Kapitel 2 Teil 5

– Immer geiler! Immer steiler!

Die Damen liegen auf der Wiese, die Musik im Wohnzimmer ist laut aufgedreht, es hört sich wie CRO an. Sie gackern und scheinen richtig gut drauf zu sein. Wir beschließen mit dem Anruf bei der Polizei noch eine halbe Stunde zu warten. Zu betrunken sollte niemand von uns sein. Wir sagen ihnen, dass sie mal kurz ausnüchtern, vielleicht ein bisschen dösen sollten. Aye aye, sagt Helly und nickt auch gleich auf ihrer Decke ein. Lars erklärt, dass das mit den 24 Stunden bei Vermisstenmeldungen nicht stimme, das sage man nur so in Krimis. Wenn die Gefahr für Leib und Seele groß erscheint, sollte man die Polizei lieber umgehend benachrichtigen. Wir glauben alle, dass es nun Zeit dafür ist. Lars ruft an, erklärt den Sachverhalt. Nachdem er aufgelegt hat, sagt er, dass in einer Stunde jemand komme und meint, dass es sicher okay sei, wenn wir einen Gin Tonic mit Gurke zu uns nehmen und uns auf die Terrasse zum Musik hören setzen. Allerdings mit etwas anderer Musik, chilliger, sagt er, und läuft zur „Anlage“, während Thees die Drinks zubereitet.

Es ist merkwürdig. Ich habe nichts verbrochen, mir nichts zuschulden kommen lassen – trotzdem bin ich total aufgeregt, weil die Polizei gleich da sein und uns ausquetschen wird. Mich hat meine Jugend in Deutschland etwas geprägt, für mich sind diese Polizisten nicht meine Freunde, es sind eher die, die mir und meinen Kumpels immer unterstellten, etwas geklaut, zu viel getrunken oder jemanden verprügelt zu haben. Weil wir verdächtig ausschauen. Weil wir Aussiedlerdeutsche sind. Und die sind ja bekanntlich alle kriminell. Wie oft wurde ich ungerechterweise kontrolliert, während Bio-Deutsche null beachtet wurden, in Zügen, an Abenden auf Marktplätzen …

Wir kochen Kaffee, bereiten die große Tafel im Esszimmer vor, ein paar Kekse stellen wir auch auf den Tisch. Helene lässt sie herein, als sie klingeln, sie wirkt schon wieder ganz damenhaft und „normal“. Sie führt die zwei Polizisten in das Ess- Und Wohnzimmer. Die Frau und der Mann zeigen sich beeindruckt von dem Prunk. Sie setzen sich, Helene bietet ihnen Kaffee und Wasser an, sie möchten beides. Zuerst nehmen sie unsere Personalien auf, danach lassen sie sich von Helene die ganze Geschichte erzählen. Ich schaue mir die beiden an, sie sind beide auf ihre Weise attraktiv und sehen sehr sympathisch aus: sie scheint etwas jünger als er zu sein, ich schätze sie auf Ende Zwanzig, ihn auf Anfang Dreißig. Sie trägt Pferdezopf und ist nur leicht geschminkt, sehr schlank, vermutlich durchtrainiert. Er ebenso, allerdings hat er dunkelblondes kurzes Haar, blaue Augen und ein breites Lächeln, das er häufig einsetzt, während sie zwar freundlich, aber konzentriert schaut. Thees ergänzt die Erzählung um unsere Suche und unsere Telefonate. Lars weist auf das Smartphone und die Klamotten in ihrem Schlafzimmer hin. Thees sagt, dass wir alles angefasst haben, das Smartphone, um zu schauen, ob uns das weiterhelfen könnte und natürlich hatten wir es gestern Abend sicherlich alle mal in der Hand, um Fotos zu schießen oder die Musik zu ändern etc. Er erwähnt gleich, dass es sehr seltsam sei, dass so vieles gelöscht wurde.

– Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Polizistin schaut uns der Reihe nach an, nicht böse, nicht so, als hätte sie uns für irgendetwas im Verdacht, einfach nur neugierig. Bereits die ganze Unterhaltung über wirken sie sehr neutral, fast schon wohlwollend. Doch wir zucken alle mit den Schultern.

– Es ist absurd! Logisch betrachtet müsste das ja jemand von uns gemacht haben. Aber wieso?!

Helene schaut die Polizistin an, möchte jeglichen Verdacht ausräumen:

– Wir alle lieben Paula und sind von ihrem Verschwinden total erschüttert. Es muss wirklich etwas passiert sein, nur haben wir keine Vorstellung was.

Sie sagt es mit fester Stimme, wahrscheinlich möchte sie am liebsten heulen. An ihrem Geburtstag. Helene Blues

– Das glaube ich gerne, Frau Sonntag. Gerade an so einem Tag. Das tut mir wirklich leid für Sie, für sie alle.

Er schaut dabei so nett, so unschuldig aus.

– Gab es denn Streit? Unstimmigkeiten?

Wir verneinen es.

– Keinen Grund, warum sie verärgert, deprimiert, traurig gewesen sein könnte? Keinen Grund, warum sie von sich aus Knall auf Fall gegangen sein könnte?

Das fragt er. Sie nimmt eine andere Perspektive ein:

– Oder haben Sie in der Nacht oder am frühen Morgen Geräusche gehört? Ist jemand in das Haus eingedrungen? Sind irgendwo Einbruchsspuren zu finden?

Wir erklären, dass wir nirgends nur eine Spur davon gefunden haben, es aber ein Leichtes gewesen wäre, den Zweitschlüssel aus unserem Versteck vor der Türe herauszufischen, und dass wir vielleicht sogar ein Fenster unten auf hatten, durch das man bequem ins Haus gekonnt hätte. Wir haben uns nichts dabei gedacht hier im Elsass. Die beiden Polizisten schütteln gutmütig den Kopf.

– Alkohol oder sonstige Drogen waren nicht im Spiel?

Jetzt werden wir wahrscheinlich allesamt rot. Wir brauchen gar nichts sagen.

– Etwas Hartes?

Wir schütteln alle unschuldig den Kopf, nein, Paula hatte gelegentlich gekokst und andere Dinge genommen, aber wir sind uns alle sicher, dass sie gestern in der Hinsicht clean war.

Die beiden erklären, dass sie alles mitnehmen werden, die Techniker würden sich das Smartphone mal genauer anschauen. Wir sollten weiterhin Kontakt mit Frankfurt und Freiburg halten, am besten in der Nähe bleiben und noch nicht abreisen – vielleicht habe sie ja echt nur einen Ausflug alleine machen möchten. Die andere Möglichkeit … setzt die Polizistin an, spricht aber dann nicht weiter.

– War sie denn aus Ihrer Sicht labil? Hatte sie besondere Probleme in letzter Zeit? Job verloren, Schulden, Trennung oder so etwas in die Richtung?

Wir verneinen alles, auch als sie nach Depressionen oder sonstigen psychischen Störungen nachfragt. Dann sammeln sie alles ein, geben uns ihre Kärtchen und wünschen uns viel Glück.

Ich weiß nicht, was sie denken, was sie annehmen, weiß nicht, was sie von uns halten, weiß nicht, was wir denken, annehmen, von uns halten …

 

Als sie weg sind, setzen wir uns alle draußen auf die Terrasse mit neuen Gin Tonics und stoßen darauf an, dass wir das gut herumgebracht haben. Als wir Hunger kriegen, macht sich Helene auf den Weg in die Küche, um die Salate und das Gemüse vorzubereiten, Thees und Lars kümmern sich wieder um das Grillen. Fanny und ich bleiben zunächst sitzen.

– Weißt du, warum Helene so genannt wurde?

– Wegen der mythischen Helena? Sie soll die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein.

– Genau. Väter wünschen sich, die schönsten Töchter der Welt zu haben. Findest du sie schöner als Paula und mich, Mitja?

– Um ehrlich zu sein …

Sie lächelt, während sie eine Gurkenscheibe aus dem Glas fischt.

– Natürlich findest du sie am schönsten. Du liebst sie. Sie erzählte mir einmal, dass es verschiedene Auslegungen des Mythos gibt. Ist sie eine lüsterne Frau, die mit einem schönen Mann durchbrennt, oder ist sie die brave, ergebene Frau, die geraubt wird?

– Wieso erzählst du mir das, Fanny?

– Unter uns drei Mädels hatten wir das immer als Codewort: Die drei Helenas.

Ich schaue sie erstaunt an. Was möchte sie mir damit sagen?

– Darf ich meine Frage von gerade eben wiederholen?

Sie steht auf. Ich sitze nah genug, um sie am rechten Handgelenk anzufassen und wieder hinunterzuziehen:

– Warte! Erklärst du es mir?

Fanny möchte mir darauf keine Antwort geben. Vielleicht jedoch auf die nächste Frage:

– Wieso wart ihr so merkwürdig drauf, nachdem du abgeholt wurdest?

Ich merke, wie sie sich versteift, genervt ist:

– Die beiden hatten schon vorher Stress, unter anderem weil Paula, diese Süchtige, Probleme mit ihrem Smartphone hatte und sie war vorher mit Helene aneinandergeraten. Ich war eh schon genervt von diesen dummen Kindern im Zug, die betrunken rumgegrölt haben, dann kam mir noch Thees mit seiner dämlichen Begrüßung in die Quere, so machomäßig zu entscheiden, dass wir ein Bett teilen. Hätte ja sein können, dass ich vielleicht lieber alleine schlafen möchte. Oder lieber mit einer meine Freundinnen.

Jetzt steht sie endgültig auf, sagt:

– Lass uns schauen, ob wir Helene helfen können.

 

Später sitzen wir gesättigt am Kamin, rauchen eine Tüte, trinken Cremant und fragen uns, wie das Wochenende weiter gehen soll. Vielleicht liegt es daran, dass wir so breit sind, aber wir haben das Gefühl, dass schlechte Laune, Trauer und Angst uns Paula nicht zurückbringen werden. Wir MÜSSEN weiterleben. Wir wissen alle nicht, was geschehen ist, können es nicht zurückdrehen. Wenn wir nach Frankfurt zurückfahren, dann ändert es gar nichts. Plötzlich fangen wir auch wieder an, Selfies zu schießen und zu vergessen, dass uns eine Person fehlt. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist der Mensch so.

In dieser Nacht ändert sich die Zimmeraufteilung. Ich bleibe in meinem, genauso wie Helene, alle anderen wechseln aber: Fanny nimmt das Bett von Paula, Lars schläft neben Thees. Was wir alle mit schlüpfrigen Bemerkungen quittieren.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder draußen beim Frühstück und Helene platzt damit heraus, dass sie die ganze Nacht Alpträume hatte, von der SS, vom Verschwinden Paulas, von Vergewaltigungen – sie möchte einfach nur weg. Es mache sie traurig.

– So marvelous ich es mir vorgestellt hatte, so marvelous es hier hätte sein können, es sollte wohl anders laufen. Too bad!

Wir müssen die Küche ein bisschen sauber machen, das Geschirr spülen und einräumen, die Betten abziehen, unsere Sachen packen. Das tun wir alles konzentriert und schweigsam und so haben wir das rasch erledigt.

Dieses Mal fahren Helene und Fanny in einem Auto, während ich mich zu den Jungs geselle. Wir hören laut Musik und geben uns unbefangen. Es ist wie es ist, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, oder auch: „Lebbe geht weider“, wie der berühmte Frankfurter Fußballtrainer Stepi (Dragoslav Stepanović) einst sagte.

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