Kapitel 1 / 1.Teil

1

Meine liebe Freundin Helene hatte es sich so entspannt und gemütlich, so cozy, vorgestellt, so anders als unsere sonstigen Geburtstagsfeiern. Ihren Dreißigsten wollte sie in dieser komfortablen Villa im Elsass begehen und nicht in der Großstadt an irgendeinem hippen place to be. Ihre engsten Freunde sollten alle fern ihres Alltags mit ihr zusammen sein, am Kamin auf sie anstoßen, mit einem Whisky oder Champagner, ihretwegen auch einem Cremant, sie sollten alles andere um sich herum vergessen. Dass eine Person von diesem Ort nicht mehr in die gemeinsame Heimat zurückkehren – fern bleiben – würde, das hatte sie sich selbstverständlich nicht vorgestellt …

Ein bisschen ärgert uns, dass das Wetter so wunderschön ist, als wir an diesem Donnerstagmittag in Frankfurt losfahren. Niemand von uns hat Lust, die nächsten drei Stunden in einer Blechkiste zu verbringen. Doch je früher wir fortkommen, desto früher können wir im Elsass chillen und unseren ersten Apéritif im Garten zu uns nehmen. Das muss Motivation genug sein. Wir teilen uns in zwei Autos auf: Helene und ich fahren in ihrem roten Austin Mini, während Paula, die aus der Freiburger Gegend stammt und damit die größte Elsass-Kompetenz aufweist, sich zu Thees und Lars in den schicken, schwarzen SLK des ersteren setzt. Sie hatte kurz gezögert, sich gefragt, ob sie nicht besser uns begleiten sollte, das sah ich in ihrem Blick. Plötzlich ist da so ein Gefühl und eine Frage blitzt in mir auf: Hatten sie mal einen Dreier? Oder läuft irgendetwas anderes zwischen ihnen, von dem ich nichts weiß? …

Doch es trifft sich ganz gut, dass sie nicht in unserem Wagen sitzt, denn zwischen Helene und mir herrscht das erste Mal – und das seit längerer Zeit – dicke Luft, die wir vielleicht in diesen nächsten Stunden bereinigen könnten. Das wäre wenigstens eine Baustelle weniger für sie, die sich das alles so relaxing vorgestellt hatte, damals kurz nach Silvester, als sie uns fragte, ob wir an diesem verlängerten Wochenende Zeit für sie hätten. Sie hatte aber nicht mit dem Leben gerechnet, das einen manchmal aus der Bahn wirft – es war so einiges passiert.

Jesus war vor drei Tagen auferstanden und wir reisen gerade  ins vermeintliche Paradies.

– Mitja, ist alles easy zwischen uns?

Sie macht sich Sorgen, dass sie mich in den letzten Wochen vernachlässigt, keine gute Freundin gewesen sei, meine BFF  – zumindest hatte sie diese Abkürzung unter ein gemeinsames Selfie auf Instagram gehashtagt.

Ich fragte sie damals:

BFF? Was soll das sein?!

Ob ich das nicht aus den amerikanischen Serien kenne:

– BFF = Best Friends Forever

Tatsache, darauf hatte ich noch nie geachtet. Helene war für mich immer schon so american gewesen, fern meiner eigenen Herkunft – Klassenfeinde nennen es meine Eltern. Wir waren in den frühen Neunzigern aus Kasachstan nach Deutschland immigriert, so richtig angekommen sind die beiden nie. Helene jedenfalls ist für mich wie die andere Seite der Medaille. Ich bin der verrückte, mittel- und erfolglose Künstler, Prekariat, während sie im Marketing in einer Kunsthalle arbeitet, in dem die Arrivierten ausstellen – die, die ihre Kunst für viel Geld verkaufen können. Sie verdient sicher auch nicht die Welt, hat jedoch anders als ich reiche Eltern. Manchmal werde ich von ihrem Arbeitgeber beauftragt, beim Ausstellungsaufbau zu helfen, bei der Hängung. Einmal hatte sie mich für eine Kunst-Aktion verpflichtet, als Statist.

Sie möchte mir immer wieder helfen, mich unterstützen, das kann ich sehr wohl (an)erkennen.

Die letzten Wochen hatte ich große Schwierigkeiten, mein Leben in den Griff zu bekommen – alles schien mir zu entgleiten. Von ihr war in dieser Zeit kaum etwas zu erwarten, sie beschäftigte sich gerade viel zu sehr mit sich selbst, musste ihre Trennung verarbeiten und hatte viel Stress im Job. Das war so, und beim Liebeskummer konnte ich ihr wirklich nicht weiterhelfen, das hatte sich aus Prinzip verboten …

Helene blickt mich von der Seite an, als erwarte sie etwas von mir. Sie sieht sehr gut aus mit ihrer neuen Frisur, ein bisschen old fashioned, ein bisschen Audrey Hepburn. Die Brille in ihrem Haarschopf hat einen Goldrand, ihre Kette ist aus dem gleichen Metall, die Seiden-Bluse einfach und cremefarben, ihre dunkle Bundfaltenhose ist sehr Business und ihre klassischen, schwarzen Leder-Slipper sind sicher von Joop. Sie trägt nur ein leichtes Makeup, kaum sichtbar, ihre Lippen sind glossy.

– Hör zu, Helly, bei uns war das immer schon so. Mal haben wir fast täglich miteinander zu tun, mal eine Zeit lang fast gar nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass du dich besser in mich hineinversetzen könntest, klar, aber ich konnte ja die letzten Wochen auch nicht für dich da sein.

Sie konzentriert sich auf die Fahrbahn, setzt den Blinker, wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen, den anderen folgen. Sie beißt sich auf die Lippe, sagt dann angespannt:

– Mitja, ich möchte nur nicht, dass es sich auf die nächsten Tage auswirkt. Mir ist das wichtig und ich freue mich seit Wochen darauf. Really!

Vielleicht hätte sie besser gesagt, dass sie mich nicht verlieren möchte, denke ich. Bin ich zu sensibel? Eine Zeit lang lag es in der Schwebe, ob ich mitfahre. Ihr Ex sollte eigentlich mit …

– Es wäre nicht wirklich glaubwürdig und hilfreich gewesen, wenn ich etwas zu deiner Trennung gesagt hätte.

Ich sehe ein kurzes Zucken im Mundbereich, ein angedeutetes Lächeln:

– In der Tat … Es fühlt sich etwas strange an, mit dir alleine im Auto zu sitzen und darüber zu reden.

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich mir wünsche, dass wir schöne Tage miteinander verbringen und dass dies sicher nicht an mir scheitern werde. Helene freut sich sichtlich, streckt mir ihre Faust entgegen und sagt check, was ich erwidere. Sie spielt an der Musikanlage, wählt Moloko – unsere gute Laune-Auto-Musik, seit jeher.

– Selfie-Time!

Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, sie, wie sie das Auto fährt, und mich (oder zumindest mein Gesicht) auf ein Foto zu bekommen – nicht ganz einfach, aber wofür bin ich Künstler. Es gelingt mir. Helene lächelt zum Glück hübsch darauf, ich verziehe wie immer meine Fresse. Ein befreundeter Journalist schrieb einmal auf Facebook, dass ich auf jedem Bild ein Duckface mache.

– Zeig mal!

Sie ist zufrieden und fordert mich auf, es auf Instagram und Facebook zu posten.

– Ich bin gespannt, ob die anderen unser Posting beantworten.

– Wurstkette!

Das schreie ich heraus. Sie daraufhin noch lauter:

– Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuurstkeeeeeeettttttttttteeeeeeeeeee!!!

Wir saßen einst bei einem Essen bei Helene – sie, Thees, Lars, Paula, Fanny und ich – und wollten alle gemeinsam etwas posten. Wir beschlossen, dass jede/r das Wort Wurstkette auf die eigene Pinnwand schreiben sollte, mit Markierung der anderen natürlich. Und wir mussten das alle bei jedem anderen liken. Seitdem schreien wir uns immer zwischendurch Selfie-Time oder Wurstkette zu. Niemand versteht uns, wir müssen aber immer wieder minutenlang darüber lachen.

Tatsächlich hagelt es von unseren Freunden im SLK (diese Protzer, ey!) rasch Kommentare. Sie antworten ihrerseits mit einem professionellen Selfie, auf dem wir Paula in der Mitte sehen und Teile der Köpfe der beiden Männer, den Innenspiegel und die Autobahn im Hintergrund.

– Mal schauen, wer mehr Likes kriegt.

Helene lacht und denkt sich gewiss, dass wir klar im Vorteil sind. Zwar ist Paula unsere Social Media Expertin, macht dies sogar beruflich, aber ich bin ein Künstler, der sehr viel mit diesen Netzwerken arbeitet und eine nicht kleine Anhängerschaft um sich geschart hat. Ohne angeben zu wollen.

Unsere weitere Fahrt ist entspannt, zwischendurch ändere ich die Musik, in dem ich die Anlage mit meinem Smartphone kopple – ein bisschen Gogol Bordello muss jetzt sein. Kurz vor Frankreich schalte ich in den Flugmodus, ich habe mir vorgenommen, die Tage gar nicht ins Internet zu gehen. Könnte mir auch mal guttun, denke ich.

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