Kapitel 3 Teil 1

Weiterleben ist aber gar nicht so einfach, nicht für mich, der ich in manchen Zeiten Lebenskünstler bin, in anderen Zeiten jedoch eher ein melancholischer Leidender. Tage vergehen gelegentlich in unnützer und untätiger Lethargie, in „Ich trage die ganze Last der Welt auf meinen Schultern“ und in „Das Leben hat doch eh keinen Sinn“. Ich höre dann traurige russische Volkslieder und schaue stundenlang Serien, vertiefe mich in die Charaktere, in deren Leidensgeschichte, auch hier bevorzuge ich schwerwiegendere Themen …

Alle negativen Gefühle werden durch das Verschwinden Paulas verstärkt. Wer war sie überhaupt? Das frage ich mich nun. Und was hatte sie die letzten Monate eigentlich gemacht, wie gelebt? Ich hatte sie völlig aus den  Augen verloren …

Manchmal verliere ich die Übersicht über meine vielfältigen Projekte, habe das Gefühl, dass alles über meinen Kopf wächst und ich alles vermassele. Manchmal denke ich mir, dass ich am liebsten einen Nullachtfünfzehn Job hätte, bei dem ich mir über nichts Gedanken zu machen brauchte. Aber die Kunst will irgendwohin. Die Kunst will sich aus mir herauspressen, will raus, raus, raus. Sie lässt mich nicht mehr in Ruhe, verwandelt mich in ein unruhiges Etwas, das mich zwingt, dieses und jenes zu produzieren, viel zu oft alles parallel und gleichzeitig. Nachts kann ich oft nicht mehr schlafen, weil mir so viele Ideen und Bilder durch den Kopf kreisen, mich fast zum Explodieren bringen, ich jedoch endlich schlafen muss, weil ich so erschöpft bin. Morgens wache ich dann wie verkatert auf, mies gelaunt, komme noch mieser in den Tag und beginne oft erst am frühen Nachmittag meine richtige Arbeit.

Zwei Tage habe ich nur, um konzentriert zu arbeiten, bevor ich wieder ranklotzen muss, Messeaufbau ist mein Job, mit dem ich Geld reinhole, für die Miete, die Nebenkosten, das Smartphone etc. Das ätzt mich an, das macht mich fertig, 14, 16, manchmal 18 Stunden-Schichten sind normal, zwei Tage lang am Stück. Dafür gibt es gutes Geld und ich kann mir wieder etwas Freiheit erkaufen, mein Künstlerleben finanzieren. Ich bezweifele, dass ich  in meiner jetzigen Stimmung produktiv werden könnte.

Vielleicht schaffe ich es, diese negativen Gefühle, diese Schwermut in meine Arbeit zu kanalisieren, bei zwei meiner drei Projekte, mit denen ich mich beschäftigen möchte, könnte das doch nützlich sein, oder? Für meine nächste Ausstellung habe ich mir vorgenommen, etwas über das Thema Drogen und wie sie einen Menschen beeinflussen, zu arbeiten. Ich möchte Skulpturen oder eine Installation herstellen, habe jedoch nicht vor, verfallende Gesichter wie im Internet zu „Crystal Meth“ zu finden sind, zu porträtieren, sondern möchte den Helene Blues irgendwie darstellen. Nur habe ich noch absolut keine Idee, wie ich diese unfertige Idee umsetzen will. Da kann mir das Wochenende im Elsass helfen, da stört vielleicht auch nicht meine Niedergeschlagenheit, im Gegenteil. Das andere Thema wird mir gestellt, ich soll mir für eine Gemeinschaftsausstellung in Hamburg eine Performance überlegen, die die Bootsunglücke, bei denen Hunderte von Flüchtlingen starben, in den Fokus setzt. Dem Laien fiele sofort ein Theaterstück ein, das die Situation nachspielte, aber das ist keine Kunst, das ist zu platt – ich muss ganz anders an diese Sache gehen. Und zuerst für beide Projekte recherchieren, mich einlesen, hineinversetzen, verschiedene Standpunkte beleuchten und ausprobieren, mich tief hineinvergraben.

Die meisten Menschen denken, dass Künstler/innen, die Performances und Installationen produzieren, einfach eine Eingebung haben, ihr folgen und zack: ist es damit getan. Doch es steckt sehr viel harte Arbeit drin – und je leichter und zugänglicher es ausschaut, desto schwieriger war es dies umzusetzen.

Außerdem beginnt in zwei Wochen meine erste Ausstellung, die ich kuratieren und organisieren darf, in der er es um Freundschaft und Interaktion zwischen Künstler/innen in der digitalen Welt geht. Es ist meine Herzensangelegenheit, ich hatte mir gewünscht, das machen zu dürfen. Es wird ganz hervorragend werden, mit diesen Künstler/innen, die ich um mich geschart habe, aber bis die Ausstellung eröffnet werden kann, muss ich noch so vieles organisieren. Künstler sind wirklich nicht einfach in dieser Hinsicht, Abgaben werden verschoben, Extra-Wünsche kurz vor Schluss mitgeteilt, da und dort gestichelt und egal, was passiert: sie sind am Ende unzufrieden. Sich mit ihnen herumzustreiten, darauf habe ich gerade am wenigsten Lust, das muss warten.

Beim Recherchieren muss ich immer aufpassen, mich nicht zu verzetteln – früher hatte ich mir beim Studieren immer 17 Bücher zu einem Thema nach Hause genommen und war dann vor diesem Berg gesessen, zunächst überfordert, dann begann ich die Arbeit, las und las und vergaß die Zeit. Das ist jedoch alles nichts gegen dieses unendliche Internet, in dem man vom Hölzchen ins Stöckchen kommt, in dem Stunden wie Sekunden vergehen, und plötzlich ist später Abend und ich habe immer noch nichts getan. Bei diesem Thema weiß ich nicht so genau, was ich in die Suche eingeben soll. Mir geht es ja weniger darum, was die Drogen an sich machen, was sie zerstören, wie sie Menschen zerstören, wie sie einen langfristig verändern. Mir geht es ja eher um … Set und Setting. Vielleicht das – ich bin mir noch nicht ganz sicher. Auf einer Seite, auf der erklärt wird, wie man sicherer Partys feiert, finde ich die Erklärungen dazu, Set oder Stimmung meint die Einstellung, die Erwartung, was die Droge mit dir machen soll und die Stimmung bei der Einnahme. Eine Erfahrung, die wir alle sicher gemacht haben ist doch, dass wenn wir traurig sind, ängstlich, uns schwach fühlen, dieser Zustand durch die Drogen verstärkt wird. Wenn wir vorher gut drauf sind, dann können wir durch bestimmte Drogen noch freudiger, lustiger oder glücklicher sein. Und genauso wichtig ist das Setting, also das Umfeld, in dem wir Drogen nehmen. Fühle ich mich sicher und geborgen? Vertraue ich den anderen, passen die auf mich auf? Oder ist es eher schwierig mit ihnen? Timothy Leary, der Erfinder der Droge LSD hatte diese Begriffe aufgebracht, er war der Meinung, dass man mithilfe von LSD und günstiges Set und Setting psychische Probleme lösen könnte.

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Kapitel 2 Teil 5

– Immer geiler! Immer steiler!

Die Damen liegen auf der Wiese, die Musik im Wohnzimmer ist laut aufgedreht, es hört sich wie CRO an. Sie gackern und scheinen richtig gut drauf zu sein. Wir beschließen mit dem Anruf bei der Polizei noch eine halbe Stunde zu warten. Zu betrunken sollte niemand von uns sein. Wir sagen ihnen, dass sie mal kurz ausnüchtern, vielleicht ein bisschen dösen sollten. Aye aye, sagt Helly und nickt auch gleich auf ihrer Decke ein. Lars erklärt, dass das mit den 24 Stunden bei Vermisstenmeldungen nicht stimme, das sage man nur so in Krimis. Wenn die Gefahr für Leib und Seele groß erscheint, sollte man die Polizei lieber umgehend benachrichtigen. Wir glauben alle, dass es nun Zeit dafür ist. Lars ruft an, erklärt den Sachverhalt. Nachdem er aufgelegt hat, sagt er, dass in einer Stunde jemand komme und meint, dass es sicher okay sei, wenn wir einen Gin Tonic mit Gurke zu uns nehmen und uns auf die Terrasse zum Musik hören setzen. Allerdings mit etwas anderer Musik, chilliger, sagt er, und läuft zur „Anlage“, während Thees die Drinks zubereitet.

Es ist merkwürdig. Ich habe nichts verbrochen, mir nichts zuschulden kommen lassen – trotzdem bin ich total aufgeregt, weil die Polizei gleich da sein und uns ausquetschen wird. Mich hat meine Jugend in Deutschland etwas geprägt, für mich sind diese Polizisten nicht meine Freunde, es sind eher die, die mir und meinen Kumpels immer unterstellten, etwas geklaut, zu viel getrunken oder jemanden verprügelt zu haben. Weil wir verdächtig ausschauen. Weil wir Aussiedlerdeutsche sind. Und die sind ja bekanntlich alle kriminell. Wie oft wurde ich ungerechterweise kontrolliert, während Bio-Deutsche null beachtet wurden, in Zügen, an Abenden auf Marktplätzen …

Wir kochen Kaffee, bereiten die große Tafel im Esszimmer vor, ein paar Kekse stellen wir auch auf den Tisch. Helene lässt sie herein, als sie klingeln, sie wirkt schon wieder ganz damenhaft und „normal“. Sie führt die zwei Polizisten in das Ess- Und Wohnzimmer. Die Frau und der Mann zeigen sich beeindruckt von dem Prunk. Sie setzen sich, Helene bietet ihnen Kaffee und Wasser an, sie möchten beides. Zuerst nehmen sie unsere Personalien auf, danach lassen sie sich von Helene die ganze Geschichte erzählen. Ich schaue mir die beiden an, sie sind beide auf ihre Weise attraktiv und sehen sehr sympathisch aus: sie scheint etwas jünger als er zu sein, ich schätze sie auf Ende Zwanzig, ihn auf Anfang Dreißig. Sie trägt Pferdezopf und ist nur leicht geschminkt, sehr schlank, vermutlich durchtrainiert. Er ebenso, allerdings hat er dunkelblondes kurzes Haar, blaue Augen und ein breites Lächeln, das er häufig einsetzt, während sie zwar freundlich, aber konzentriert schaut. Thees ergänzt die Erzählung um unsere Suche und unsere Telefonate. Lars weist auf das Smartphone und die Klamotten in ihrem Schlafzimmer hin. Thees sagt, dass wir alles angefasst haben, das Smartphone, um zu schauen, ob uns das weiterhelfen könnte und natürlich hatten wir es gestern Abend sicherlich alle mal in der Hand, um Fotos zu schießen oder die Musik zu ändern etc. Er erwähnt gleich, dass es sehr seltsam sei, dass so vieles gelöscht wurde.

– Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Polizistin schaut uns der Reihe nach an, nicht böse, nicht so, als hätte sie uns für irgendetwas im Verdacht, einfach nur neugierig. Bereits die ganze Unterhaltung über wirken sie sehr neutral, fast schon wohlwollend. Doch wir zucken alle mit den Schultern.

– Es ist absurd! Logisch betrachtet müsste das ja jemand von uns gemacht haben. Aber wieso?!

Helene schaut die Polizistin an, möchte jeglichen Verdacht ausräumen:

– Wir alle lieben Paula und sind von ihrem Verschwinden total erschüttert. Es muss wirklich etwas passiert sein, nur haben wir keine Vorstellung was.

Sie sagt es mit fester Stimme, wahrscheinlich möchte sie am liebsten heulen. An ihrem Geburtstag. Helene Blues

– Das glaube ich gerne, Frau Sonntag. Gerade an so einem Tag. Das tut mir wirklich leid für Sie, für sie alle.

Er schaut dabei so nett, so unschuldig aus.

– Gab es denn Streit? Unstimmigkeiten?

Wir verneinen es.

– Keinen Grund, warum sie verärgert, deprimiert, traurig gewesen sein könnte? Keinen Grund, warum sie von sich aus Knall auf Fall gegangen sein könnte?

Das fragt er. Sie nimmt eine andere Perspektive ein:

– Oder haben Sie in der Nacht oder am frühen Morgen Geräusche gehört? Ist jemand in das Haus eingedrungen? Sind irgendwo Einbruchsspuren zu finden?

Wir erklären, dass wir nirgends nur eine Spur davon gefunden haben, es aber ein Leichtes gewesen wäre, den Zweitschlüssel aus unserem Versteck vor der Türe herauszufischen, und dass wir vielleicht sogar ein Fenster unten auf hatten, durch das man bequem ins Haus gekonnt hätte. Wir haben uns nichts dabei gedacht hier im Elsass. Die beiden Polizisten schütteln gutmütig den Kopf.

– Alkohol oder sonstige Drogen waren nicht im Spiel?

Jetzt werden wir wahrscheinlich allesamt rot. Wir brauchen gar nichts sagen.

– Etwas Hartes?

Wir schütteln alle unschuldig den Kopf, nein, Paula hatte gelegentlich gekokst und andere Dinge genommen, aber wir sind uns alle sicher, dass sie gestern in der Hinsicht clean war.

Die beiden erklären, dass sie alles mitnehmen werden, die Techniker würden sich das Smartphone mal genauer anschauen. Wir sollten weiterhin Kontakt mit Frankfurt und Freiburg halten, am besten in der Nähe bleiben und noch nicht abreisen – vielleicht habe sie ja echt nur einen Ausflug alleine machen möchten. Die andere Möglichkeit … setzt die Polizistin an, spricht aber dann nicht weiter.

– War sie denn aus Ihrer Sicht labil? Hatte sie besondere Probleme in letzter Zeit? Job verloren, Schulden, Trennung oder so etwas in die Richtung?

Wir verneinen alles, auch als sie nach Depressionen oder sonstigen psychischen Störungen nachfragt. Dann sammeln sie alles ein, geben uns ihre Kärtchen und wünschen uns viel Glück.

Ich weiß nicht, was sie denken, was sie annehmen, weiß nicht, was sie von uns halten, weiß nicht, was wir denken, annehmen, von uns halten …

 

Als sie weg sind, setzen wir uns alle draußen auf die Terrasse mit neuen Gin Tonics und stoßen darauf an, dass wir das gut herumgebracht haben. Als wir Hunger kriegen, macht sich Helene auf den Weg in die Küche, um die Salate und das Gemüse vorzubereiten, Thees und Lars kümmern sich wieder um das Grillen. Fanny und ich bleiben zunächst sitzen.

– Weißt du, warum Helene so genannt wurde?

– Wegen der mythischen Helena? Sie soll die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein.

– Genau. Väter wünschen sich, die schönsten Töchter der Welt zu haben. Findest du sie schöner als Paula und mich, Mitja?

– Um ehrlich zu sein …

Sie lächelt, während sie eine Gurkenscheibe aus dem Glas fischt.

– Natürlich findest du sie am schönsten. Du liebst sie. Sie erzählte mir einmal, dass es verschiedene Auslegungen des Mythos gibt. Ist sie eine lüsterne Frau, die mit einem schönen Mann durchbrennt, oder ist sie die brave, ergebene Frau, die geraubt wird?

– Wieso erzählst du mir das, Fanny?

– Unter uns drei Mädels hatten wir das immer als Codewort: Die drei Helenas.

Ich schaue sie erstaunt an. Was möchte sie mir damit sagen?

– Darf ich meine Frage von gerade eben wiederholen?

Sie steht auf. Ich sitze nah genug, um sie am rechten Handgelenk anzufassen und wieder hinunterzuziehen:

– Warte! Erklärst du es mir?

Fanny möchte mir darauf keine Antwort geben. Vielleicht jedoch auf die nächste Frage:

– Wieso wart ihr so merkwürdig drauf, nachdem du abgeholt wurdest?

Ich merke, wie sie sich versteift, genervt ist:

– Die beiden hatten schon vorher Stress, unter anderem weil Paula, diese Süchtige, Probleme mit ihrem Smartphone hatte und sie war vorher mit Helene aneinandergeraten. Ich war eh schon genervt von diesen dummen Kindern im Zug, die betrunken rumgegrölt haben, dann kam mir noch Thees mit seiner dämlichen Begrüßung in die Quere, so machomäßig zu entscheiden, dass wir ein Bett teilen. Hätte ja sein können, dass ich vielleicht lieber alleine schlafen möchte. Oder lieber mit einer meine Freundinnen.

Jetzt steht sie endgültig auf, sagt:

– Lass uns schauen, ob wir Helene helfen können.

 

Später sitzen wir gesättigt am Kamin, rauchen eine Tüte, trinken Cremant und fragen uns, wie das Wochenende weiter gehen soll. Vielleicht liegt es daran, dass wir so breit sind, aber wir haben das Gefühl, dass schlechte Laune, Trauer und Angst uns Paula nicht zurückbringen werden. Wir MÜSSEN weiterleben. Wir wissen alle nicht, was geschehen ist, können es nicht zurückdrehen. Wenn wir nach Frankfurt zurückfahren, dann ändert es gar nichts. Plötzlich fangen wir auch wieder an, Selfies zu schießen und zu vergessen, dass uns eine Person fehlt. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist der Mensch so.

In dieser Nacht ändert sich die Zimmeraufteilung. Ich bleibe in meinem, genauso wie Helene, alle anderen wechseln aber: Fanny nimmt das Bett von Paula, Lars schläft neben Thees. Was wir alle mit schlüpfrigen Bemerkungen quittieren.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder draußen beim Frühstück und Helene platzt damit heraus, dass sie die ganze Nacht Alpträume hatte, von der SS, vom Verschwinden Paulas, von Vergewaltigungen – sie möchte einfach nur weg. Es mache sie traurig.

– So marvelous ich es mir vorgestellt hatte, so marvelous es hier hätte sein können, es sollte wohl anders laufen. Too bad!

Wir müssen die Küche ein bisschen sauber machen, das Geschirr spülen und einräumen, die Betten abziehen, unsere Sachen packen. Das tun wir alles konzentriert und schweigsam und so haben wir das rasch erledigt.

Dieses Mal fahren Helene und Fanny in einem Auto, während ich mich zu den Jungs geselle. Wir hören laut Musik und geben uns unbefangen. Es ist wie es ist, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, oder auch: „Lebbe geht weider“, wie der berühmte Frankfurter Fußballtrainer Stepi (Dragoslav Stepanović) einst sagte.

Kapitel 2 Teil 4

Thees schaut nach hinten, mir tief in die Augen, er sitzt nun auf dem Beifahrersitz, Lars hat das Lenkrad übernommen. Ich weiß nicht, was er meint.

– Tu doch nicht so! Zuerst möchtest du nicht mitfahren, weil David dabei ist. Dann trennen die beiden sich und du kommst doch mit. Als es jedoch um die Zimmeraufteilung geht, möchtest du lieber in ein eigenes anstatt mit Helene zusammen. Wieso? Um als zurückhaltender Gentleman zu gelten? Um der Außenseiter in der Clique zu bleiben? Du hast dich bitten lassen mitzukommen, du zeigst ständig jedem, dass du dich eigentlich nur zu Helene zugehörig fühlst, aber nicht einmal das wirklich. Wir wissen alle, dass du sie liebst – und immer schon liebtest!

Er fixiert mich mit seinem Blick, strahlt Autorität und Souveränität aus. Ich sage ihm, dass das alles Bullshit ist und nur seine Wahrnehmung. Dann sagt er selbstsicher:

– Ich stelle fest: Ihr seid sehr gute Freunde, David und du. Er und Helene werden ein Paar. Du entfreundest David. Am Ende wird das sogar richtig hässlich. Du erträgst es nicht, sie zusammen zu sehen, also wird dein Kontakt zu ihr weniger. In den letzten Monaten habt ihr euch kaum noch gesehen. Du hast uns alle nicht richtig mitgekriegt. Als David und Helene sich trennen, bittet sie dich, doch mitzukommen. Du lässt dich bitten, sogar subventionieren – und dann bist du dabei. Oder?

Angriff ist die beste Verteidigung und gegen Gutmenschen wie mich ist nicht gut kämpfen. Außer man zeigt ihnen, dass sie auch nicht besser als man selbst sind.

Er möchte mich zum Außenseiter abstempeln und mir meine Grenzen aufstecken, zeigen, wer hier die Macht hat und wer hier nicht aufmucken sollte. Wir fahren nun am Wasserkraftwerk vorbei, über die berühmte Staustufe des Rheins, in den Wald hinein, der schon deutsches Land ist. Der Empfang ist hier sicher noch schlecht, also fahren wir noch ein Stück, bis wir an einem kleinen Rastplatz halten. Wir steigen alle aus und ich sage laut, dass ich etwas zu sagen habe:

– Thees, Lars, das mit David seht ihr gaaaaaaaanz falsch. Wie ihr euch erinnern werdet, habe ich die beiden sogar zusammengebracht, nicht  nur einander vorgestellt, sondern aktiv dafür gesorgt, dass sie sich daten. Punkt 1. Die Entzweiung hat nichts mit Helene zu tun, es hat mit diesem Festival im letzten Jahr zu tun. Da lief mit der Finanzierung einiges schief, wir hatten mit Dauerregen zu kämpfen und mussten enorme finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Das wäre ja noch okay gewesen, doch David hat mich zusätzlich verarscht. Am Ende sind meine Kooperationspartner und ich auf den Schulden sitzen geblieben, mussten Charity Veranstaltungen und sowas machen. Und er war fein raus und tat in der Öffentlichkeit so, als hätte er alles rausgerissen. Dabei hat er einfach nur beschissen, beschissen, beschissen. Ich habe ihn machen lassen, was die Finanzen angeht. Dieses Vertrauen hätte ich ihm nicht entgegen bringen dürfen. Habe ich aber, weil ich dachte, er wäre mein Freund. Das habe ich Helene alles erklärt, sie glaubte mir zuerst nicht, war so verliebt in ihn und vertraute ihm natürlich. Aber dann begann sie ihn danach zu fragen, ein bisschen zu bohren, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich solche Dinge erfinde.

– Ja, weil du der Gutmensch schlechthin bist, Mitko.

Stichel du nur, Thees. Ätzend! Diese ganze Geschichte hat mir so viele schlaflose Nächte bereitet …

– Sie haben sich immer wieder wegen mir gestritten. Helene hat ihm gesagt, dass es nicht sein kann, dass sie sich zwischen uns beiden entscheiden muss. Dass es nicht sein kann, dass er mich so mit Schmutz bewirft, mich so schlecht dastehen lässt in der Öffentlichkeit. Ich konnte nicht verstehen, wie sie als meine BFF weiter mit ihm zusammen sein konnte, habe ihr mitgeteilt, dass wir nichts gemeinsam unternehmen können, dass das einfach nicht geht. Tut also nicht so, als wüsstet ihr das nicht!

Lars und Thees schauen mich lange an, schätzen ihre Worte ab:

– Nein, wir kennen diese Version nicht, was dich etwas ehrt. Nicht überall solche Dinge hinauszuschreien, jeden mit hineinzuziehen. Doch du hättest es uns erzählen können, ja, sogar müssen. Wir sind deine Freunde. Du möchtest scheinbar nicht, dass wir dir wirklich nahe kommen.

Stimmt das, was Lars gerade äußerte?

– Ich weiß nicht. Vielleicht. Es tut mir leid. Aber erklärt mir, warum ich sonst Helene nicht in den letzten Wochen hätte beistehen sollen.

– Eben, weil du in sie verliebt bist, weil es dich zu sehr geschmerzt hätte, dass sie Liebeskummer wegen eines anderen hat. Das ist viel logischer.

Ist das Thees-Logik? Männer-Logik? Die beiden sehen nicht feindselig aus, wie sie da auf der Rastbank sitzen und sich eine Zigarette anzünden.

– Punkt 1: Ich habe ihr in dieser beschissenen Situation gleich nahegelegt, sich von ihm zu trennen, weil ich der Meinung bin, dass niemand mit so einem falschen Arschloch zusammen sein sollte. Punkt 2 folgt daraus: Da ich ihr immer wieder sagte: Mach Schluss! sie es aber nicht in Erwägung zog, weil sie die Dinge trennte, die man meiner Ansicht nach nicht trennen kann, fiel ich dann als ernstzunehmender Tröster aus. Das wusste sie genau. Und ich dachte, ihr wüsstet, dass es genau deswegen ist.

Lars bedeutet mir, ich solle mich neben ihn setzen, und als ich das tue, klopft er mir jovial auf die Schulter und bedankt sich bei mir dafür, dass ich sie nun endlich aufgeklärt habe. Ich finde es relativ merkwürdig, dass sie das mit dem Subventionieren wissen, aber nicht das andere. Thees zückt sein Smartphone und beschließt die Strategie: Er rufe die Frankfurter an, ich die Freiburger, weil ich zufälligerweise gemeinsame Bekannte mit Paula hier habe, und Lars übernimmt Facebook.

Nach einer halben Stunde sind wir drei völlig ausgelaugt, zucken nur die Schultern, weil wir keinen Zentimeter weitergekommen sind. Keinen einzigen! Niemand hat sie gesehen, niemand etwas von ihr gehört, niemand weiß etwas. Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren zurück. Die Sonne scheint, 25 Grad Celsius zeigt das Thermometer im Auto an.

Kapitel 2 Teil 3

Trifft das in unserer Konstellation zu? Ich beobachte meine vier Freunde. Lars und Thees gehen voller Spannung in Richtung Tür, möchten aufbrechen, während Helene und Fanny mittlerweile am Tisch sitzen, ihren Cremant schlürfen. Sie werden die Stellung halten, sagen sie, wie es sich gehört, denke ich. Schon seltsam. Und ich stehe dazwischen. Tröste ich die beiden Frauen? Fahre ich mit den Männern und suche die Verschwundene? Worauf ich keine Lust habe …

– Mitja, fahr mit den anderen mit. Wir legen uns in den Garten und betrinken uns wie Patsy und Edina. Thees hat uns noch eine Flasche Bollinger kalt gestellt, der Gute!

Fanny lacht, als Helene das sagt, knufft sie in den Arm.

Wir sind eine Generation der popkulturellen Verweise. Ständig referieren wir in Gesprächen auf etwas anderes, ahmen unsere Vorbilder nach – oder persiflieren sie. Taten das unsere Eltern auch? Im Moment scheint uns diese Referenz zu retten: wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen und lenken uns damit ab. Es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, den Glauben, etwas kontrollieren zu können, vielleicht.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in einem SLK gefahren bin, meine wenigsten Freunde fahren ein Auto, wir sind urban, wir fahren mit dem Rad oder den Öffentlichen – und in Frankfurt können wir auch oft einfach laufen, die Entfernungen sind meist nicht besonders groß. Fühlt man sich in so einem Schlitten anders? Deplatziert zumindest. Wir fahren den Kieswagen entlang. Lars sagt kichernd:

– Vielleicht ist sie ja am Ende des Gartens, direkt bei der Straße, und wir haben sie nicht gesehen. Haha.

– Der Garten ist so groß, dass wir es wahrscheinlich kein einziges Mal schaffen, von einem Ende des Gartens zum anderen zu laufen!

Thees fällt in das Lachen mit ein. Wenn man sie hier vergraben hätte … Mich schaudert es bei diesem Gedanken. Mitja, rufe ich mir innerlich zu, mal den Teufel nicht an die Wand. Es wird alles gut!

Wird es das wirklich – oder wird Helene an dieses Wochenende als den Horrortrip ihres Lebens zurückdenken?

Wir fahren über eine kleine Brücke, ich halte links und rechts Ausschau nach Paula, da geht jeweils ein Pfad entlang, ich sage den anderen, dass wir da vielleicht später mal entlang laufen könnten. Sie nicken wenig begeistert. Wir fahren auf den 50 Meter hohen Wasserturm zu, biegen dann links ab, in eine kleinere Straße mit kleinen Häuschen, Hunden und Dorfidylle, bunt und harmlos. Wir sehen kaum Menschen draußen. Warum eigentlich?

Wir wissen nicht, wo wir hinfahren sollen, überlegen, erst einmal Richtung Süper Ü zu cruisen, obwohl kein normaler Mensch dorthin laufen würde, es ist viel zu weit und es gibt auch keinen Bürgersteig. Auf dem Weg können wir Ausschau halten – wir haben sonst ja keinen Plan …

Apropos Plan: Vielleicht wäre es schlauer, wenn wir nach Deutschland fahren würden, um dort Leute zu erreichen, die Paula gut kennen, angefangen bei den Freiburgern. Ich mache den anderen den Vorschlag, die ihn absolut vernünftig finden, aber wir sollten uns noch wenigstens ein bisschen umschauen und für Getränkenachschub sorgen, ergänzt Thees. Es ist schön hier in der Gegend, dörflich, ruhig, viel Natur, denke ich. Aber mit der Zeit würde ich hier verrückt werden …

– Hattet ihr zwei eigentlich Sex mit Paula?

Das mit dem Dreier möchte ich doch gerne herausfinden, wenn wir unter uns sind.

– Mitja, verkauf‘ uns nicht für dumm! Wir hatten alle Sex mit Paula, Fanny und Helene in den letzten Jahren. Und das weißt du genau, weil deine BFF dir alles erzählt! Warum willst du das überhaupt wissen?

Lars ist mittlerweile genauso ungehalten wie Thees.

– Erstens: ich hatte keinen Sex mit ihnen –

– Und auch das wissen wir von Helene!

Thees ist wütend rot im Gesicht.

– Zweitens: meinte ich einen Dreier.

– Detektiv Mitko, ich frage dich nochmals: Was sollen denn diese Fragen? Möchtest du uns unterstellen, dass wir etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben, weil wir einen Dreier mit ihr hatten? Das wird immer absurder hier!

Er schaut nach hinten, funkelt mich böse an. Ich weiß, dass ich nerve, aber ich möchte das alles verstehen – wieso sie verschwunden ist, was ihr zugestoßen sein könnte, ob die Clique eine Mitschuld oder sogar die alleinige Schuld trägt. Verdammt, ich komme nicht klar auf diese Situation.

WAS IST PASSIERT?!

– Tut mir Leid, Jungs, ich will doch das alles nur verstehen.

– Mitko, mein Freund, für uns ist das auch nicht leicht, und es wird ganz sicher nicht leichter für uns, wenn du glaubst, dass WIR etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnten. Kannst du jetzt bitte den Polizei-Modus aus- und den Freundesmodus wieder einstellen? Bitte, Mitko!

Lars, der Motivator, der Moderator – er sagt etwas Mediatorisches und lässt mich gleichzeitig als der Freundesverräter dastehen. Sauber!

Wenn die beiden etwas damit zu tun haben, sollten sie sich aber seeeeeeeehr warm anziehen.

Wir kommen am Parkplatz des Süper Ü an, gehen in diesen normalen französischen, für deutsche Verhältnisse großen Supermarché hinein, an einer „Gemischtwaren“-Abteilung vorbei, in der es zum Beispiel massig Espadrilles gibt (mit denen sich die Damen gestern schon eingedeckt hatten), Grillbesteck, Gartenzubehör, Spielzeug etc. Thees und Lars laufen zielstrebig zu den Alkoholika und nehmen einen Karton Cremant und zwei Gin mit, sie weisen mich an, mehrere Flaschen Tonic Water zu holen. Dann gehen wir zum Metzger und holen Steaks und Merguez zum Grillen. Kaufen Salat und eine Gurke für den Gin Tonic. An der Kasse müssen wir eine Weile stehen, elsässische Gemütlichkeit nennt man das wohl. Ein bisschen mit den Kunden reden, feststellen, dass die falschen Tomaten abgewogen wurden, Moment, die Kassiererin läuft oder vielmehr schlendert selbst zur Gemüseabteilung, um bei der Rückkehr anzumerken, dass sie tatsächlich so teuer sind wie auf dem Preis vermerkt. Gut gemeint, möchte ich mal sagen. Im Aldi haben sie in der Zeit schon fünf Kunden abgezogen, mindestens. Doch da gehe ich auch nicht gerne einkaufen, ästhetisches Empfinden und Feingefühl sind beim Einkaufen mit dabei, selbst wenn das Geld nicht im Überfluss vorhanden ist …

Auf der Strecke zurück fahren wir ein paar Umwege und Schlenker. Wenn wir Cafés sehen ein bisschen langsamer – so viele gibt es noch nicht einmal hier, dafür einige Döner Läden.

– Darf ich dich mal investigativ fragen, wieso du dich so seltsam verhältst, Mitko?

Kapitel 2 Teil 2

– Tja, ich fürchte aus unserem ‚immer geiler‘ wird etwas anderes, ‚immer gruseliger‘ vielleicht.

Sie kommt mir näher, ich nehme sie in den Arm, lasse sie an meiner Schulter weinen. Mist! Jetzt läuft es auch bei mir. Ich meine, noch ist nichts vorgefallen: Warum denken wir das Schlimmste?!

Wir schreien alle paar Minuten ‚Selfie‘ und ‚Wurstkette‘, wenn wir beieinander sind, wir motzen, wenn wir nicht ins WLAN kommen, und wir denken das Schlimmste, wenn jemand sein Smartphone liegen gelassen hat …

It‘ s a fucking nightmare!

– Helene, wir müssen uns wieder beruhigen, vielleicht gibt es für all das eine gute Erklärung. Lass uns mal weitersuchen. Ja?

Sie nickt schluchzend, ich hole ein Taschentuch aus der Hose und reiche es ihr, sie nimmt es dankend und schnäuzt laut hinein. Ich streiche ihr kurz zärtlich über die Wangen, sie versucht tapfer zu lächeln. Shit! So sollte ihr Geburtstag wirklich nicht sein!

Wir schauen uns weiter um, aber finden nur das 1000er Puzzle mit dem süßen Elefantenmotiv, das Paula mitgebracht und auf das sie sich so gefreut hatte. Sie wollte es mit Fanny und Helly zusammen machen. Es liegt auf einer hübschen antiken Kommode. Unsere Gastgeberin blickt darauf und die Tränen rollen erneut. Ich verstehe sie, aber es bringt uns gerade nicht weiter. Trotzdem gehe ich auf sie zu und nehme sie erneut in meine Arme. Lange Zeit hatte ich mir verboten, sie so intim zu berühren, bis gestern Nacht am Kamin, bis jetzt eben, sonst hatte ich sie nur flüchtig bei Begrüßungen und Verabschiedungen umarmt und leicht geküsst. Es fühlt sich gut an, sie in den Armen zu halten, ihr Beschützer zu sein – obwohl die Situation gerade nicht die schönste ist. Wir hören die anderen die Treppe hinuntergehen, es sind keine beschwingten Schritte, eher die von mitfühlenden Elefanten, die in ihrem Sozialverhalten dem Menschen so ähnlich sind –zum Beispiel in der Trauer um verstorbene Artgenossen. Lars sagt:

– Das Bett ist ungemacht, vermutlich hat sie darin geschlafen. Der Rest sah ordentlich aus. Es scheint alles noch da zu sein, aber keine Ahnung. Vielleicht hat sie ja etwas aus den Taschen mitgenommen.

Er zuckt mit den Schultern. Woher sollen wir wissen, was sie alles in ihrem Gepäck hatte. Nach wie vor besteht die Möglichkeit, dass sie einfach nur alleine nach Marckolsheim wollte, einen Kaffee trinken, entspannen, Ruhe vor uns allen haben.

– Habt ihr etwas gefunden?

Helene antwortet für uns:

– Fanny, ihr Smartphone liegt noch an der Anlage.

– Oh nooooooooooooooooooooo!

Sie wird augenblicklich blass und man sieht den Schrecken in ihren Augen.

– Habt ihr es gecheckt? Vielleicht finden wir darauf Informationen.

Lars bleibt ruhig und vernünftig, läuft zielgerichtet auf das Smartphone zu, nimmt es in die Hand und drückt ein paar Knöpfe.

– Merkwürdig.

– Was?

Helene schaut ihn aufgeregt an, möchte wissen, was er entdeckt habe.

– Keine SMS im Speicher. Whatsapp scheinbar deinstalliert. Bilder und Videos gelöscht. Nur noch Musik ist drauf. Und der Anruf von Thees. Der Rest der Telefonliste ist auch spurlos verschwunden.

– Und die Facebook-App? Instagram? Snapchat vor allem? Paula hat immer ganz viel auf Snapchat gemacht!

– Verrückt! Alles weg, selbst Tinder. Wie kann das sein?

Wir schauen uns alle verwirrt an. Ja, wie kann das sein?

Thees sagt ruhig:

– Sie hatte doch gestern diese Probleme mit dem Smartphone, wie ihr wisst. Vielleicht …

– Thees, das ist doch absurd! Man löscht doch keine Apps, Bilder und Nachrichten in so einem Fall. Und die Telefonliste?

– Ja, ich weiß es doch auch nicht, Helene!

Lars schaut ihn eindringlich an:

– Du bist unser IT’ler, du müsstest doch das alles wieder zurückholen können, was sie da gelöscht hat. Oder irgendwer.

– Lars! Ich werde da gar nichts dran machen. Stell dir vor, wenn wir die Polizei rufen müssen. Wir sollten ihre Sachen jetzt alle schön in Ruhe lassen und warten.

Er schüttelt den Kopf, während er das sagt, dann schaut er uns alle der Reihe nach an.

– Die Polizei? Rufen wir sie jetzt an?

Fanny ist ganz aufgelöst, weiß nicht mehr weiter. Wir stehen alle vor dem Kamin, wissen nicht, wohin mit uns. Was macht man in so einer Situation?

– Ich schlage vor, dass wir uns in der Gegend umsehen, wir fahren mit dem Auto rum und suchen sie. Wer kommt mit?

Thees ist nun ganz pragmatisch, er hat in der nächsten Minute den Schlüssel in der Hand. Er sagt, dass mindestens eine Person da bleiben sollte, falls sie doch zurückkehrt. Lars erwidert:

– Du hast Recht. Aber eine Sache haben wir noch nicht gecheckt: wir waren immer noch nicht im Keller!

Fanny und Helene schütteln den Kopf, sie wollen nicht mit. Die Treppe hat ein kleines Gitter, damit kein Kleinkind hinunterstürzt. Überall gibt es so kleine familienfreundliche Gimmicks in dieser Villa, sogar ein Babyhochstuhl zum Essen. Wir drei Männer gehen die Treppe hinunter ins Ungewisse. Stairway to heaven und Highway to hell fallen mir dazu unpassenderweise nur ein … Natürlich ist der Keller wie jeder Keller, aber angesichts der Größe des Gebäudes ist so viel Platz da, dass man …

– Genial für einen kleinen rave. Stellt euch vor: der Schießanlagen-SS-rave!

Nun stauche ich Lars für seine unpassenden Äußerungen zusammen, man kann es echt übertreiben in so einer Situation der Sorge. Ich sage ihm, dass er weitersuchen solle.

– Da ist das Gerät, das ich als einziges gehört habe in der letzten Nacht.

Thees zeigt auf die riesige Lüftungsanlage, die vor sich hin stöhnt. Das ist das einzig Bemerkenswerte, das wir hier unten finden. Ich möchte zwar gerne sofort wieder hoch, aber ich schaue die beiden Jungs an, sage:

– Unter uns: Was ist los? Ihr seid mit Paula hierher gefahren. Du, Thees, bist mit ihr gestern Abend auf der Hinfahrt alleine gewesen. Und entweder da oder bei der Rückfahrt ist etwas vorgefallen.

Er funkelt mich ganz böse an, macht einen Schritt auf mich zu, seine roten Haare fallen in die Stirn, er bleibt plötzlich ruckartig stehen, etwa einen knappen Meter vor mir, wütend schreit er:

– Was willst du denn von mir, du kleiner Möchtegern-Künstler?! Warum unterstellst du mir dauernd so `nen Scheiß?! Ich habe rein gar nichts damit zu tun und weiß echt nicht, was das soll!

Möchtegern-Künstler? So denkst du also über mich, Thees? Autsch! Das ist nicht schön! Lars blickt zwischen uns beiden hin und her.

– Hört auf damit, beide! Das bringt uns null weiter! Thees, Mitja möchte nur Licht ins Dunkel bringen (haha, im Keller!), und Mitja, Thees hat das gerade nicht so gemeint. Unsere Nerven liegen blank.

Der Motivator und Aufmunterer schlägt wieder zu, der gute Larsi. Mich verletzt das wirklich. Denkt Thees wirklich so über mich? Und denke ich etwas Schlechtes über ihn? Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl, was ihn und Paula angeht. Ist das unfair? Ich entschuldige mich bei ihm. Und dann kommt er mir noch näher, umarmt mich kurz.

– Alles cool. Ich habe es gerade echt nicht so gemeint. Es kam nur etwas schräg rüber von dir. Da ist echt nichts gewesen. Paula hatte Probleme mit dem Internet, ich habe ihr in dem Moment, in dem sie gereizt war, gesagt, dass sie auch mal ein paar Stunden ohne ständiges Whatsappen, Simsen, Snapchatten und Bilder auf Facebook hochladen aushalten könnte. Und dann war sie sauer auf mich, die kleine Prinzessin. Und Fanny war sauer, weil ich ihr zur Begrüßung flapsig mitteilte, dass sie mein roommate sei und ich mich sehr darüber freue. Sie meinte: Toll, dass ich das mitentscheiden darf. Die beiden Damen waren sich einig, dass ich ein typischer Macho-Arsch bin und schmollten gemeinsam. That’s all there is to it. Okay?

Das klingt schlüssig und wenn er so charmant unschuldig lächelt, möchte ich ihm gerne glauben. Lars fordert uns auf, endlich zu den anderen hochzugehen, Bericht zu erstatten. Als wir oben sind, gehen wir direkt links in die geräumige Küche. Die beiden Damen stehen da und trinken Cremant. Zur Beruhigung, wie sie sagen. Sie schauen uns fragend an, doch wir zucken nur mit den Schultern, da sei nichts.

Wir haben nie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen, was wir sagen, wie wir uns verhalten sollen. Wir denken, dass wir alle traurig und geschockt sein müssen, vielleicht ist es besser, wie Lars pragmatisch zu sein, aufzumuntern, Hoffnung auszustrahlen und Witze zu machen – als wäre die Welt völlig in Ordnung. Ich schenke mir ein Glas Cremant ein.

– Freunde, wir haben keine Zeit zu vertrödeln, wir kurven jetzt durch die Gegend und suchen sie.

Lars übernimmt die Führung. Thees unterstützt ihn:

– Wir suchen sie nicht, sondern FINDEN sie.

Männer müssen die Starken spielen, Frauen sind die Starken.

Kapitel 2 Teil 1

2

Ich liebe diese Matratze, nicht zu hart, nicht zu weich, gerade richtig für mich. Sofort schlafe ich ein und wache, wie so oft, wenn ich zu viel getrunken und gekifft habe, viel zu früh wieder auf. Um sieben Uhr gehe ich also kurz in die Küche und koche mir einen Tee, alles ist so verdammt ruhig hier, höchstens Vogelgezwitscher kann ich vernehmen, keinen Verkehr, keine verdammte U-Bahn wie bei mir zuhause. Und alle anderen scheinen selig zu schlafen … Oben angekommen lasse ich mir Wasser in die Badewanne einlaufen und mache es mir darin gemütlich – mit dem Tee und dem Roman Die Interessanten von Meg Wolitzer – ein durchaus passendes Buch für dieses Wochenende, wie ich finde. Das heiße Wasser tut mir gut, der Geruch nach Lavendel, rasch schaffe ich es in die Geschichte einzutauchen …

Nach dem Eincremen entscheide ich, mich noch einmal hinzulegen, ein bisschen zu dösen. Schlaf ist wirklich das, was in unserem modernen Leben am meisten fehlt, denke ich. Erfrischt wache ich um elf endgültig auf, ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose über und begebe mich auf den Weg in die Küche. Dort stehen Thees, Lars und Fanny herum, eine Kaffeetasse in der Hand. Sie fragt mich:

– Magst du auch einen? Gerade frisch gekocht!

– Nein, danke. Wo ist das Geburtstagskind?

– Helene ruht noch.

– Paula?

Lars sagt:

– Keine Ahnung. Wir müssen eh auf Helly warten. Draußen haben wir schon angerichtet, Fanny war in der Boulangerie und Thees hat den Cremant kalt gestellt.

In diesem Moment kommt das Geburtstagskind herein. Sogar ungeduscht sieht sie damenhaft und wie aus einem Fünfzigerjahre Film aus. Sie trägt einen apricotfarbenen, seidenen Morgenmantel und Pantöffelchen.

– Na, whatsup, guys?

Thees fragt mich, ob ich mal hoch zu Paula könnte, damit wir uns zum Frühstücken und zum Geburtstags-Sekt treffen könnten. So steige ich die Treppen wieder nach oben, klopfe an ihre Zimmertüre, höre kein „Bitte“ und kein „Komm herein!“, also klopfe ich noch einmal, rufe ihren Namen. Nichts. Ich öffne also die Türe und sehe, dass sie nicht im Raum ist. Okay. Dann fällt mir das Dach ein und ich bewege mich dorthin, aber auch da ist sie nicht. Von oben blicke ich in die Umgebung, sehe sie aber nirgends. Ich laufe also zu den anderen nach draußen; sie sitzen alle schon am gedeckten Tisch.

– Vielleicht ist sie joggen …

Das sage ich achselzuckend. Niemand hatte sie gehört oder gesehen die letzten paar Stunden. Thees sagt, dass er seit 9 Uhr unten war. Merkwürdig. Paula ist unsere Sportskanone, fährt Rennrad, rudert und ist schon einen Marathon gelaufen. Sie ist allerdings auch die Frühaufsteherin unter uns, daher verwundert es schon, dass sie um diese Uhrzeit noch beim Sporteln sein soll. Wir anderen frühstücken genüsslich, schauen uns dabei immer wieder die Farbenpracht des Gartens an, wundern uns über die Stille und unterbrechen sie gelegentlich durch albernes Gerede – unsere Irritation über Paulas „Verschwinden“ versuchen wir alle zu verdrängen.

– Mhhhhh! Der Käse ist so delicious. Mhhhhh. Habt ihr schon mal den in der Mitte probiert? Wow!

Ich denke in dem Moment: Helene, DU bist delicious und liebenswert. Liebenswert deliziös! Es sind doch die kleinen Marotten, die wir an Menschen lieben – oder hassen. Je nach dem.

Thees stellt fest, dass es keinen frischen Kaffee mehr gibt, so macht er sich auf, welchen zu kochen. Die Croissants und Tartes sind wirklich lecker, wir stopfen uns alles genüsslich in den Mund. Alles könnte perfekt sein … wenn … Als Thees zurückkehrt, hat er nicht nur Kaffee dabei, sondern auch einen Ordner.

– Helene, sagtest du nicht, dass die Besitzerin des Anwesens eine Jüdin sei?

– Doch, Thees, das sagte ich. Wieso fragst du?

– Schon mal in diesen Ordner hineingeschaut?

Thees gibt ihn ihr und beginnt unsere Tassen der Reihe nach aufzufüllen.

– Das machst du gut, Süße!

Larsi klatscht ihm auf den Hintern und kichert vor sich hin.

– Alta, du bist so albern!

Thees sagt es und muss trotzdem mitlachen. Dann wird er plötzlich wieder ernst:

– Ist aber dann creepy, wenn man bedenkt, dass die SS hier wilde Orgien am Kamin gefeiert hat …

Whuuuuuuuuuuut?!

Helly wird ganz blass und schaut geschockt, Fanny nicht minder.

– Wo steht das?

Sie blättert den Ordner durch.

– Naja, 1934 wurde diese Villa gebaut, damals gehörte sie ebenfalls einem Juden, der später zwangsenteignet wurde. Ich meine, das hier ist ja optimal für die SS gewesen als Stützpunkt. Von Orgien steht  natürlich nichts drin …

– Nein, aber von einer Schießanlage im Keller …

Unsere Gastgeberin schluckt:

– Hätte ich das gewusst …

Lars ist offensichtlich anderer Meinung:

– Was wäre dann gewesen? Ich meine, das war damals. Mein Gott! Mich interessiert das `nen Scheiß! Wirklich!

– Aber Paula …

Alle schauen nun Fanny an, versuchen ihren Blick zu verstehen. Was hatte nun das Verschwinden von Paula damit zu tun?

– Sag mal, hackt es bei dir? Was hat jetzt Paula damit zu tun? Glaubst du, dass heute Nacht ein SS-Geist sie entführt und in den Keller gebracht hat? Hast du zu viele Horrorfilme gesehen?

Die Angesprochene fängt an zu schluchzen, Helene setzt sich näher zu ihr, faucht Lars an:

– So brauchst du nicht mit ihr zu reden, Motherfucker! Was soll das denn? Wie unsensibel bist du denn?

Er schaut sie pikiert an, versteht den Aufruhr nicht. Manchmal reagieren Männer und Frauen doch sehr unterschiedlich auf solche Dinge. Thees schnaubt verächtlich:

– Beruhigt euch mal, Freunde! Wir gehen gleich mal in den Keller und schauen nach dem Rechten.

– Ich gehe sicher nicht in den Keller! Und, Jungs, das ist alles gar nicht so lustig! Was ist, wenn Paulita etwas zugestoßen ist? Lasst uns lieber in ihr Zimmer gehen und nachschauen, ob sie etwas mitgenommen hat. Oder was da sonst los ist …

Helene nickt bedrückt und sagt:

Shit! So hatte ich mir meinen Geburtstag nicht vorgestellt. Apropos: hat sie schon mal jemand angerufen? Vielleicht hat sie sich verirrt?!

– Wir sind solche Holzköppe!

Fanny schlägt sich auf den selbigen und danach erkenne ich ein kleines hoffnungsvolles Funkeln in ihren Augen. Thees hat bereits sein Smartphone gezückt und die Nummer gewählt:

– Es klingelt und klingelt, aber sie nimmt nicht ab.

– Wir sollten schauen, ob sie es überhaupt dabei hat. Kommt, lasst uns abdecken und alles hineinbringen, dann schauen wir uns im Haus um.

– Ach, das wird ein SpaSS mit zwei S. Haha. Versteht ihr, SS?

Woher nimmt Lars nur diesen schwarzen Humor, der andere vielleicht verletzen könnte? Die beiden Frauen schauen ihn wütend an. Er zuckt nur mit den Schultern und stapelt Teller aufeinander.

– Lars, hör jetzt bitte damit auf!

Helenes Stimme ist fest und laut, sie möchte keine weiteren unpassenden Bemerkungen hören. Sie macht sich Sorgen um ihre Freundin – und das mit der SS drückt noch mehr auf ihre Stimmung, das ist deutlich. Ich bin in der ganzen Sache mehr der Beobachter, ich weiß gar nicht wieso. Nicht, dass es mich weniger beträfe als die anderen, nicht, dass ich weniger emotional als Fanny und Helene wäre, oder weniger schwarzhumorig als die beiden Herren (obwohl: das schon). Nein, es ist eher das dunkle Gefühl, dass sie nicht mehr auftauchen wird, so lange wir im Elsass sind, dass etwas Schlimmes passiert ist, und dass wir nicht fündig werden im Haus – nicht in ihrem Zimmer, nicht in ihrem Smartphone, das vermutlich noch hier irgendwo rumliegt. Das kann ich selbstverständlich nicht laut sagen.

Viele Dinge wissen wir schon viel früher, als wir es wahr haben möchten – und meistens verdrängen wir es mit wildem Aktionismus. Allerdings sind die Dinge manchmal auch sehr viel einfacher und weniger bedrohlich, als wir es uns vorstellen. Daher bleibt uns immer dieser Rest Hoffnung …

Fanny, Thees und Lars schauen oben in ihrem Zimmer, während Helene und ich uns unten auf die Suche nach Besitztümern Paulas machen. Im Flur finden wir ein Paar Schuhe, Sneakers. Die könnte sie vergessen haben, selbst wenn sie alles andere mitgenommen hätte. Doch zwei Blicke ins Ess- und Wohnzimmer genügen und wir finden ihr Smartphone, das seit gestern Nacht an der Anlage angestöpselt ist. Paula ohne Smartphone? Das ist wie ein Frankfurter Schnitzel ohne Grüne Soße – einfach undenkbar! Dass sie es gestern Nacht betrunken und zugekifft vergessen hat, das kann ja passieren, aber dass sie es nach dem Aufwachen nicht gleich gesucht hat? Helene denkt das gleiche wie ich, als wir das Mobiltelefon sehen:

– DAS ist jetzt schon das worst case scenario, oder? Pauli ohne Smartphone? Nein, sie muss entführt worden sein oder ähnliches.

Sie wird immer blasser, fast schon grün im Gesicht, in ihren Augen sehe ich Tränen. Helene Blues schon tagsüber. An ihrem Geburtstag.

Kapitel 1 Teil 5

– Immer geiiiiiiiileeeeeeeeeeeeeeer!

Paula lacht. Fanny schaut sie fragend an und wird dann aufgeklärt.

– Immer steieieieieeieileeeeeeeeeer!

Wir rauchen den Johnny, trinken den guten Whisky, der bald zur Neige geht, Helene schaut selig und sagt immer wieder: wie nice. Fanny, möchte kurz ansprechen, ob wir das mit den Zimmern nicht ändern könnten: sie mit Helene und Lars und Thees in einem Bett.

– Nein! Ich bin doch nicht schwul!

Larsi ruft es aus, er meint es hoffentlich nicht ernst. Thees kichert.

– Und wie schwul du bist! Aber ganz egal: ich möchte auch nicht mit dem Freak in einem Bett schlafen. Fanny, wo ist das Problem?

Helene blickt sie lange an:

– Ja, Fanny, wo ist das Problem?

– Schon gut, wir werden nachher eh alle so fertig sein und gleich einschlafen.

Ja, da ist nicht nur etwas, da ist ganz viel – unter der Oberfläche …

Sie schaltet sofort runter, wie es ihre Art ist. Doch jetzt meldet sich Paula:

– Was ist denn daran so schlimm, wenn Fanny das Zimmer wechseln möchte? Mitja, du hast ein Doppelbett, können wir da schlafen? So lässt sich das Problem ebenfalls lösen …

Helly schaut verwirrt drein, es entgleitet ihr, sie möchte es unbedingt wissen:

– Was ist denn los, verdammt?!

Thees schaut alle außer ihr in der Runde an, auffordernd, eindringlich – er scheint nüchtern zu sein. Die anderen nicken. Was ist hier los? Ich bin außen vor, weder habe ich ihm geantwortet noch zuvor Paula. Dann sagt Thees bestimmt:

– Nichts ist los! Wir schlafen so, wie wir es heute Nachmittag beschlossen haben, Paula! Alles ist gut. Ich drehe uns noch eine Runde und dann ist gut!

Die nächsten zehn Minuten folgt ein lautes Schweigen. Helene und ich sind ganz raus, wissen nicht, was das soll. Was mit Lars ist, kann ich nicht sagen, er lässt sich zumindest nicht anmerken, ob er involviert ist. Okay, scheinbar läuft etwas, wovon zumindest zwei Personen gänzlich abgeschnitten sind. Nur was? Das ist schon sehr merkwürdig. Ich blicke Helene an, sie zuckt die Schultern. Plötzlich fühle ich mich ihr so nahe und bereue alle negativen Gedanken, die ich ihr gegenüber hatte. Sie ist herzlich und wundervoll. So gerne möchte ich sie in den Arm nehmen, sie spürt das wohl und rückt ihren Sessel ganz nah neben meinen, lehnt ihren Kopf an meine Schulter, ich lege den Arm um sie. Das tut so gut wie die Wärme des Feuers, das endlich wunderschön lodert.

Und was lodert unter der Oberfläche unserer Clique?

– Die letzte Runde Whisky on the rocks für uns alle!

Thees lächelt uns selig an, das Kraut hat bei ihm ganz schön reingehauen. Auch alle anderen scheinen etwas entspannter zu sein. Das wäre sonst eine sehr ungemütliche Nacht geworden. Paula stöpselt ihr Smartphone an die kleine Anlage auf der Holztruhe neben unseren Sesseln, legt jazzige, chillige Barmusik ein. Wir trinken und überlegen, was wir die nächsten Tage machen könnten. Helly schlägt einen Ausflug nach Colmar vor, gleich nach dem Geburtstagsessen am Mittag.

– Morgen steigt das Thermometer auf 25 Grad, sagt meine Wetter-App.

Helene ist wieder positiv und glücklich – und das macht mich glücklich. Schön, dass sie mich davon überzeugte mitzukommen, denke ich in diesem Moment.

– Ich habe eine Idee! Lasst uns Trampolin springen. Jetzt!

Thees ist ganz beseelt von der Idee, Paula findet das ebenso toll, ich mache so einen Blödsinn sowieso immer mit. Lars und Helene schauen uns etwas befremdet an:

Really? So drunk und stoned wie wir sind? Ob uns nicht übel wird?

– Dann machst du Fotos und Videos von uns. Auf, raus mit uns!

Thees läuft lachend aus der Tür in den hinteren Garten, wir alle anderen hinter ihm her. Wir krabbeln zu viert durch das Netz, barfuß, und fangen an zu hopsen. Thees ruft:

– Wart ihr schon mal nackt auf einem Trampolin?

Er beginnt seine Klamotten auszuziehen.

Craaaaazzyyyyyy!

Helene lacht sich kaputt, Lars schüttelt den Kopf, Fanny und Paula verlassen das Trampolin – und ich ziehe meine Klamotten ebenfalls aus. Mein rothaariger Freund singt nun eine Textzeile von Die Orsons („Schwung in die Kiste“).

– Aber seid ihr schon mal nackt auf einem Trampolin gesprung‘? / Alles wackelt, wir woll’n tanzen, doch der DJ nervt mit Cutten / D-DJ nervt mit Cut-Cut-Cut-Cutten (Was?)

Ja, alles hüpft und es macht noch mehr Spaß, obwohl es seltsam ist, wenn man mit dem Hintern auf diesem Trampolinmaterial aufkommt – es scheuert ein bisschen. Durch das viele Lachen und Hüpfen geht mir die Luft verloren, aber ich kann nicht mehr aufhören, aufhören, aufhören.

Nach einer Viertelstunde ziehen wir zwei uns wieder an, die anderen sind schon oben in ihren Zimmern. Wir gehen ebenfalls ins Haus und verabschieden uns oben an der Gabelung zwischen West Wing und East Wing. Ich freue mich, mein eigenes luxuriöses Zimmer zu haben …