Klavier, mein alter Plattenspieler und die zwei großen Boxen aus den achtziger Jahren holen den letzten schönen Sound heraus. Ich höre eine Flöte, ein Cello und da, plötzlich, ein Tamburin. Die erste Seite mit Looking for Someone, White Mountains und Vision of Angels, finde ich besonders stark, sie lassen mich in eine andere Zeit eintauchen, in einen anderen Bewusstseinszustand, auch ohne Drogen – ich schließe die Augen und sehe mich in bunten Schlaghosen, Blümchenhemd und Stirnband verrückt auf einer Wiese herumtanzen, mit vielen Gleichgesinnten, die mich anspornen oder auf dem Boden sitzen und an Joints ziehen und ganz viel lachen. Nehmen sie LSD Trips? Wieso nicht? Welche Gesichter machen sie, wenn sie Visions of Angels hören, „I see her face and run to take her hand / Whey she’s never there I don’t understand / The trumpets sound my whole world crumbles down / Visions of angels all around / dance in the sky / Leaving me here / forever goodbye.“ Scheiße! Ich sehe Paula vor mir, lachend, glücklich, und dann ist sie mit einem Male weg, löst sich vor mir auf, entschwindet gen Himmel. Ich versuche sie festzuhalten, doch sie ist nicht mehr stofflich, meine Hände greifen ins Leere, während sie immer weiter nach oben steigt, ich rufe sie verzweifelt, Paula, Paula, bleib bei uns, doch bald sehe ich nicht mal mehr ihren Geist. Paula, der Engel. Ist Paula tot? Ich wache aus meiner Vision auf und merke, wie mir Tränen aus den Augen schießen, während Peter Gabriels Stimme weiter Engelsvisionen heraufbeschwört. Das ist zu viel für mich, ich tausche die Platte, neben dem beleuchteten Plattenspieler lehnt die Hülle von der Doors Platte – ob das passender ist? „This is the end, my only friend, the end / It hurts to set you free / But you’ll never follow me“. Wieder sehe ich Paula vor mir, oben auf dem Dach der Villa in Marckolsheim, im pink Bikini, in ihrer ganzen Schönheit, ihr Blick verträumt, glücklich, ein bisschen wie ein kleines Mädchen, eine Prinzessin – und dann wird alles schwarz vor meinen Augen, die Stimme von Jim Morrison leidet weiter am Fortgang seiner ehemaligen Geliebten, und nun schiebt sich Helene in mein Blickfeld, meine Helene, sie trägt schwarz, ein eng geschnittenes Kleid, einen überdimensionierten Hut, eine große Sonnenbrille, die ihre Augen verbirgt, doch ich sehe Tränen an ihrer Wange hinunterkullern. Verdammt!

Ich schalte den Plattenspieler aus und blicke auf mein Smartphone, das die letzten Stunden unbeachtet und lautlos gestellt auf dem Boden neben dem Sofa lag. Sie hat mehrmals angerufen und mehrere Whatsapp-Nachrichten geschrieben.

In dieser Verfassung kann ich sie nicht anrufen, in dieser Hoffnungslosigkeit, in dieser Furcht, dass alles vorbei ist, dass wir uns der Tatsache stellen müssen, dass Paula für immer aus unserem Leben getreten ist. Oder wieso hatte ich sonst diese Bilder in meinem Kopf? Wie kann ich „normal“ weiterleben, wenn ich davon ausgehe, dass jemand, den ich mag, nicht mehr weiterleben kann? Wie soll Helene weiterleben?

Ich habe den Helene Blues … Die Tränen fließen, das Selbstmitleid auch, die Vorwürfe darüber, dass alles nun anders sein könnte – wenn wir nicht ins Elsass gefahren wären …

Kapitel 3 Teil 1

Weiterleben ist aber gar nicht so einfach, nicht für mich, der ich in manchen Zeiten Lebenskünstler bin, in anderen Zeiten jedoch eher ein melancholischer Leidender. Tage vergehen gelegentlich in unnützer und untätiger Lethargie, in „Ich trage die ganze Last der Welt auf meinen Schultern“ und in „Das Leben hat doch eh keinen Sinn“. Ich höre dann traurige russische Volkslieder und schaue stundenlang Serien, vertiefe mich in die Charaktere, in deren Leidensgeschichte, auch hier bevorzuge ich schwerwiegendere Themen …

Alle negativen Gefühle werden durch das Verschwinden Paulas verstärkt. Wer war sie überhaupt? Das frage ich mich nun. Und was hatte sie die letzten Monate eigentlich gemacht, wie gelebt? Ich hatte sie völlig aus den  Augen verloren …

Manchmal verliere ich die Übersicht über meine vielfältigen Projekte, habe das Gefühl, dass alles über meinen Kopf wächst und ich alles vermassele. Manchmal denke ich mir, dass ich am liebsten einen Nullachtfünfzehn Job hätte, bei dem ich mir über nichts Gedanken zu machen brauchte. Aber die Kunst will irgendwohin. Die Kunst will sich aus mir herauspressen, will raus, raus, raus. Sie lässt mich nicht mehr in Ruhe, verwandelt mich in ein unruhiges Etwas, das mich zwingt, dieses und jenes zu produzieren, viel zu oft alles parallel und gleichzeitig. Nachts kann ich oft nicht mehr schlafen, weil mir so viele Ideen und Bilder durch den Kopf kreisen, mich fast zum Explodieren bringen, ich jedoch endlich schlafen muss, weil ich so erschöpft bin. Morgens wache ich dann wie verkatert auf, mies gelaunt, komme noch mieser in den Tag und beginne oft erst am frühen Nachmittag meine richtige Arbeit.

Zwei Tage habe ich nur, um konzentriert zu arbeiten, bevor ich wieder ranklotzen muss, Messeaufbau ist mein Job, mit dem ich Geld reinhole, für die Miete, die Nebenkosten, das Smartphone etc. Das ätzt mich an, das macht mich fertig, 14, 16, manchmal 18 Stunden-Schichten sind normal, zwei Tage lang am Stück. Dafür gibt es gutes Geld und ich kann mir wieder etwas Freiheit erkaufen, mein Künstlerleben finanzieren. Ich bezweifele, dass ich  in meiner jetzigen Stimmung produktiv werden könnte.

Vielleicht schaffe ich es, diese negativen Gefühle, diese Schwermut in meine Arbeit zu kanalisieren, bei zwei meiner drei Projekte, mit denen ich mich beschäftigen möchte, könnte das doch nützlich sein, oder? Für meine nächste Ausstellung habe ich mir vorgenommen, etwas über das Thema Drogen und wie sie einen Menschen beeinflussen, zu arbeiten. Ich möchte Skulpturen oder eine Installation herstellen, habe jedoch nicht vor, verfallende Gesichter wie im Internet zu „Crystal Meth“ zu finden sind, zu porträtieren, sondern möchte den Helene Blues irgendwie darstellen. Nur habe ich noch absolut keine Idee, wie ich diese unfertige Idee umsetzen will. Da kann mir das Wochenende im Elsass helfen, da stört vielleicht auch nicht meine Niedergeschlagenheit, im Gegenteil. Das andere Thema wird mir gestellt, ich soll mir für eine Gemeinschaftsausstellung in Hamburg eine Performance überlegen, die die Bootsunglücke, bei denen Hunderte von Flüchtlingen starben, in den Fokus setzt. Dem Laien fiele sofort ein Theaterstück ein, das die Situation nachspielte, aber das ist keine Kunst, das ist zu platt – ich muss ganz anders an diese Sache gehen. Und zuerst für beide Projekte recherchieren, mich einlesen, hineinversetzen, verschiedene Standpunkte beleuchten und ausprobieren, mich tief hineinvergraben.

Die meisten Menschen denken, dass Künstler/innen, die Performances und Installationen produzieren, einfach eine Eingebung haben, ihr folgen und zack: ist es damit getan. Doch es steckt sehr viel harte Arbeit drin – und je leichter und zugänglicher es ausschaut, desto schwieriger war es dies umzusetzen.

Außerdem beginnt in zwei Wochen meine erste Ausstellung, die ich kuratieren und organisieren darf, in der er es um Freundschaft und Interaktion zwischen Künstler/innen in der digitalen Welt geht. Es ist meine Herzensangelegenheit, ich hatte mir gewünscht, das machen zu dürfen. Es wird ganz hervorragend werden, mit diesen Künstler/innen, die ich um mich geschart habe, aber bis die Ausstellung eröffnet werden kann, muss ich noch so vieles organisieren. Künstler sind wirklich nicht einfach in dieser Hinsicht, Abgaben werden verschoben, Extra-Wünsche kurz vor Schluss mitgeteilt, da und dort gestichelt und egal, was passiert: sie sind am Ende unzufrieden. Sich mit ihnen herumzustreiten, darauf habe ich gerade am wenigsten Lust, das muss warten.

Beim Recherchieren muss ich immer aufpassen, mich nicht zu verzetteln – früher hatte ich mir beim Studieren immer 17 Bücher zu einem Thema nach Hause genommen und war dann vor diesem Berg gesessen, zunächst überfordert, dann begann ich die Arbeit, las und las und vergaß die Zeit. Das ist jedoch alles nichts gegen dieses unendliche Internet, in dem man vom Hölzchen ins Stöckchen kommt, in dem Stunden wie Sekunden vergehen, und plötzlich ist später Abend und ich habe immer noch nichts getan. Bei diesem Thema weiß ich nicht so genau, was ich in die Suche eingeben soll. Mir geht es ja weniger darum, was die Drogen an sich machen, was sie zerstören, wie sie Menschen zerstören, wie sie einen langfristig verändern. Mir geht es ja eher um … Set und Setting. Vielleicht das – ich bin mir noch nicht ganz sicher. Auf einer Seite, auf der erklärt wird, wie man sicherer Partys feiert, finde ich die Erklärungen dazu, Set oder Stimmung meint die Einstellung, die Erwartung, was die Droge mit dir machen soll und die Stimmung bei der Einnahme. Eine Erfahrung, die wir alle sicher gemacht haben ist doch, dass wenn wir traurig sind, ängstlich, uns schwach fühlen, dieser Zustand durch die Drogen verstärkt wird. Wenn wir vorher gut drauf sind, dann können wir durch bestimmte Drogen noch freudiger, lustiger oder glücklicher sein. Und genauso wichtig ist das Setting, also das Umfeld, in dem wir Drogen nehmen. Fühle ich mich sicher und geborgen? Vertraue ich den anderen, passen die auf mich auf? Oder ist es eher schwierig mit ihnen? Timothy Leary, der Erfinder der Droge LSD hatte diese Begriffe aufgebracht, er war der Meinung, dass man mithilfe von LSD und günstiges Set und Setting psychische Probleme lösen könnte.

Kapitel 2 Teil 5

– Immer geiler! Immer steiler!

Die Damen liegen auf der Wiese, die Musik im Wohnzimmer ist laut aufgedreht, es hört sich wie CRO an. Sie gackern und scheinen richtig gut drauf zu sein. Wir beschließen mit dem Anruf bei der Polizei noch eine halbe Stunde zu warten. Zu betrunken sollte niemand von uns sein. Wir sagen ihnen, dass sie mal kurz ausnüchtern, vielleicht ein bisschen dösen sollten. Aye aye, sagt Helly und nickt auch gleich auf ihrer Decke ein. Lars erklärt, dass das mit den 24 Stunden bei Vermisstenmeldungen nicht stimme, das sage man nur so in Krimis. Wenn die Gefahr für Leib und Seele groß erscheint, sollte man die Polizei lieber umgehend benachrichtigen. Wir glauben alle, dass es nun Zeit dafür ist. Lars ruft an, erklärt den Sachverhalt. Nachdem er aufgelegt hat, sagt er, dass in einer Stunde jemand komme und meint, dass es sicher okay sei, wenn wir einen Gin Tonic mit Gurke zu uns nehmen und uns auf die Terrasse zum Musik hören setzen. Allerdings mit etwas anderer Musik, chilliger, sagt er, und läuft zur „Anlage“, während Thees die Drinks zubereitet.

Es ist merkwürdig. Ich habe nichts verbrochen, mir nichts zuschulden kommen lassen – trotzdem bin ich total aufgeregt, weil die Polizei gleich da sein und uns ausquetschen wird. Mich hat meine Jugend in Deutschland etwas geprägt, für mich sind diese Polizisten nicht meine Freunde, es sind eher die, die mir und meinen Kumpels immer unterstellten, etwas geklaut, zu viel getrunken oder jemanden verprügelt zu haben. Weil wir verdächtig ausschauen. Weil wir Aussiedlerdeutsche sind. Und die sind ja bekanntlich alle kriminell. Wie oft wurde ich ungerechterweise kontrolliert, während Bio-Deutsche null beachtet wurden, in Zügen, an Abenden auf Marktplätzen …

Wir kochen Kaffee, bereiten die große Tafel im Esszimmer vor, ein paar Kekse stellen wir auch auf den Tisch. Helene lässt sie herein, als sie klingeln, sie wirkt schon wieder ganz damenhaft und „normal“. Sie führt die zwei Polizisten in das Ess- Und Wohnzimmer. Die Frau und der Mann zeigen sich beeindruckt von dem Prunk. Sie setzen sich, Helene bietet ihnen Kaffee und Wasser an, sie möchten beides. Zuerst nehmen sie unsere Personalien auf, danach lassen sie sich von Helene die ganze Geschichte erzählen. Ich schaue mir die beiden an, sie sind beide auf ihre Weise attraktiv und sehen sehr sympathisch aus: sie scheint etwas jünger als er zu sein, ich schätze sie auf Ende Zwanzig, ihn auf Anfang Dreißig. Sie trägt Pferdezopf und ist nur leicht geschminkt, sehr schlank, vermutlich durchtrainiert. Er ebenso, allerdings hat er dunkelblondes kurzes Haar, blaue Augen und ein breites Lächeln, das er häufig einsetzt, während sie zwar freundlich, aber konzentriert schaut. Thees ergänzt die Erzählung um unsere Suche und unsere Telefonate. Lars weist auf das Smartphone und die Klamotten in ihrem Schlafzimmer hin. Thees sagt, dass wir alles angefasst haben, das Smartphone, um zu schauen, ob uns das weiterhelfen könnte und natürlich hatten wir es gestern Abend sicherlich alle mal in der Hand, um Fotos zu schießen oder die Musik zu ändern etc. Er erwähnt gleich, dass es sehr seltsam sei, dass so vieles gelöscht wurde.

– Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Polizistin schaut uns der Reihe nach an, nicht böse, nicht so, als hätte sie uns für irgendetwas im Verdacht, einfach nur neugierig. Bereits die ganze Unterhaltung über wirken sie sehr neutral, fast schon wohlwollend. Doch wir zucken alle mit den Schultern.

– Es ist absurd! Logisch betrachtet müsste das ja jemand von uns gemacht haben. Aber wieso?!

Helene schaut die Polizistin an, möchte jeglichen Verdacht ausräumen:

– Wir alle lieben Paula und sind von ihrem Verschwinden total erschüttert. Es muss wirklich etwas passiert sein, nur haben wir keine Vorstellung was.

Sie sagt es mit fester Stimme, wahrscheinlich möchte sie am liebsten heulen. An ihrem Geburtstag. Helene Blues

– Das glaube ich gerne, Frau Sonntag. Gerade an so einem Tag. Das tut mir wirklich leid für Sie, für sie alle.

Er schaut dabei so nett, so unschuldig aus.

– Gab es denn Streit? Unstimmigkeiten?

Wir verneinen es.

– Keinen Grund, warum sie verärgert, deprimiert, traurig gewesen sein könnte? Keinen Grund, warum sie von sich aus Knall auf Fall gegangen sein könnte?

Das fragt er. Sie nimmt eine andere Perspektive ein:

– Oder haben Sie in der Nacht oder am frühen Morgen Geräusche gehört? Ist jemand in das Haus eingedrungen? Sind irgendwo Einbruchsspuren zu finden?

Wir erklären, dass wir nirgends nur eine Spur davon gefunden haben, es aber ein Leichtes gewesen wäre, den Zweitschlüssel aus unserem Versteck vor der Türe herauszufischen, und dass wir vielleicht sogar ein Fenster unten auf hatten, durch das man bequem ins Haus gekonnt hätte. Wir haben uns nichts dabei gedacht hier im Elsass. Die beiden Polizisten schütteln gutmütig den Kopf.

– Alkohol oder sonstige Drogen waren nicht im Spiel?

Jetzt werden wir wahrscheinlich allesamt rot. Wir brauchen gar nichts sagen.

– Etwas Hartes?

Wir schütteln alle unschuldig den Kopf, nein, Paula hatte gelegentlich gekokst und andere Dinge genommen, aber wir sind uns alle sicher, dass sie gestern in der Hinsicht clean war.

Die beiden erklären, dass sie alles mitnehmen werden, die Techniker würden sich das Smartphone mal genauer anschauen. Wir sollten weiterhin Kontakt mit Frankfurt und Freiburg halten, am besten in der Nähe bleiben und noch nicht abreisen – vielleicht habe sie ja echt nur einen Ausflug alleine machen möchten. Die andere Möglichkeit … setzt die Polizistin an, spricht aber dann nicht weiter.

– War sie denn aus Ihrer Sicht labil? Hatte sie besondere Probleme in letzter Zeit? Job verloren, Schulden, Trennung oder so etwas in die Richtung?

Wir verneinen alles, auch als sie nach Depressionen oder sonstigen psychischen Störungen nachfragt. Dann sammeln sie alles ein, geben uns ihre Kärtchen und wünschen uns viel Glück.

Ich weiß nicht, was sie denken, was sie annehmen, weiß nicht, was sie von uns halten, weiß nicht, was wir denken, annehmen, von uns halten …

 

Als sie weg sind, setzen wir uns alle draußen auf die Terrasse mit neuen Gin Tonics und stoßen darauf an, dass wir das gut herumgebracht haben. Als wir Hunger kriegen, macht sich Helene auf den Weg in die Küche, um die Salate und das Gemüse vorzubereiten, Thees und Lars kümmern sich wieder um das Grillen. Fanny und ich bleiben zunächst sitzen.

– Weißt du, warum Helene so genannt wurde?

– Wegen der mythischen Helena? Sie soll die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein.

– Genau. Väter wünschen sich, die schönsten Töchter der Welt zu haben. Findest du sie schöner als Paula und mich, Mitja?

– Um ehrlich zu sein …

Sie lächelt, während sie eine Gurkenscheibe aus dem Glas fischt.

– Natürlich findest du sie am schönsten. Du liebst sie. Sie erzählte mir einmal, dass es verschiedene Auslegungen des Mythos gibt. Ist sie eine lüsterne Frau, die mit einem schönen Mann durchbrennt, oder ist sie die brave, ergebene Frau, die geraubt wird?

– Wieso erzählst du mir das, Fanny?

– Unter uns drei Mädels hatten wir das immer als Codewort: Die drei Helenas.

Ich schaue sie erstaunt an. Was möchte sie mir damit sagen?

– Darf ich meine Frage von gerade eben wiederholen?

Sie steht auf. Ich sitze nah genug, um sie am rechten Handgelenk anzufassen und wieder hinunterzuziehen:

– Warte! Erklärst du es mir?

Fanny möchte mir darauf keine Antwort geben. Vielleicht jedoch auf die nächste Frage:

– Wieso wart ihr so merkwürdig drauf, nachdem du abgeholt wurdest?

Ich merke, wie sie sich versteift, genervt ist:

– Die beiden hatten schon vorher Stress, unter anderem weil Paula, diese Süchtige, Probleme mit ihrem Smartphone hatte und sie war vorher mit Helene aneinandergeraten. Ich war eh schon genervt von diesen dummen Kindern im Zug, die betrunken rumgegrölt haben, dann kam mir noch Thees mit seiner dämlichen Begrüßung in die Quere, so machomäßig zu entscheiden, dass wir ein Bett teilen. Hätte ja sein können, dass ich vielleicht lieber alleine schlafen möchte. Oder lieber mit einer meine Freundinnen.

Jetzt steht sie endgültig auf, sagt:

– Lass uns schauen, ob wir Helene helfen können.

 

Später sitzen wir gesättigt am Kamin, rauchen eine Tüte, trinken Cremant und fragen uns, wie das Wochenende weiter gehen soll. Vielleicht liegt es daran, dass wir so breit sind, aber wir haben das Gefühl, dass schlechte Laune, Trauer und Angst uns Paula nicht zurückbringen werden. Wir MÜSSEN weiterleben. Wir wissen alle nicht, was geschehen ist, können es nicht zurückdrehen. Wenn wir nach Frankfurt zurückfahren, dann ändert es gar nichts. Plötzlich fangen wir auch wieder an, Selfies zu schießen und zu vergessen, dass uns eine Person fehlt. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist der Mensch so.

In dieser Nacht ändert sich die Zimmeraufteilung. Ich bleibe in meinem, genauso wie Helene, alle anderen wechseln aber: Fanny nimmt das Bett von Paula, Lars schläft neben Thees. Was wir alle mit schlüpfrigen Bemerkungen quittieren.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder draußen beim Frühstück und Helene platzt damit heraus, dass sie die ganze Nacht Alpträume hatte, von der SS, vom Verschwinden Paulas, von Vergewaltigungen – sie möchte einfach nur weg. Es mache sie traurig.

– So marvelous ich es mir vorgestellt hatte, so marvelous es hier hätte sein können, es sollte wohl anders laufen. Too bad!

Wir müssen die Küche ein bisschen sauber machen, das Geschirr spülen und einräumen, die Betten abziehen, unsere Sachen packen. Das tun wir alles konzentriert und schweigsam und so haben wir das rasch erledigt.

Dieses Mal fahren Helene und Fanny in einem Auto, während ich mich zu den Jungs geselle. Wir hören laut Musik und geben uns unbefangen. Es ist wie es ist, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, oder auch: „Lebbe geht weider“, wie der berühmte Frankfurter Fußballtrainer Stepi (Dragoslav Stepanović) einst sagte.

Kapitel 2 Teil 4

Thees schaut nach hinten, mir tief in die Augen, er sitzt nun auf dem Beifahrersitz, Lars hat das Lenkrad übernommen. Ich weiß nicht, was er meint.

– Tu doch nicht so! Zuerst möchtest du nicht mitfahren, weil David dabei ist. Dann trennen die beiden sich und du kommst doch mit. Als es jedoch um die Zimmeraufteilung geht, möchtest du lieber in ein eigenes anstatt mit Helene zusammen. Wieso? Um als zurückhaltender Gentleman zu gelten? Um der Außenseiter in der Clique zu bleiben? Du hast dich bitten lassen mitzukommen, du zeigst ständig jedem, dass du dich eigentlich nur zu Helene zugehörig fühlst, aber nicht einmal das wirklich. Wir wissen alle, dass du sie liebst – und immer schon liebtest!

Er fixiert mich mit seinem Blick, strahlt Autorität und Souveränität aus. Ich sage ihm, dass das alles Bullshit ist und nur seine Wahrnehmung. Dann sagt er selbstsicher:

– Ich stelle fest: Ihr seid sehr gute Freunde, David und du. Er und Helene werden ein Paar. Du entfreundest David. Am Ende wird das sogar richtig hässlich. Du erträgst es nicht, sie zusammen zu sehen, also wird dein Kontakt zu ihr weniger. In den letzten Monaten habt ihr euch kaum noch gesehen. Du hast uns alle nicht richtig mitgekriegt. Als David und Helene sich trennen, bittet sie dich, doch mitzukommen. Du lässt dich bitten, sogar subventionieren – und dann bist du dabei. Oder?

Angriff ist die beste Verteidigung und gegen Gutmenschen wie mich ist nicht gut kämpfen. Außer man zeigt ihnen, dass sie auch nicht besser als man selbst sind.

Er möchte mich zum Außenseiter abstempeln und mir meine Grenzen aufstecken, zeigen, wer hier die Macht hat und wer hier nicht aufmucken sollte. Wir fahren nun am Wasserkraftwerk vorbei, über die berühmte Staustufe des Rheins, in den Wald hinein, der schon deutsches Land ist. Der Empfang ist hier sicher noch schlecht, also fahren wir noch ein Stück, bis wir an einem kleinen Rastplatz halten. Wir steigen alle aus und ich sage laut, dass ich etwas zu sagen habe:

– Thees, Lars, das mit David seht ihr gaaaaaaaanz falsch. Wie ihr euch erinnern werdet, habe ich die beiden sogar zusammengebracht, nicht  nur einander vorgestellt, sondern aktiv dafür gesorgt, dass sie sich daten. Punkt 1. Die Entzweiung hat nichts mit Helene zu tun, es hat mit diesem Festival im letzten Jahr zu tun. Da lief mit der Finanzierung einiges schief, wir hatten mit Dauerregen zu kämpfen und mussten enorme finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Das wäre ja noch okay gewesen, doch David hat mich zusätzlich verarscht. Am Ende sind meine Kooperationspartner und ich auf den Schulden sitzen geblieben, mussten Charity Veranstaltungen und sowas machen. Und er war fein raus und tat in der Öffentlichkeit so, als hätte er alles rausgerissen. Dabei hat er einfach nur beschissen, beschissen, beschissen. Ich habe ihn machen lassen, was die Finanzen angeht. Dieses Vertrauen hätte ich ihm nicht entgegen bringen dürfen. Habe ich aber, weil ich dachte, er wäre mein Freund. Das habe ich Helene alles erklärt, sie glaubte mir zuerst nicht, war so verliebt in ihn und vertraute ihm natürlich. Aber dann begann sie ihn danach zu fragen, ein bisschen zu bohren, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich solche Dinge erfinde.

– Ja, weil du der Gutmensch schlechthin bist, Mitko.

Stichel du nur, Thees. Ätzend! Diese ganze Geschichte hat mir so viele schlaflose Nächte bereitet …

– Sie haben sich immer wieder wegen mir gestritten. Helene hat ihm gesagt, dass es nicht sein kann, dass sie sich zwischen uns beiden entscheiden muss. Dass es nicht sein kann, dass er mich so mit Schmutz bewirft, mich so schlecht dastehen lässt in der Öffentlichkeit. Ich konnte nicht verstehen, wie sie als meine BFF weiter mit ihm zusammen sein konnte, habe ihr mitgeteilt, dass wir nichts gemeinsam unternehmen können, dass das einfach nicht geht. Tut also nicht so, als wüsstet ihr das nicht!

Lars und Thees schauen mich lange an, schätzen ihre Worte ab:

– Nein, wir kennen diese Version nicht, was dich etwas ehrt. Nicht überall solche Dinge hinauszuschreien, jeden mit hineinzuziehen. Doch du hättest es uns erzählen können, ja, sogar müssen. Wir sind deine Freunde. Du möchtest scheinbar nicht, dass wir dir wirklich nahe kommen.

Stimmt das, was Lars gerade äußerte?

– Ich weiß nicht. Vielleicht. Es tut mir leid. Aber erklärt mir, warum ich sonst Helene nicht in den letzten Wochen hätte beistehen sollen.

– Eben, weil du in sie verliebt bist, weil es dich zu sehr geschmerzt hätte, dass sie Liebeskummer wegen eines anderen hat. Das ist viel logischer.

Ist das Thees-Logik? Männer-Logik? Die beiden sehen nicht feindselig aus, wie sie da auf der Rastbank sitzen und sich eine Zigarette anzünden.

– Punkt 1: Ich habe ihr in dieser beschissenen Situation gleich nahegelegt, sich von ihm zu trennen, weil ich der Meinung bin, dass niemand mit so einem falschen Arschloch zusammen sein sollte. Punkt 2 folgt daraus: Da ich ihr immer wieder sagte: Mach Schluss! sie es aber nicht in Erwägung zog, weil sie die Dinge trennte, die man meiner Ansicht nach nicht trennen kann, fiel ich dann als ernstzunehmender Tröster aus. Das wusste sie genau. Und ich dachte, ihr wüsstet, dass es genau deswegen ist.

Lars bedeutet mir, ich solle mich neben ihn setzen, und als ich das tue, klopft er mir jovial auf die Schulter und bedankt sich bei mir dafür, dass ich sie nun endlich aufgeklärt habe. Ich finde es relativ merkwürdig, dass sie das mit dem Subventionieren wissen, aber nicht das andere. Thees zückt sein Smartphone und beschließt die Strategie: Er rufe die Frankfurter an, ich die Freiburger, weil ich zufälligerweise gemeinsame Bekannte mit Paula hier habe, und Lars übernimmt Facebook.

Nach einer halben Stunde sind wir drei völlig ausgelaugt, zucken nur die Schultern, weil wir keinen Zentimeter weitergekommen sind. Keinen einzigen! Niemand hat sie gesehen, niemand etwas von ihr gehört, niemand weiß etwas. Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren zurück. Die Sonne scheint, 25 Grad Celsius zeigt das Thermometer im Auto an.

Kapitel 2 Teil 3

Trifft das in unserer Konstellation zu? Ich beobachte meine vier Freunde. Lars und Thees gehen voller Spannung in Richtung Tür, möchten aufbrechen, während Helene und Fanny mittlerweile am Tisch sitzen, ihren Cremant schlürfen. Sie werden die Stellung halten, sagen sie, wie es sich gehört, denke ich. Schon seltsam. Und ich stehe dazwischen. Tröste ich die beiden Frauen? Fahre ich mit den Männern und suche die Verschwundene? Worauf ich keine Lust habe …

– Mitja, fahr mit den anderen mit. Wir legen uns in den Garten und betrinken uns wie Patsy und Edina. Thees hat uns noch eine Flasche Bollinger kalt gestellt, der Gute!

Fanny lacht, als Helene das sagt, knufft sie in den Arm.

Wir sind eine Generation der popkulturellen Verweise. Ständig referieren wir in Gesprächen auf etwas anderes, ahmen unsere Vorbilder nach – oder persiflieren sie. Taten das unsere Eltern auch? Im Moment scheint uns diese Referenz zu retten: wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen und lenken uns damit ab. Es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, den Glauben, etwas kontrollieren zu können, vielleicht.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in einem SLK gefahren bin, meine wenigsten Freunde fahren ein Auto, wir sind urban, wir fahren mit dem Rad oder den Öffentlichen – und in Frankfurt können wir auch oft einfach laufen, die Entfernungen sind meist nicht besonders groß. Fühlt man sich in so einem Schlitten anders? Deplatziert zumindest. Wir fahren den Kieswagen entlang. Lars sagt kichernd:

– Vielleicht ist sie ja am Ende des Gartens, direkt bei der Straße, und wir haben sie nicht gesehen. Haha.

– Der Garten ist so groß, dass wir es wahrscheinlich kein einziges Mal schaffen, von einem Ende des Gartens zum anderen zu laufen!

Thees fällt in das Lachen mit ein. Wenn man sie hier vergraben hätte … Mich schaudert es bei diesem Gedanken. Mitja, rufe ich mir innerlich zu, mal den Teufel nicht an die Wand. Es wird alles gut!

Wird es das wirklich – oder wird Helene an dieses Wochenende als den Horrortrip ihres Lebens zurückdenken?

Wir fahren über eine kleine Brücke, ich halte links und rechts Ausschau nach Paula, da geht jeweils ein Pfad entlang, ich sage den anderen, dass wir da vielleicht später mal entlang laufen könnten. Sie nicken wenig begeistert. Wir fahren auf den 50 Meter hohen Wasserturm zu, biegen dann links ab, in eine kleinere Straße mit kleinen Häuschen, Hunden und Dorfidylle, bunt und harmlos. Wir sehen kaum Menschen draußen. Warum eigentlich?

Wir wissen nicht, wo wir hinfahren sollen, überlegen, erst einmal Richtung Süper Ü zu cruisen, obwohl kein normaler Mensch dorthin laufen würde, es ist viel zu weit und es gibt auch keinen Bürgersteig. Auf dem Weg können wir Ausschau halten – wir haben sonst ja keinen Plan …

Apropos Plan: Vielleicht wäre es schlauer, wenn wir nach Deutschland fahren würden, um dort Leute zu erreichen, die Paula gut kennen, angefangen bei den Freiburgern. Ich mache den anderen den Vorschlag, die ihn absolut vernünftig finden, aber wir sollten uns noch wenigstens ein bisschen umschauen und für Getränkenachschub sorgen, ergänzt Thees. Es ist schön hier in der Gegend, dörflich, ruhig, viel Natur, denke ich. Aber mit der Zeit würde ich hier verrückt werden …

– Hattet ihr zwei eigentlich Sex mit Paula?

Das mit dem Dreier möchte ich doch gerne herausfinden, wenn wir unter uns sind.

– Mitja, verkauf‘ uns nicht für dumm! Wir hatten alle Sex mit Paula, Fanny und Helene in den letzten Jahren. Und das weißt du genau, weil deine BFF dir alles erzählt! Warum willst du das überhaupt wissen?

Lars ist mittlerweile genauso ungehalten wie Thees.

– Erstens: ich hatte keinen Sex mit ihnen –

– Und auch das wissen wir von Helene!

Thees ist wütend rot im Gesicht.

– Zweitens: meinte ich einen Dreier.

– Detektiv Mitko, ich frage dich nochmals: Was sollen denn diese Fragen? Möchtest du uns unterstellen, dass wir etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben, weil wir einen Dreier mit ihr hatten? Das wird immer absurder hier!

Er schaut nach hinten, funkelt mich böse an. Ich weiß, dass ich nerve, aber ich möchte das alles verstehen – wieso sie verschwunden ist, was ihr zugestoßen sein könnte, ob die Clique eine Mitschuld oder sogar die alleinige Schuld trägt. Verdammt, ich komme nicht klar auf diese Situation.

WAS IST PASSIERT?!

– Tut mir Leid, Jungs, ich will doch das alles nur verstehen.

– Mitko, mein Freund, für uns ist das auch nicht leicht, und es wird ganz sicher nicht leichter für uns, wenn du glaubst, dass WIR etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnten. Kannst du jetzt bitte den Polizei-Modus aus- und den Freundesmodus wieder einstellen? Bitte, Mitko!

Lars, der Motivator, der Moderator – er sagt etwas Mediatorisches und lässt mich gleichzeitig als der Freundesverräter dastehen. Sauber!

Wenn die beiden etwas damit zu tun haben, sollten sie sich aber seeeeeeeehr warm anziehen.

Wir kommen am Parkplatz des Süper Ü an, gehen in diesen normalen französischen, für deutsche Verhältnisse großen Supermarché hinein, an einer „Gemischtwaren“-Abteilung vorbei, in der es zum Beispiel massig Espadrilles gibt (mit denen sich die Damen gestern schon eingedeckt hatten), Grillbesteck, Gartenzubehör, Spielzeug etc. Thees und Lars laufen zielstrebig zu den Alkoholika und nehmen einen Karton Cremant und zwei Gin mit, sie weisen mich an, mehrere Flaschen Tonic Water zu holen. Dann gehen wir zum Metzger und holen Steaks und Merguez zum Grillen. Kaufen Salat und eine Gurke für den Gin Tonic. An der Kasse müssen wir eine Weile stehen, elsässische Gemütlichkeit nennt man das wohl. Ein bisschen mit den Kunden reden, feststellen, dass die falschen Tomaten abgewogen wurden, Moment, die Kassiererin läuft oder vielmehr schlendert selbst zur Gemüseabteilung, um bei der Rückkehr anzumerken, dass sie tatsächlich so teuer sind wie auf dem Preis vermerkt. Gut gemeint, möchte ich mal sagen. Im Aldi haben sie in der Zeit schon fünf Kunden abgezogen, mindestens. Doch da gehe ich auch nicht gerne einkaufen, ästhetisches Empfinden und Feingefühl sind beim Einkaufen mit dabei, selbst wenn das Geld nicht im Überfluss vorhanden ist …

Auf der Strecke zurück fahren wir ein paar Umwege und Schlenker. Wenn wir Cafés sehen ein bisschen langsamer – so viele gibt es noch nicht einmal hier, dafür einige Döner Läden.

– Darf ich dich mal investigativ fragen, wieso du dich so seltsam verhältst, Mitko?