Kapitel 2 Teil 1

2

Ich liebe diese Matratze, nicht zu hart, nicht zu weich, gerade richtig für mich. Sofort schlafe ich ein und wache, wie so oft, wenn ich zu viel getrunken und gekifft habe, viel zu früh wieder auf. Um sieben Uhr gehe ich also kurz in die Küche und koche mir einen Tee, alles ist so verdammt ruhig hier, höchstens Vogelgezwitscher kann ich vernehmen, keinen Verkehr, keine verdammte U-Bahn wie bei mir zuhause. Und alle anderen scheinen selig zu schlafen … Oben angekommen lasse ich mir Wasser in die Badewanne einlaufen und mache es mir darin gemütlich – mit dem Tee und dem Roman Die Interessanten von Meg Wolitzer – ein durchaus passendes Buch für dieses Wochenende, wie ich finde. Das heiße Wasser tut mir gut, der Geruch nach Lavendel, rasch schaffe ich es in die Geschichte einzutauchen …

Nach dem Eincremen entscheide ich, mich noch einmal hinzulegen, ein bisschen zu dösen. Schlaf ist wirklich das, was in unserem modernen Leben am meisten fehlt, denke ich. Erfrischt wache ich um elf endgültig auf, ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose über und begebe mich auf den Weg in die Küche. Dort stehen Thees, Lars und Fanny herum, eine Kaffeetasse in der Hand. Sie fragt mich:

– Magst du auch einen? Gerade frisch gekocht!

– Nein, danke. Wo ist das Geburtstagskind?

– Helene ruht noch.

– Paula?

Lars sagt:

– Keine Ahnung. Wir müssen eh auf Helly warten. Draußen haben wir schon angerichtet, Fanny war in der Boulangerie und Thees hat den Cremant kalt gestellt.

In diesem Moment kommt das Geburtstagskind herein. Sogar ungeduscht sieht sie damenhaft und wie aus einem Fünfzigerjahre Film aus. Sie trägt einen apricotfarbenen, seidenen Morgenmantel und Pantöffelchen.

– Na, whatsup, guys?

Thees fragt mich, ob ich mal hoch zu Paula könnte, damit wir uns zum Frühstücken und zum Geburtstags-Sekt treffen könnten. So steige ich die Treppen wieder nach oben, klopfe an ihre Zimmertüre, höre kein „Bitte“ und kein „Komm herein!“, also klopfe ich noch einmal, rufe ihren Namen. Nichts. Ich öffne also die Türe und sehe, dass sie nicht im Raum ist. Okay. Dann fällt mir das Dach ein und ich bewege mich dorthin, aber auch da ist sie nicht. Von oben blicke ich in die Umgebung, sehe sie aber nirgends. Ich laufe also zu den anderen nach draußen; sie sitzen alle schon am gedeckten Tisch.

– Vielleicht ist sie joggen …

Das sage ich achselzuckend. Niemand hatte sie gehört oder gesehen die letzten paar Stunden. Thees sagt, dass er seit 9 Uhr unten war. Merkwürdig. Paula ist unsere Sportskanone, fährt Rennrad, rudert und ist schon einen Marathon gelaufen. Sie ist allerdings auch die Frühaufsteherin unter uns, daher verwundert es schon, dass sie um diese Uhrzeit noch beim Sporteln sein soll. Wir anderen frühstücken genüsslich, schauen uns dabei immer wieder die Farbenpracht des Gartens an, wundern uns über die Stille und unterbrechen sie gelegentlich durch albernes Gerede – unsere Irritation über Paulas „Verschwinden“ versuchen wir alle zu verdrängen.

– Mhhhhh! Der Käse ist so delicious. Mhhhhh. Habt ihr schon mal den in der Mitte probiert? Wow!

Ich denke in dem Moment: Helene, DU bist delicious und liebenswert. Liebenswert deliziös! Es sind doch die kleinen Marotten, die wir an Menschen lieben – oder hassen. Je nach dem.

Thees stellt fest, dass es keinen frischen Kaffee mehr gibt, so macht er sich auf, welchen zu kochen. Die Croissants und Tartes sind wirklich lecker, wir stopfen uns alles genüsslich in den Mund. Alles könnte perfekt sein … wenn … Als Thees zurückkehrt, hat er nicht nur Kaffee dabei, sondern auch einen Ordner.

– Helene, sagtest du nicht, dass die Besitzerin des Anwesens eine Jüdin sei?

– Doch, Thees, das sagte ich. Wieso fragst du?

– Schon mal in diesen Ordner hineingeschaut?

Thees gibt ihn ihr und beginnt unsere Tassen der Reihe nach aufzufüllen.

– Das machst du gut, Süße!

Larsi klatscht ihm auf den Hintern und kichert vor sich hin.

– Alta, du bist so albern!

Thees sagt es und muss trotzdem mitlachen. Dann wird er plötzlich wieder ernst:

– Ist aber dann creepy, wenn man bedenkt, dass die SS hier wilde Orgien am Kamin gefeiert hat …

Whuuuuuuuuuuut?!

Helly wird ganz blass und schaut geschockt, Fanny nicht minder.

– Wo steht das?

Sie blättert den Ordner durch.

– Naja, 1934 wurde diese Villa gebaut, damals gehörte sie ebenfalls einem Juden, der später zwangsenteignet wurde. Ich meine, das hier ist ja optimal für die SS gewesen als Stützpunkt. Von Orgien steht  natürlich nichts drin …

– Nein, aber von einer Schießanlage im Keller …

Unsere Gastgeberin schluckt:

– Hätte ich das gewusst …

Lars ist offensichtlich anderer Meinung:

– Was wäre dann gewesen? Ich meine, das war damals. Mein Gott! Mich interessiert das `nen Scheiß! Wirklich!

– Aber Paula …

Alle schauen nun Fanny an, versuchen ihren Blick zu verstehen. Was hatte nun das Verschwinden von Paula damit zu tun?

– Sag mal, hackt es bei dir? Was hat jetzt Paula damit zu tun? Glaubst du, dass heute Nacht ein SS-Geist sie entführt und in den Keller gebracht hat? Hast du zu viele Horrorfilme gesehen?

Die Angesprochene fängt an zu schluchzen, Helene setzt sich näher zu ihr, faucht Lars an:

– So brauchst du nicht mit ihr zu reden, Motherfucker! Was soll das denn? Wie unsensibel bist du denn?

Er schaut sie pikiert an, versteht den Aufruhr nicht. Manchmal reagieren Männer und Frauen doch sehr unterschiedlich auf solche Dinge. Thees schnaubt verächtlich:

– Beruhigt euch mal, Freunde! Wir gehen gleich mal in den Keller und schauen nach dem Rechten.

– Ich gehe sicher nicht in den Keller! Und, Jungs, das ist alles gar nicht so lustig! Was ist, wenn Paulita etwas zugestoßen ist? Lasst uns lieber in ihr Zimmer gehen und nachschauen, ob sie etwas mitgenommen hat. Oder was da sonst los ist …

Helene nickt bedrückt und sagt:

Shit! So hatte ich mir meinen Geburtstag nicht vorgestellt. Apropos: hat sie schon mal jemand angerufen? Vielleicht hat sie sich verirrt?!

– Wir sind solche Holzköppe!

Fanny schlägt sich auf den selbigen und danach erkenne ich ein kleines hoffnungsvolles Funkeln in ihren Augen. Thees hat bereits sein Smartphone gezückt und die Nummer gewählt:

– Es klingelt und klingelt, aber sie nimmt nicht ab.

– Wir sollten schauen, ob sie es überhaupt dabei hat. Kommt, lasst uns abdecken und alles hineinbringen, dann schauen wir uns im Haus um.

– Ach, das wird ein SpaSS mit zwei S. Haha. Versteht ihr, SS?

Woher nimmt Lars nur diesen schwarzen Humor, der andere vielleicht verletzen könnte? Die beiden Frauen schauen ihn wütend an. Er zuckt nur mit den Schultern und stapelt Teller aufeinander.

– Lars, hör jetzt bitte damit auf!

Helenes Stimme ist fest und laut, sie möchte keine weiteren unpassenden Bemerkungen hören. Sie macht sich Sorgen um ihre Freundin – und das mit der SS drückt noch mehr auf ihre Stimmung, das ist deutlich. Ich bin in der ganzen Sache mehr der Beobachter, ich weiß gar nicht wieso. Nicht, dass es mich weniger beträfe als die anderen, nicht, dass ich weniger emotional als Fanny und Helene wäre, oder weniger schwarzhumorig als die beiden Herren (obwohl: das schon). Nein, es ist eher das dunkle Gefühl, dass sie nicht mehr auftauchen wird, so lange wir im Elsass sind, dass etwas Schlimmes passiert ist, und dass wir nicht fündig werden im Haus – nicht in ihrem Zimmer, nicht in ihrem Smartphone, das vermutlich noch hier irgendwo rumliegt. Das kann ich selbstverständlich nicht laut sagen.

Viele Dinge wissen wir schon viel früher, als wir es wahr haben möchten – und meistens verdrängen wir es mit wildem Aktionismus. Allerdings sind die Dinge manchmal auch sehr viel einfacher und weniger bedrohlich, als wir es uns vorstellen. Daher bleibt uns immer dieser Rest Hoffnung …

Fanny, Thees und Lars schauen oben in ihrem Zimmer, während Helene und ich uns unten auf die Suche nach Besitztümern Paulas machen. Im Flur finden wir ein Paar Schuhe, Sneakers. Die könnte sie vergessen haben, selbst wenn sie alles andere mitgenommen hätte. Doch zwei Blicke ins Ess- und Wohnzimmer genügen und wir finden ihr Smartphone, das seit gestern Nacht an der Anlage angestöpselt ist. Paula ohne Smartphone? Das ist wie ein Frankfurter Schnitzel ohne Grüne Soße – einfach undenkbar! Dass sie es gestern Nacht betrunken und zugekifft vergessen hat, das kann ja passieren, aber dass sie es nach dem Aufwachen nicht gleich gesucht hat? Helene denkt das gleiche wie ich, als wir das Mobiltelefon sehen:

– DAS ist jetzt schon das worst case scenario, oder? Pauli ohne Smartphone? Nein, sie muss entführt worden sein oder ähnliches.

Sie wird immer blasser, fast schon grün im Gesicht, in ihren Augen sehe ich Tränen. Helene Blues schon tagsüber. An ihrem Geburtstag.

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