Kapitel 1 Teil 3

Wir gehen zuerst nach links, wo sich zwei Schlafzimmer befinden, eines größer mit einem riesigen Badezimmer, eines kleiner. Helene entscheidet sich rasch für das erstere, Lars schaut sie fragend an, sie nickt. Thees beschließt das Zimmer nebenan zu nehmen, er beschließt, dass Fanny sich zu ihm ins Bett legen soll. Ich finde das eher merkwürdig, schließlich sind sie keine Paare, aber ich sage nichts …

Auf der anderen Seite sind weitere zwei Schlafzimmer und eine Toilette. Im ersten Zimmer steht ein altes, wunderschönes Holzbett, in das sich Paula sofort verliebt. Im zweiten ist ein kleines rosa Bad integriert. Das möchte ich haben, vor allem, weil ich zuhause keine Badewanne besitze.

Haben wir hier schon scheinbar keine Konflikte, ist es bei dem Einkaufsthema noch leichter: dass Paula und ich keine Lust haben, wird von den anderen vorausgesetzt. Wir gelten beide als launisch und manchmal etwas schwierig, womit sie wohl Recht  haben. Bei mir kommt dazu, dass ich stets blank bin, was die anderen genau wissen, insbesondere die großzügige Helene, die meinen Aufenthalt hier subventioniert. Ich bin oft viel zu undankbar ihr gegenüber! Paula merkt an, dass wir noch auf das Dach müssten, bevor sie losfahren. Es geht erst einmal durch ein bisschen Gerümpel eine Treppe hoch. Und dann stehen wir da und können unseren beiden Gärten überblicken und sogar bis zu den Vogesen bei diesem herrlichen Wetter. Paulita sagt:

– Boah, geil hier oben. Ich hole meine Sachen und lege mich mal eine Weile hin.

Ich mache es mir lieber unten gemütlich, setze mich auf die Wiese und lese eines meiner Bücher, die ich mitgebracht habe. Neben mir ein Glas Champagner. Mein Leben sieht sonst etwas … anders aus …

 

Das erste Ziel ist, mit einem Glas Cremant in der Hand Federball und Tischtennis auf unserer Wiese zu spielen.

– Immer geiler! Immer steiler!

Helene lacht, sieht unbeschwert und glücklich aus, und macht mit ihrem iPhone Schnappschüsse von Lars, Thees, Paula und mir.

– Ist das eine jeile Hütte, wa?

Sie berlinert ein bisschen, wenn sie getrunken hat. Thees, der heute noch recht nüchtern bleiben muss, weil er später Fanny abholt, flüstert uns anderen zu:

– Passt heute bitte auf, keine schwierigen Themen ansprechen. Wenigstens einen Abend sollten wir ohne Alkohol-Tränen auskommen können. Ohne Fanny sind wir ja aufgeschmissen.

Sie ist es, die Helly ein bisschen herunterbringen kann, in den Arm nimmt, sie beruhigt, ihr gut zuredet. Im Wein liegt die Wahrheit – und die Trauer, die Melancholie, die Enttäuschung über das Leben.

Charlie Chaplin sagte:

– Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist unsere Helene die sensibelste, verletzlichste von uns allen und kann das in nüchternem Zustand gut verbergen. Vielleicht verstärkt Alkohol oder auch jede andere Droge den inneren Gefühlszustand, nicht das, was man nach außen trägt, nicht die Fassade.

 

In vielen Punkten entspreche ich nicht den üblichen Männlichkeitskriterien. Ich bin in nüchternem Zustand schon so weinerlich wie andere nach Alkoholgenuss. Apropos: mittlerweile trank ich zwar Bier, jedoch mehr als Genussmittel und ich bevorzugte eindeutig kompliziertere Biere als das, was es Mainstream so gab – und damit betrinken fand ich sowieso total niveaulos. Ich habe auch keinen Bock am Grill zu stehen – danach essen gerne, aber mich da hinstellen, Feuer anzünden und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen (wie damals, als die Männchen noch die Ernährer waren und auf Jagd gingen) – das war nicht meins. Das erinnerte mich an amerikanische Serien und die Vaterfiguren, die männlich grunzten (wie Tim Allen in Hör mal, wer da hämmert) und darüber diskutierten, ob noch  mehr Grillanzünder dran und wann das Fleisch gewendet werden muss. Dafür deckte ich den Tisch, faltete die Servietten und verteilte die Blumen, die Helene im Süper Ü,  wie der Supermarkt in Marckolsheim heißt, gekauft hatte. In dieser Villa fanden sich so viele schöne Gegenstände, wenn man sich die Mühe machte, sie in den vielen weißen Schränken zu suchen. Ich fand Vasen, Kerzenständer, Kerzen, stilvolle Wein- und Sektgläser, exquisites Besteck, prächtiges Geschirr und drapierte es auf dem großen Holztisch im Wohn- und Esszimmer. Paula half Helene mit dem Anrichten der Salate und den Antipasti in den Schälchen, während Thees und Lars sich um das Grillen kümmerten.

– Wohoooooo! Amaaaaziiiiiiing! Wie schön du diesen Tisch gedeckt hast. Da müssen wir sofort Fotos schießen, mein Gott, wie schön! Ich freue mich!

So leicht ist es, Helene glücklich zu machen – manchmal beneide ich sie darum, solch kleinen oberflächlichen und doch so wichtigen Details reizend zu finden. An mir geht das leider total vorüber.

Bevor wir uns an den Tisch setzen, gibt es den gefühlt zehnten Apéritif – wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschlein weit und breit, die schon vor dem frühen Abendessen völlig hinüber sind. Aber noch stehen wir, noch reden wir halbwegs vernünftig und noch genießen wir das wunderbare Essen. Oooohhh, aaaaaaahhhhh, mmmmmmmmhhhhh machen wir alle tausendfach.

– Immer geiler!

Wir lachen wieder. Dieser Spruch wird uns wirklich hier verfolgen. Der Rotwein ist lecker, wir beschließen deswegen sitzenzubleiben, bis wir die zweite Flasche ausgetrunken haben, eine Käseplatte als Nachtisch zu essen, die hervorragend dazu passt, und von den nächsten Geburtstagen Helenes zu träumen.

– Das Gibson in Frankfurt für eine Nacht mieten? Oder doch eher in die Richtung hier: eine Hütte in den Bergen? Eine Kreuzschifffahrt auf der AIDA?

Alles erscheint gerade so easy, so nice – Helene fühlt sich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst ich spüre gerade keine Risse, keine Konflikte unter der Oberfläche. Wir genießen das Essen, Trinken, die Atmosphäre, den Luxus, unsere Privilegien …

Später setzen wir uns endlich an den Kamin, in Decken eingemummelt, denn es dauert natürlich eine Weile, bis Larsi und Helly das Holz zum Brennen bringen, am Anfang noch mit sehr viel Rauch – sie lösen sogar den eklig klingenden Alarm damit aus, der klugerweise an der Decke über dem Kamin angebracht ist. Wir müssen die großen schönen Fenster öffnen, es wird etwas kühl. Thees holt den Whisky hervor, den er seinem Vater abgeschwatzt hat. Wir haben alle keine Ahnung von diesem Getränk, denken aber, dass es dazugehört, vor dem Kamin zu sitzen und den Geist zu schlürfen.

– Mooooooment! Haben wir Eiswürfel? Im Kühlschrank gibt es kein Eisfach!

Er schreit es aus der Küche heraus.

– Im Nebenraum ist ein Zimmer mit Waschmaschine und einem weiteren Kühlschrank, Thees, da sind Eiswürfel drin!

– Mensch, Mitja, du weißt schon am ersten Abend, wo sich alles befindet.

Helene ist erstaunt. Als ich vorhin alles, um den Tisch zu decken, gesucht hatte, schaute ich überall im Erdgeschoss hinein, um eine Orientierung zu kriegen.

Ich habe den Platz ganz vorne am Kamin, in einem dieser gemütlichen Sessel, in denen man so schön einsinkt, wenn man sich hineinsetzt. Eine kuschelige Decke über mir, das Whisky-Glas in der Hand. Im ersten Moment ist das Getränk nicht nur scharf und brennt, sondern ich habe auch ein leichtes Gefühl der Übelkeit, es riecht und schmeckt so rauchig. Doch dann, als es durch meine Kehle fließt, mich von innen wärmt, ich den würzigen Nachgeschmack spüre, finde ich Gefallen daran, möchte einen weiteren Schluck trinken. Langsam gewöhne ich mich daran. Vielleicht ist aus mir doch noch ein wahrer Gentleman herauszuholen?

Thees beobachtet mich:

– Na, Mito, schmeckt dir der gute Tropfen?

Das Interessante an meinem Namen ist folgendes: Eigentlich heiße ich ja Dimitri, nach meinem Opa, allerdings gefiel mir der Name nie besonders, auch nicht die Abkürzung Dima. Es gibt aber noch Liebkosungen wie Mitja, die häufigste, oder Mitko und Mito. Dimitri oder Demetrius stammt von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.

– Danke. Ich glaube, dein Vater hat einen exquisiten Geschmack.

– Davon kannst du ausgehen!

Er schmunzelt. Und ich denke: Ja, das wissen wir. Thees‘ „Stiefmutter“ ist jünger als er, ein hübsches Ex-Model, ein Starlet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch er etwas zu viel getrunken hat, deswegen frage ich ihn:

– Kannst du überhaupt noch fahren?

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