Kapitel 2 Teil 1

2

Ich liebe diese Matratze, nicht zu hart, nicht zu weich, gerade richtig für mich. Sofort schlafe ich ein und wache, wie so oft, wenn ich zu viel getrunken und gekifft habe, viel zu früh wieder auf. Um sieben Uhr gehe ich also kurz in die Küche und koche mir einen Tee, alles ist so verdammt ruhig hier, höchstens Vogelgezwitscher kann ich vernehmen, keinen Verkehr, keine verdammte U-Bahn wie bei mir zuhause. Und alle anderen scheinen selig zu schlafen … Oben angekommen lasse ich mir Wasser in die Badewanne einlaufen und mache es mir darin gemütlich – mit dem Tee und dem Roman Die Interessanten von Meg Wolitzer – ein durchaus passendes Buch für dieses Wochenende, wie ich finde. Das heiße Wasser tut mir gut, der Geruch nach Lavendel, rasch schaffe ich es in die Geschichte einzutauchen …

Nach dem Eincremen entscheide ich, mich noch einmal hinzulegen, ein bisschen zu dösen. Schlaf ist wirklich das, was in unserem modernen Leben am meisten fehlt, denke ich. Erfrischt wache ich um elf endgültig auf, ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose über und begebe mich auf den Weg in die Küche. Dort stehen Thees, Lars und Fanny herum, eine Kaffeetasse in der Hand. Sie fragt mich:

– Magst du auch einen? Gerade frisch gekocht!

– Nein, danke. Wo ist das Geburtstagskind?

– Helene ruht noch.

– Paula?

Lars sagt:

– Keine Ahnung. Wir müssen eh auf Helly warten. Draußen haben wir schon angerichtet, Fanny war in der Boulangerie und Thees hat den Cremant kalt gestellt.

In diesem Moment kommt das Geburtstagskind herein. Sogar ungeduscht sieht sie damenhaft und wie aus einem Fünfzigerjahre Film aus. Sie trägt einen apricotfarbenen, seidenen Morgenmantel und Pantöffelchen.

– Na, whatsup, guys?

Thees fragt mich, ob ich mal hoch zu Paula könnte, damit wir uns zum Frühstücken und zum Geburtstags-Sekt treffen könnten. So steige ich die Treppen wieder nach oben, klopfe an ihre Zimmertüre, höre kein „Bitte“ und kein „Komm herein!“, also klopfe ich noch einmal, rufe ihren Namen. Nichts. Ich öffne also die Türe und sehe, dass sie nicht im Raum ist. Okay. Dann fällt mir das Dach ein und ich bewege mich dorthin, aber auch da ist sie nicht. Von oben blicke ich in die Umgebung, sehe sie aber nirgends. Ich laufe also zu den anderen nach draußen; sie sitzen alle schon am gedeckten Tisch.

– Vielleicht ist sie joggen …

Das sage ich achselzuckend. Niemand hatte sie gehört oder gesehen die letzten paar Stunden. Thees sagt, dass er seit 9 Uhr unten war. Merkwürdig. Paula ist unsere Sportskanone, fährt Rennrad, rudert und ist schon einen Marathon gelaufen. Sie ist allerdings auch die Frühaufsteherin unter uns, daher verwundert es schon, dass sie um diese Uhrzeit noch beim Sporteln sein soll. Wir anderen frühstücken genüsslich, schauen uns dabei immer wieder die Farbenpracht des Gartens an, wundern uns über die Stille und unterbrechen sie gelegentlich durch albernes Gerede – unsere Irritation über Paulas „Verschwinden“ versuchen wir alle zu verdrängen.

– Mhhhhh! Der Käse ist so delicious. Mhhhhh. Habt ihr schon mal den in der Mitte probiert? Wow!

Ich denke in dem Moment: Helene, DU bist delicious und liebenswert. Liebenswert deliziös! Es sind doch die kleinen Marotten, die wir an Menschen lieben – oder hassen. Je nach dem.

Thees stellt fest, dass es keinen frischen Kaffee mehr gibt, so macht er sich auf, welchen zu kochen. Die Croissants und Tartes sind wirklich lecker, wir stopfen uns alles genüsslich in den Mund. Alles könnte perfekt sein … wenn … Als Thees zurückkehrt, hat er nicht nur Kaffee dabei, sondern auch einen Ordner.

– Helene, sagtest du nicht, dass die Besitzerin des Anwesens eine Jüdin sei?

– Doch, Thees, das sagte ich. Wieso fragst du?

– Schon mal in diesen Ordner hineingeschaut?

Thees gibt ihn ihr und beginnt unsere Tassen der Reihe nach aufzufüllen.

– Das machst du gut, Süße!

Larsi klatscht ihm auf den Hintern und kichert vor sich hin.

– Alta, du bist so albern!

Thees sagt es und muss trotzdem mitlachen. Dann wird er plötzlich wieder ernst:

– Ist aber dann creepy, wenn man bedenkt, dass die SS hier wilde Orgien am Kamin gefeiert hat …

Whuuuuuuuuuuut?!

Helly wird ganz blass und schaut geschockt, Fanny nicht minder.

– Wo steht das?

Sie blättert den Ordner durch.

– Naja, 1934 wurde diese Villa gebaut, damals gehörte sie ebenfalls einem Juden, der später zwangsenteignet wurde. Ich meine, das hier ist ja optimal für die SS gewesen als Stützpunkt. Von Orgien steht  natürlich nichts drin …

– Nein, aber von einer Schießanlage im Keller …

Unsere Gastgeberin schluckt:

– Hätte ich das gewusst …

Lars ist offensichtlich anderer Meinung:

– Was wäre dann gewesen? Ich meine, das war damals. Mein Gott! Mich interessiert das `nen Scheiß! Wirklich!

– Aber Paula …

Alle schauen nun Fanny an, versuchen ihren Blick zu verstehen. Was hatte nun das Verschwinden von Paula damit zu tun?

– Sag mal, hackt es bei dir? Was hat jetzt Paula damit zu tun? Glaubst du, dass heute Nacht ein SS-Geist sie entführt und in den Keller gebracht hat? Hast du zu viele Horrorfilme gesehen?

Die Angesprochene fängt an zu schluchzen, Helene setzt sich näher zu ihr, faucht Lars an:

– So brauchst du nicht mit ihr zu reden, Motherfucker! Was soll das denn? Wie unsensibel bist du denn?

Er schaut sie pikiert an, versteht den Aufruhr nicht. Manchmal reagieren Männer und Frauen doch sehr unterschiedlich auf solche Dinge. Thees schnaubt verächtlich:

– Beruhigt euch mal, Freunde! Wir gehen gleich mal in den Keller und schauen nach dem Rechten.

– Ich gehe sicher nicht in den Keller! Und, Jungs, das ist alles gar nicht so lustig! Was ist, wenn Paulita etwas zugestoßen ist? Lasst uns lieber in ihr Zimmer gehen und nachschauen, ob sie etwas mitgenommen hat. Oder was da sonst los ist …

Helene nickt bedrückt und sagt:

Shit! So hatte ich mir meinen Geburtstag nicht vorgestellt. Apropos: hat sie schon mal jemand angerufen? Vielleicht hat sie sich verirrt?!

– Wir sind solche Holzköppe!

Fanny schlägt sich auf den selbigen und danach erkenne ich ein kleines hoffnungsvolles Funkeln in ihren Augen. Thees hat bereits sein Smartphone gezückt und die Nummer gewählt:

– Es klingelt und klingelt, aber sie nimmt nicht ab.

– Wir sollten schauen, ob sie es überhaupt dabei hat. Kommt, lasst uns abdecken und alles hineinbringen, dann schauen wir uns im Haus um.

– Ach, das wird ein SpaSS mit zwei S. Haha. Versteht ihr, SS?

Woher nimmt Lars nur diesen schwarzen Humor, der andere vielleicht verletzen könnte? Die beiden Frauen schauen ihn wütend an. Er zuckt nur mit den Schultern und stapelt Teller aufeinander.

– Lars, hör jetzt bitte damit auf!

Helenes Stimme ist fest und laut, sie möchte keine weiteren unpassenden Bemerkungen hören. Sie macht sich Sorgen um ihre Freundin – und das mit der SS drückt noch mehr auf ihre Stimmung, das ist deutlich. Ich bin in der ganzen Sache mehr der Beobachter, ich weiß gar nicht wieso. Nicht, dass es mich weniger beträfe als die anderen, nicht, dass ich weniger emotional als Fanny und Helene wäre, oder weniger schwarzhumorig als die beiden Herren (obwohl: das schon). Nein, es ist eher das dunkle Gefühl, dass sie nicht mehr auftauchen wird, so lange wir im Elsass sind, dass etwas Schlimmes passiert ist, und dass wir nicht fündig werden im Haus – nicht in ihrem Zimmer, nicht in ihrem Smartphone, das vermutlich noch hier irgendwo rumliegt. Das kann ich selbstverständlich nicht laut sagen.

Viele Dinge wissen wir schon viel früher, als wir es wahr haben möchten – und meistens verdrängen wir es mit wildem Aktionismus. Allerdings sind die Dinge manchmal auch sehr viel einfacher und weniger bedrohlich, als wir es uns vorstellen. Daher bleibt uns immer dieser Rest Hoffnung …

Fanny, Thees und Lars schauen oben in ihrem Zimmer, während Helene und ich uns unten auf die Suche nach Besitztümern Paulas machen. Im Flur finden wir ein Paar Schuhe, Sneakers. Die könnte sie vergessen haben, selbst wenn sie alles andere mitgenommen hätte. Doch zwei Blicke ins Ess- und Wohnzimmer genügen und wir finden ihr Smartphone, das seit gestern Nacht an der Anlage angestöpselt ist. Paula ohne Smartphone? Das ist wie ein Frankfurter Schnitzel ohne Grüne Soße – einfach undenkbar! Dass sie es gestern Nacht betrunken und zugekifft vergessen hat, das kann ja passieren, aber dass sie es nach dem Aufwachen nicht gleich gesucht hat? Helene denkt das gleiche wie ich, als wir das Mobiltelefon sehen:

– DAS ist jetzt schon das worst case scenario, oder? Pauli ohne Smartphone? Nein, sie muss entführt worden sein oder ähnliches.

Sie wird immer blasser, fast schon grün im Gesicht, in ihren Augen sehe ich Tränen. Helene Blues schon tagsüber. An ihrem Geburtstag.

Kapitel 1 Teil 5

– Immer geiiiiiiiileeeeeeeeeeeeeeer!

Paula lacht. Fanny schaut sie fragend an und wird dann aufgeklärt.

– Immer steieieieieeieileeeeeeeeeer!

Wir rauchen den Johnny, trinken den guten Whisky, der bald zur Neige geht, Helene schaut selig und sagt immer wieder: wie nice. Fanny, möchte kurz ansprechen, ob wir das mit den Zimmern nicht ändern könnten: sie mit Helene und Lars und Thees in einem Bett.

– Nein! Ich bin doch nicht schwul!

Larsi ruft es aus, er meint es hoffentlich nicht ernst. Thees kichert.

– Und wie schwul du bist! Aber ganz egal: ich möchte auch nicht mit dem Freak in einem Bett schlafen. Fanny, wo ist das Problem?

Helene blickt sie lange an:

– Ja, Fanny, wo ist das Problem?

– Schon gut, wir werden nachher eh alle so fertig sein und gleich einschlafen.

Ja, da ist nicht nur etwas, da ist ganz viel – unter der Oberfläche …

Sie schaltet sofort runter, wie es ihre Art ist. Doch jetzt meldet sich Paula:

– Was ist denn daran so schlimm, wenn Fanny das Zimmer wechseln möchte? Mitja, du hast ein Doppelbett, können wir da schlafen? So lässt sich das Problem ebenfalls lösen …

Helly schaut verwirrt drein, es entgleitet ihr, sie möchte es unbedingt wissen:

– Was ist denn los, verdammt?!

Thees schaut alle außer ihr in der Runde an, auffordernd, eindringlich – er scheint nüchtern zu sein. Die anderen nicken. Was ist hier los? Ich bin außen vor, weder habe ich ihm geantwortet noch zuvor Paula. Dann sagt Thees bestimmt:

– Nichts ist los! Wir schlafen so, wie wir es heute Nachmittag beschlossen haben, Paula! Alles ist gut. Ich drehe uns noch eine Runde und dann ist gut!

Die nächsten zehn Minuten folgt ein lautes Schweigen. Helene und ich sind ganz raus, wissen nicht, was das soll. Was mit Lars ist, kann ich nicht sagen, er lässt sich zumindest nicht anmerken, ob er involviert ist. Okay, scheinbar läuft etwas, wovon zumindest zwei Personen gänzlich abgeschnitten sind. Nur was? Das ist schon sehr merkwürdig. Ich blicke Helene an, sie zuckt die Schultern. Plötzlich fühle ich mich ihr so nahe und bereue alle negativen Gedanken, die ich ihr gegenüber hatte. Sie ist herzlich und wundervoll. So gerne möchte ich sie in den Arm nehmen, sie spürt das wohl und rückt ihren Sessel ganz nah neben meinen, lehnt ihren Kopf an meine Schulter, ich lege den Arm um sie. Das tut so gut wie die Wärme des Feuers, das endlich wunderschön lodert.

Und was lodert unter der Oberfläche unserer Clique?

– Die letzte Runde Whisky on the rocks für uns alle!

Thees lächelt uns selig an, das Kraut hat bei ihm ganz schön reingehauen. Auch alle anderen scheinen etwas entspannter zu sein. Das wäre sonst eine sehr ungemütliche Nacht geworden. Paula stöpselt ihr Smartphone an die kleine Anlage auf der Holztruhe neben unseren Sesseln, legt jazzige, chillige Barmusik ein. Wir trinken und überlegen, was wir die nächsten Tage machen könnten. Helly schlägt einen Ausflug nach Colmar vor, gleich nach dem Geburtstagsessen am Mittag.

– Morgen steigt das Thermometer auf 25 Grad, sagt meine Wetter-App.

Helene ist wieder positiv und glücklich – und das macht mich glücklich. Schön, dass sie mich davon überzeugte mitzukommen, denke ich in diesem Moment.

– Ich habe eine Idee! Lasst uns Trampolin springen. Jetzt!

Thees ist ganz beseelt von der Idee, Paula findet das ebenso toll, ich mache so einen Blödsinn sowieso immer mit. Lars und Helene schauen uns etwas befremdet an:

Really? So drunk und stoned wie wir sind? Ob uns nicht übel wird?

– Dann machst du Fotos und Videos von uns. Auf, raus mit uns!

Thees läuft lachend aus der Tür in den hinteren Garten, wir alle anderen hinter ihm her. Wir krabbeln zu viert durch das Netz, barfuß, und fangen an zu hopsen. Thees ruft:

– Wart ihr schon mal nackt auf einem Trampolin?

Er beginnt seine Klamotten auszuziehen.

Craaaaazzyyyyyy!

Helene lacht sich kaputt, Lars schüttelt den Kopf, Fanny und Paula verlassen das Trampolin – und ich ziehe meine Klamotten ebenfalls aus. Mein rothaariger Freund singt nun eine Textzeile von Die Orsons („Schwung in die Kiste“).

– Aber seid ihr schon mal nackt auf einem Trampolin gesprung‘? / Alles wackelt, wir woll’n tanzen, doch der DJ nervt mit Cutten / D-DJ nervt mit Cut-Cut-Cut-Cutten (Was?)

Ja, alles hüpft und es macht noch mehr Spaß, obwohl es seltsam ist, wenn man mit dem Hintern auf diesem Trampolinmaterial aufkommt – es scheuert ein bisschen. Durch das viele Lachen und Hüpfen geht mir die Luft verloren, aber ich kann nicht mehr aufhören, aufhören, aufhören.

Nach einer Viertelstunde ziehen wir zwei uns wieder an, die anderen sind schon oben in ihren Zimmern. Wir gehen ebenfalls ins Haus und verabschieden uns oben an der Gabelung zwischen West Wing und East Wing. Ich freue mich, mein eigenes luxuriöses Zimmer zu haben …

Kapitel 1, Teil 4

Er zuckt die Schultern, sagt, er muss, und Paula sagt, dass sie ihn begleiten und aufpassen werde.

– Oh, du fährst mit. Cool!

Helene sagt das ganz unschuldig, denkt sich nichts dabei, freut sich, dass Thees jemanden zum Reden hat. Wir haben herausgefunden, dass er zwanzig Minuten zu diesem Bahnhof Riegel-Malterdingen braucht.

– Ja, erstens wollte ich kurz ins Internet in Deutschland, zweitens wollen wir ja nicht, dass du deinen kleinen, hübschen Hintern hier wegbewegst.

Helly schluckt leicht, weiß nicht genau, wie sie es auffassen soll, aber bevor sie etwas sagen kann, stehen Thees und Paula auf und ziehen ihre Schuhe an. Kurze Zeit später hören wir das Auto vorfahren, sehen die Blinklichter an den Wohnzimmerfenstern vorbeihuschen.

Lars sagt:

– Habt ihr beiden Stress, Helly? Also du und Pauli, meine ich.

– Das war schon grob gerade, oder? Es liegt nicht an mir, dass ich das denke?

In ihren Augen sehe ich Tränen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, was nun kommt – ich habe keine Lust darauf, aber es ist jetzt unabwendbar.

– Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nichts richtig mache in den Augen von Paula und Fanny. Ständig kritisieren sie mich, werfen mir spitze Bemerkungen zu. Schon beim Salat anrichten vorhin hat sie mich ständig angemotzt – zu grob geschnitten, nicht sauber genug geputzt, nicht gut abgeschmeckt etc. Und das immer in so einem feindseligen Ton! Ich tue doch alles, dass  hier alles easy peasy ist, feelgood and relaxing. Oder etwa nicht?

Helene weint nun. Lars setzt sich neben sie und legt einen Arm um sie. Das war zu erwarten! Beides.

Der Alkohol! Der Helene Blues!

Ich stehe erst einmal auf, hole mir neue Eiswürfel, schütte mir Whisky in mein Glas. Mittlerweile hat sich Helly aufgerichtet.

– Ich bin es leid, dass mir ständig etwas vorgeworfen wird. Was habe ich denn so Schlimmes getan?

Ich versuche mich in die beiden anderen hineinzuversetzen:

– Reine Vermutung, aber ich denke, es sind zwei Sachen, Helly. A) findet Fanny dich, glaube ich, gerade etwas anstrengend. Du hast in den letzten Monaten ständig Krisen und sie muss für dich da sein – und ist es auch. Fanny hat aber im Moment auch nicht die beste Zeit ihres Lebens, ihr hörst du jedoch selten zu, wenn sie dir etwas ihr Wichtiges erzählen möchte. Behauptet sie zumindest. B) sind Paula und Fanny eher die verlässlichen Menschen. Wenn sie etwas zusagen, dann kommen sie beziehungsweise machen sie es. Wir beide sind da etwas anders. Deswegen haben wir zwei in der Regel keine Schwierigkeiten miteinander. Ich konnte in der letzten Zeit nicht für dich da sein, wegen ihm. Das weißt du. Und deswegen hat Fanny eben alles abgekriegt.

Lars wendet ein:

– Aber dann verstehe ich ganz gut, wieso Fanny sauer sein könnte, aber Paulita?

– Paula weiß das alles von Fanny und ist auf ihrer Seite. Paula denkt vielleicht, es wäre eigentlich die Aufgabe von der Organisatorin Helene, ihre Freundin am Bahnhof abzuholen. Erstrecht, weil Fanny in der letzten Zeit immer alles für sie hat stehen und liegen lassen.

Come on! Man kann es auch übertreiben, oder? Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten kein Ohr für euch habe. Mitja, du sagst das ja auch. Aber was soll das Aufrechnen? Wenn es mir einmal nicht gut geht … Ich versuche immer für meine Freunde da zu sein.

Sie schluchzt wieder, vergräbt sich in ihren schrecklichen Blues.

– Helene hör auf! Natürlich tust du alles dir Mögliche für deine Freunde. Wir wären alle nicht hier, wenn wir dich nicht lieben würden. Es gibt Kritikpunkte, aber auf allen Seiten. Wir sind alle etwas eigen, etwas egozentrisch gelegentlich. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Niemand sagt, dass Fannys oder Paulas Perspektive wahr ist … Du hast es geschafft, so unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Es ist nicht unsere erste Reise und es wird nicht unsere letzte sein. Bei uns MUSS es krachen, vor allem wenn du getrunken hast.

Ihre Lippen zucken, ein Lächeln deutet sich an. Ich lache in ihre Richtung:

Come on! Everything fine! Wenn die anderen kommen, sind wir wieder gut drauf. Wahrscheinlich hat sich Paula noch nicht einmal was dabei gedacht.

Meine Worte in sonstwem‘s Ohren. Gott. Paula. Oder wer auch immer diese schwelenden Konflikte ausräumen könnte.

 

Als Lars und Paula mit Fanny ankommen, spüre ich eine merkwürdige Stimmung. Sie sehen alle nicht wirklich glücklich aus. Paulita schreit ins Wohnzimmer:

– Ich zeige kurz Fanny ihr Zimmer, macht uns schon mal Drinks.

Thees setzt sich zu uns, schüttelt leicht den Kopf. Ich frage:

– Ist was?

– Nein, nein, die beiden sind nur etwas gereizt, Paulas Smartphone ging nicht so richtig, sie kam nicht ins Internet. Und Fanny hatte in der Bahn so stressige Mitfahrer – Jungs, die betrunken und pöbelig waren.

Helene sagt lächelnd, dass so etwas passieren könne. Nun schaut er sie an:

– Ist bei euch etwas passiert?

– Schmarrn, Thees! Jetzt hol mal mit den Getränken auf. Jeder muss nachher abgefüllt sein. Um Mitternacht stoßen wir dann gemeinsam auf Helene an und singen ihr ein Lied.

Lars ist sehr gut in der Rolle des Motivators. Ein paar Minuten später beehren uns die beiden anderen Damen mit ihrer Anwesenheit. Sie scheinen diskutiert zu haben. Helly umarmt sie ganz lange, beide. Da zeigt sie Größe, finde ich. Als sie wieder sitzt, sagt sie munter:

– Fanny, stell dir vor. Ich breche mir an der Kasse im Supermarkt einen mit meinem Schulfranzösisch ab, dann antwortet mir die nette Kassiererin auf Deutsch. Haha. Hier braucht man echt kein Französisch.

– Zumindest nicht die Sprache!

Fannys Humor. Wir müssen alle lachen. Fanny ist ein bisschen unsere Scherbatsky – genauso attraktiv, aber gleichzeitig ein Kumpel und sehr lustig, eine Stimmungskanone. Manchmal ist sie vielleicht zu oberflächlich, zu tussig – wenn Lars eine politische Diskussion anzettelt, schweigt sie immer und trinkt ein Sektchen.

– Und der Laden heißt Süper Ü, stellt dir vor. Haha.

– Seeeeeelfiiiiiiieeeee Time, Kinder. Ich hole kurz mal meinen Stick.

Paula ist schon resigniert:

– Oh Mann!

Selfie vor dem Kamin, lächelnd, mit Whisky in der Hand. Später werden wir uns nur an diesen „glückseligen“ Moment, wie er auf Facebook gebannt wurde, erinnern. Und nicht an unsere Konflikte … Oder?

Kurz stehen wir in der Küche zusammen, Thees und ich:

– Irgendwas war doch im Auto. Ich bin weder doof noch blind.

– Mito, es ist alles okay wieder. Ja? Lass uns auf Helene anstoßen! Habe übrigens ein bisschen Shit mitgebracht. Rauchen wir nach dem Schampus. Passt gut zum letzten Whisky des Abends.

Ich bleibe skeptisch, glaube ihm nicht. Irgendetwas ist vorgefallen, aber ich habe keine Idee was.

 

Manchmal spürt man etwas unter der Oberfläche und kriegt es ganz lange nicht zu greifen – bis es vielleicht zu spät ist …

 

Das nächste Selfie folgt beim Anstoßen auf das Geburtstagskind. Diese Porträts sind dann das Intro für unsere eigene Soap. Bei uns heißt es nicht „How I Met Your Mother“, bei uns heißt es vielleicht: „Before We Lost Something“.

 

Gruppenbild mit Paula. Es war das letzte dieser Art, aber das wussten wir da noch nicht.

Kapitel 1 Teil 3

Wir gehen zuerst nach links, wo sich zwei Schlafzimmer befinden, eines größer mit einem riesigen Badezimmer, eines kleiner. Helene entscheidet sich rasch für das erstere, Lars schaut sie fragend an, sie nickt. Thees beschließt das Zimmer nebenan zu nehmen, er beschließt, dass Fanny sich zu ihm ins Bett legen soll. Ich finde das eher merkwürdig, schließlich sind sie keine Paare, aber ich sage nichts …

Auf der anderen Seite sind weitere zwei Schlafzimmer und eine Toilette. Im ersten Zimmer steht ein altes, wunderschönes Holzbett, in das sich Paula sofort verliebt. Im zweiten ist ein kleines rosa Bad integriert. Das möchte ich haben, vor allem, weil ich zuhause keine Badewanne besitze.

Haben wir hier schon scheinbar keine Konflikte, ist es bei dem Einkaufsthema noch leichter: dass Paula und ich keine Lust haben, wird von den anderen vorausgesetzt. Wir gelten beide als launisch und manchmal etwas schwierig, womit sie wohl Recht  haben. Bei mir kommt dazu, dass ich stets blank bin, was die anderen genau wissen, insbesondere die großzügige Helene, die meinen Aufenthalt hier subventioniert. Ich bin oft viel zu undankbar ihr gegenüber! Paula merkt an, dass wir noch auf das Dach müssten, bevor sie losfahren. Es geht erst einmal durch ein bisschen Gerümpel eine Treppe hoch. Und dann stehen wir da und können unseren beiden Gärten überblicken und sogar bis zu den Vogesen bei diesem herrlichen Wetter. Paulita sagt:

– Boah, geil hier oben. Ich hole meine Sachen und lege mich mal eine Weile hin.

Ich mache es mir lieber unten gemütlich, setze mich auf die Wiese und lese eines meiner Bücher, die ich mitgebracht habe. Neben mir ein Glas Champagner. Mein Leben sieht sonst etwas … anders aus …

 

Das erste Ziel ist, mit einem Glas Cremant in der Hand Federball und Tischtennis auf unserer Wiese zu spielen.

– Immer geiler! Immer steiler!

Helene lacht, sieht unbeschwert und glücklich aus, und macht mit ihrem iPhone Schnappschüsse von Lars, Thees, Paula und mir.

– Ist das eine jeile Hütte, wa?

Sie berlinert ein bisschen, wenn sie getrunken hat. Thees, der heute noch recht nüchtern bleiben muss, weil er später Fanny abholt, flüstert uns anderen zu:

– Passt heute bitte auf, keine schwierigen Themen ansprechen. Wenigstens einen Abend sollten wir ohne Alkohol-Tränen auskommen können. Ohne Fanny sind wir ja aufgeschmissen.

Sie ist es, die Helly ein bisschen herunterbringen kann, in den Arm nimmt, sie beruhigt, ihr gut zuredet. Im Wein liegt die Wahrheit – und die Trauer, die Melancholie, die Enttäuschung über das Leben.

Charlie Chaplin sagte:

– Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist unsere Helene die sensibelste, verletzlichste von uns allen und kann das in nüchternem Zustand gut verbergen. Vielleicht verstärkt Alkohol oder auch jede andere Droge den inneren Gefühlszustand, nicht das, was man nach außen trägt, nicht die Fassade.

 

In vielen Punkten entspreche ich nicht den üblichen Männlichkeitskriterien. Ich bin in nüchternem Zustand schon so weinerlich wie andere nach Alkoholgenuss. Apropos: mittlerweile trank ich zwar Bier, jedoch mehr als Genussmittel und ich bevorzugte eindeutig kompliziertere Biere als das, was es Mainstream so gab – und damit betrinken fand ich sowieso total niveaulos. Ich habe auch keinen Bock am Grill zu stehen – danach essen gerne, aber mich da hinstellen, Feuer anzünden und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen (wie damals, als die Männchen noch die Ernährer waren und auf Jagd gingen) – das war nicht meins. Das erinnerte mich an amerikanische Serien und die Vaterfiguren, die männlich grunzten (wie Tim Allen in Hör mal, wer da hämmert) und darüber diskutierten, ob noch  mehr Grillanzünder dran und wann das Fleisch gewendet werden muss. Dafür deckte ich den Tisch, faltete die Servietten und verteilte die Blumen, die Helene im Süper Ü,  wie der Supermarkt in Marckolsheim heißt, gekauft hatte. In dieser Villa fanden sich so viele schöne Gegenstände, wenn man sich die Mühe machte, sie in den vielen weißen Schränken zu suchen. Ich fand Vasen, Kerzenständer, Kerzen, stilvolle Wein- und Sektgläser, exquisites Besteck, prächtiges Geschirr und drapierte es auf dem großen Holztisch im Wohn- und Esszimmer. Paula half Helene mit dem Anrichten der Salate und den Antipasti in den Schälchen, während Thees und Lars sich um das Grillen kümmerten.

– Wohoooooo! Amaaaaziiiiiiing! Wie schön du diesen Tisch gedeckt hast. Da müssen wir sofort Fotos schießen, mein Gott, wie schön! Ich freue mich!

So leicht ist es, Helene glücklich zu machen – manchmal beneide ich sie darum, solch kleinen oberflächlichen und doch so wichtigen Details reizend zu finden. An mir geht das leider total vorüber.

Bevor wir uns an den Tisch setzen, gibt es den gefühlt zehnten Apéritif – wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschlein weit und breit, die schon vor dem frühen Abendessen völlig hinüber sind. Aber noch stehen wir, noch reden wir halbwegs vernünftig und noch genießen wir das wunderbare Essen. Oooohhh, aaaaaaahhhhh, mmmmmmmmhhhhh machen wir alle tausendfach.

– Immer geiler!

Wir lachen wieder. Dieser Spruch wird uns wirklich hier verfolgen. Der Rotwein ist lecker, wir beschließen deswegen sitzenzubleiben, bis wir die zweite Flasche ausgetrunken haben, eine Käseplatte als Nachtisch zu essen, die hervorragend dazu passt, und von den nächsten Geburtstagen Helenes zu träumen.

– Das Gibson in Frankfurt für eine Nacht mieten? Oder doch eher in die Richtung hier: eine Hütte in den Bergen? Eine Kreuzschifffahrt auf der AIDA?

Alles erscheint gerade so easy, so nice – Helene fühlt sich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst ich spüre gerade keine Risse, keine Konflikte unter der Oberfläche. Wir genießen das Essen, Trinken, die Atmosphäre, den Luxus, unsere Privilegien …

Später setzen wir uns endlich an den Kamin, in Decken eingemummelt, denn es dauert natürlich eine Weile, bis Larsi und Helly das Holz zum Brennen bringen, am Anfang noch mit sehr viel Rauch – sie lösen sogar den eklig klingenden Alarm damit aus, der klugerweise an der Decke über dem Kamin angebracht ist. Wir müssen die großen schönen Fenster öffnen, es wird etwas kühl. Thees holt den Whisky hervor, den er seinem Vater abgeschwatzt hat. Wir haben alle keine Ahnung von diesem Getränk, denken aber, dass es dazugehört, vor dem Kamin zu sitzen und den Geist zu schlürfen.

– Mooooooment! Haben wir Eiswürfel? Im Kühlschrank gibt es kein Eisfach!

Er schreit es aus der Küche heraus.

– Im Nebenraum ist ein Zimmer mit Waschmaschine und einem weiteren Kühlschrank, Thees, da sind Eiswürfel drin!

– Mensch, Mitja, du weißt schon am ersten Abend, wo sich alles befindet.

Helene ist erstaunt. Als ich vorhin alles, um den Tisch zu decken, gesucht hatte, schaute ich überall im Erdgeschoss hinein, um eine Orientierung zu kriegen.

Ich habe den Platz ganz vorne am Kamin, in einem dieser gemütlichen Sessel, in denen man so schön einsinkt, wenn man sich hineinsetzt. Eine kuschelige Decke über mir, das Whisky-Glas in der Hand. Im ersten Moment ist das Getränk nicht nur scharf und brennt, sondern ich habe auch ein leichtes Gefühl der Übelkeit, es riecht und schmeckt so rauchig. Doch dann, als es durch meine Kehle fließt, mich von innen wärmt, ich den würzigen Nachgeschmack spüre, finde ich Gefallen daran, möchte einen weiteren Schluck trinken. Langsam gewöhne ich mich daran. Vielleicht ist aus mir doch noch ein wahrer Gentleman herauszuholen?

Thees beobachtet mich:

– Na, Mito, schmeckt dir der gute Tropfen?

Das Interessante an meinem Namen ist folgendes: Eigentlich heiße ich ja Dimitri, nach meinem Opa, allerdings gefiel mir der Name nie besonders, auch nicht die Abkürzung Dima. Es gibt aber noch Liebkosungen wie Mitja, die häufigste, oder Mitko und Mito. Dimitri oder Demetrius stammt von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.

– Danke. Ich glaube, dein Vater hat einen exquisiten Geschmack.

– Davon kannst du ausgehen!

Er schmunzelt. Und ich denke: Ja, das wissen wir. Thees‘ „Stiefmutter“ ist jünger als er, ein hübsches Ex-Model, ein Starlet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch er etwas zu viel getrunken hat, deswegen frage ich ihn:

– Kannst du überhaupt noch fahren?

Kapitel 1 Teil 2

– Da ist es! Amaaaaaaziiiing!

Helene ist bereits bei der Einfahrt in den Hof der herrschaftlichen Villa ganz hin und weg von unserem Aufenthaltsort der nächsten Tage. Die anderen haben ihr Auto schon geparkt.

– Wow, Helene! Das ist ja Bauhaus! Und wie schön!

Guys, liest eigentlich jemand die Links, die ich euch schicke? Villa St. Martin, die Bauhausvilla im Elsass.

Sie lächelt nachsichtig:

– Der Architekt damals hat es als Herrenhaus gebaut und es diente Jagdgesellschaften als Ferienhaus, die in den alten Rheinwäldern der Umgebung ihr Unwesen trieben. Irgendwas mit Art déco stand auch auf der Homepage.

Lars blickt sich um, auf den großen Garten, den man auch Park nennen könnte, der vor uns liegt, wir sehen ein Riesen-Trampolin, zwei kleine Häuschen, eine Schaukel, hinten eine Hängematte unter einem Baldachin, einen Grill, das Holz für den Kamin, ganz viele Bäume, Büsche, Blumen, die frühlingshaft aufblühen. Helene hatte uns Luxus versprochen – zumindest die Außenansicht, dieser Garten und die weiße Fassade mit der Eingangstüre bestätigen dies. Wir sind sehr gespannt auf unser Heim. Als Helene die Türe öffnen möchte, schreit Lars auf:

– Zuerst ein Seeeeelfiiieee! Wir müssen ALLES dokumentieren!

Tja, ich gebe zu, dass dieses Social Media Gebaren seltsame Blüten trägt. Es ist manchmal schon etwas drüber …

Bevor wir posen können, ruft Thees triumphierend, dass er so einen Selfie-Stick dabei habe.

– Das ist nicht dein Ernst!

Paula ist sichtlich schockiert.

– Du bist doch kein Chinese auf dem Römer!

Sie schüttelt belustigt den Kopf, sagt krasser Typ, und stellt sich in die Mitte unserer Gruppe. Pauli ist die kleinste von uns, passend zur lateinischen Bedeutung ihres Namens. Im Griechischen ist sie dafür „die Schöne“. Und auch das trifft auf sie zu, ganz eindeutig sogar, kein Gramm an ihr ist zu viel, ihr steht der Sideweep, ihre rehbraunen Augen bringen jeden Typen zum Schmelzen. Anders als Helene trägt sie bunte Sneakers ohne Socken und stylishe Klamotten, die obligatorischen Hochwasser-Chinos und farbenprächtige, weite Oberteile, ihre Sonnenbrille im neuesten Cate-Eye-Chic mit bunten, verspiegelten Gläsern.

Lars sagt:

– Leute, aber nicht alle dämlich in die Kamera schauen, wir machen auf Indie-Band und schauen alle irgendwo anders hin, ne!

Na klar, wir dürfen ja in den sozialen Netzwerken nicht wie die Letzten erscheinen, wenn unser Überflieger Lars mit auf dem Foto ist. Larsi ist unser Agentur-Fritzi, bei dem alles so perfekt sitzt, dass es fast ekelhaft ist: der hoch dotierte Job, der teure Anzug, der kunstvoll gezwirbelte Bart, die gegelte Trend-Frisur und bald der Doktor-Titel.

Wir stellen kurz unsere Sachen in den Flur, laufen ins Wohn- und Esszimmer mit dem Kamin – oh Mann, das ist größer als meine gesamte WG. Der seltsam hässliche Wandteppich, der irgendwie afrikanisch aussieht,  könnte Art déco sein, denke ich. Wir treten sofort hinaus auf die Terrasse und sehen, dass der Garten auf dieser Seite noch einmal so groß ist. Paula ruft aus:

– Immer geiler, immer steiler!

Wir müssen alle lachen. Von dieser Seite sieht die Villa wirklich noch beeindruckender aus. Schon krass, wenn man so einen Luxus nicht kennt.

– 8000 Quadratmeter soll der gesamte Park umfassen. Crazy, oder?

Dieses Herrenhaus hat ein paar Hundert Quadratmeter Wohnfläche zu bieten. Und dass soll nun unsere Heimat für das verlängerte Wochenende sein. Sauber!

– Helene, da hast du die Messlatte für deine nächsten Geburtstage aber seeeehr hoch angesetzt.

Larsito schmunzelt, als er das sagt. Thees tritt aus seinem Schatten und holt eine Flasche Champagner hervor.

– Hatte ich in einer Kühltasche. Wenn wir Gläser finden, können wir auf das Wochenende anstoßen.

Schon klar, dass Thees derjenige mit dem Champagner ist, eine Magnum-Flasche Bollinger, und selbstverständlich weiß er, dass das ihr Lieblings-Champagner ist, was übrigens jeder weiß, da ihre Lieblingsserie Absolutely Fabulous ist. Sie beeindruckt so etwas natürlich, schließlich kann sie sich in all den Jahren nicht merken, dass ich genau drei Dinge nicht esse: Pilze, Artischocken und Meeresfrüchte. Jedes Mal muss ich die Pilze aus dem Essen pulen, und einmal musste ich auf einem Markt im Urlaub mit zu einem Bistro, das außer Meeresfrüchte tatsächlich nur Pommes anbot – und die wurden mir zur Hälfte weggefuttert. Thees mit seinen marineblauen Segelschuhen, seinen always gestreiften Hemden und dem darüber geworfenen Pullover sieht wie das wahr gewordene Hamburg reicher Schnösel Klischee aus. Eine vornehme Blässe, rote Haare und dieser obligatorische Akzent vervollkommnen diesen Stil. Im Moment hat er einen Vollbart, rötlich natürlich, wie ihn die Hipster überall in Deutschland gerade tragen. Mir sind da eindeutig zu viele Haare, der müsste dringend gestutzt werden. Wenn er nicht gerade irgendetwas mit IT macht, legt er als DJ TEASE richtig coolen Elektro Swing auf. Das Seltsame ist, obwohl wir in so unterschiedlichen Welten leben, mag ich ihn sehr und kann das Gute in ihm sehen. Er ist mit Sicherheit der reichste von uns allen, aber im Grunde prahlt er nicht damit herum. Das mit dem Champagner zum Beispiel ist keine Angabe, es ist eher etwas, von dem er weiß, dass er Helene damit eine Riesenfreude macht – also wieso nicht?!

Ich helfe Helene dabei, die Gläser aus der geräumigen Küche nach draußen zu transportieren. Paula schnappt sich einen Lappen, um den Tisch auf der Terrasse sauber zu wischen.

Die Sonne scheint, der Himmel strahlt, wir lassen das goldene Getränk genüsslich in unsere Kehlen fließen und schauen ins weite, satte Grün – kann das Leben schöner sein?

 

– So! Ich darf nichts mehr trinken. Wir müssen erst einmal in den Supermarkt! Leckeren Cremant, exquisiten Käse, Baguette, Gemüse und gutes Fleisch zum Grillen kaufen. Es gibt in der Nähe einen Supermarché – stand in der Email. Wer möchte mit?

Ich hasse einkaufen, ich langweile mich da tödlich. Paula fragt, ob wir zuerst das Haus anschauen könnten und die Zimmer verteilen. Wir gehen eine große Treppe ins obere Stockwerk und da erwartet uns die erste Überraschung: da ist ein kleiner Flurbereich mit Schränken zum Verstauen, einem Korb und einem Stuhl und einfach sehr viel Platz. Theoretisch könnte man hier noch ein Doppelbett hinstellen, wenn man das bräuchte. Danach kann man nach links und nach rechts.

Craaaazy!!! Westwing and Eastwing!

Kapitel 1 / 1.Teil

1

Meine liebe Freundin Helene hatte es sich so entspannt und gemütlich, so cozy, vorgestellt, so anders als unsere sonstigen Geburtstagsfeiern. Ihren Dreißigsten wollte sie in dieser komfortablen Villa im Elsass begehen und nicht in der Großstadt an irgendeinem hippen place to be. Ihre engsten Freunde sollten alle fern ihres Alltags mit ihr zusammen sein, am Kamin auf sie anstoßen, mit einem Whisky oder Champagner, ihretwegen auch einem Cremant, sie sollten alles andere um sich herum vergessen. Dass eine Person von diesem Ort nicht mehr in die gemeinsame Heimat zurückkehren – fern bleiben – würde, das hatte sie sich selbstverständlich nicht vorgestellt …

Ein bisschen ärgert uns, dass das Wetter so wunderschön ist, als wir an diesem Donnerstagmittag in Frankfurt losfahren. Niemand von uns hat Lust, die nächsten drei Stunden in einer Blechkiste zu verbringen. Doch je früher wir fortkommen, desto früher können wir im Elsass chillen und unseren ersten Apéritif im Garten zu uns nehmen. Das muss Motivation genug sein. Wir teilen uns in zwei Autos auf: Helene und ich fahren in ihrem roten Austin Mini, während Paula, die aus der Freiburger Gegend stammt und damit die größte Elsass-Kompetenz aufweist, sich zu Thees und Lars in den schicken, schwarzen SLK des ersteren setzt. Sie hatte kurz gezögert, sich gefragt, ob sie nicht besser uns begleiten sollte, das sah ich in ihrem Blick. Plötzlich ist da so ein Gefühl und eine Frage blitzt in mir auf: Hatten sie mal einen Dreier? Oder läuft irgendetwas anderes zwischen ihnen, von dem ich nichts weiß? …

Doch es trifft sich ganz gut, dass sie nicht in unserem Wagen sitzt, denn zwischen Helene und mir herrscht das erste Mal – und das seit längerer Zeit – dicke Luft, die wir vielleicht in diesen nächsten Stunden bereinigen könnten. Das wäre wenigstens eine Baustelle weniger für sie, die sich das alles so relaxing vorgestellt hatte, damals kurz nach Silvester, als sie uns fragte, ob wir an diesem verlängerten Wochenende Zeit für sie hätten. Sie hatte aber nicht mit dem Leben gerechnet, das einen manchmal aus der Bahn wirft – es war so einiges passiert.

Jesus war vor drei Tagen auferstanden und wir reisen gerade  ins vermeintliche Paradies.

– Mitja, ist alles easy zwischen uns?

Sie macht sich Sorgen, dass sie mich in den letzten Wochen vernachlässigt, keine gute Freundin gewesen sei, meine BFF  – zumindest hatte sie diese Abkürzung unter ein gemeinsames Selfie auf Instagram gehashtagt.

Ich fragte sie damals:

BFF? Was soll das sein?!

Ob ich das nicht aus den amerikanischen Serien kenne:

– BFF = Best Friends Forever

Tatsache, darauf hatte ich noch nie geachtet. Helene war für mich immer schon so american gewesen, fern meiner eigenen Herkunft – Klassenfeinde nennen es meine Eltern. Wir waren in den frühen Neunzigern aus Kasachstan nach Deutschland immigriert, so richtig angekommen sind die beiden nie. Helene jedenfalls ist für mich wie die andere Seite der Medaille. Ich bin der verrückte, mittel- und erfolglose Künstler, Prekariat, während sie im Marketing in einer Kunsthalle arbeitet, in dem die Arrivierten ausstellen – die, die ihre Kunst für viel Geld verkaufen können. Sie verdient sicher auch nicht die Welt, hat jedoch anders als ich reiche Eltern. Manchmal werde ich von ihrem Arbeitgeber beauftragt, beim Ausstellungsaufbau zu helfen, bei der Hängung. Einmal hatte sie mich für eine Kunst-Aktion verpflichtet, als Statist.

Sie möchte mir immer wieder helfen, mich unterstützen, das kann ich sehr wohl (an)erkennen.

Die letzten Wochen hatte ich große Schwierigkeiten, mein Leben in den Griff zu bekommen – alles schien mir zu entgleiten. Von ihr war in dieser Zeit kaum etwas zu erwarten, sie beschäftigte sich gerade viel zu sehr mit sich selbst, musste ihre Trennung verarbeiten und hatte viel Stress im Job. Das war so, und beim Liebeskummer konnte ich ihr wirklich nicht weiterhelfen, das hatte sich aus Prinzip verboten …

Helene blickt mich von der Seite an, als erwarte sie etwas von mir. Sie sieht sehr gut aus mit ihrer neuen Frisur, ein bisschen old fashioned, ein bisschen Audrey Hepburn. Die Brille in ihrem Haarschopf hat einen Goldrand, ihre Kette ist aus dem gleichen Metall, die Seiden-Bluse einfach und cremefarben, ihre dunkle Bundfaltenhose ist sehr Business und ihre klassischen, schwarzen Leder-Slipper sind sicher von Joop. Sie trägt nur ein leichtes Makeup, kaum sichtbar, ihre Lippen sind glossy.

– Hör zu, Helly, bei uns war das immer schon so. Mal haben wir fast täglich miteinander zu tun, mal eine Zeit lang fast gar nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass du dich besser in mich hineinversetzen könntest, klar, aber ich konnte ja die letzten Wochen auch nicht für dich da sein.

Sie konzentriert sich auf die Fahrbahn, setzt den Blinker, wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen, den anderen folgen. Sie beißt sich auf die Lippe, sagt dann angespannt:

– Mitja, ich möchte nur nicht, dass es sich auf die nächsten Tage auswirkt. Mir ist das wichtig und ich freue mich seit Wochen darauf. Really!

Vielleicht hätte sie besser gesagt, dass sie mich nicht verlieren möchte, denke ich. Bin ich zu sensibel? Eine Zeit lang lag es in der Schwebe, ob ich mitfahre. Ihr Ex sollte eigentlich mit …

– Es wäre nicht wirklich glaubwürdig und hilfreich gewesen, wenn ich etwas zu deiner Trennung gesagt hätte.

Ich sehe ein kurzes Zucken im Mundbereich, ein angedeutetes Lächeln:

– In der Tat … Es fühlt sich etwas strange an, mit dir alleine im Auto zu sitzen und darüber zu reden.

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich mir wünsche, dass wir schöne Tage miteinander verbringen und dass dies sicher nicht an mir scheitern werde. Helene freut sich sichtlich, streckt mir ihre Faust entgegen und sagt check, was ich erwidere. Sie spielt an der Musikanlage, wählt Moloko – unsere gute Laune-Auto-Musik, seit jeher.

– Selfie-Time!

Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, sie, wie sie das Auto fährt, und mich (oder zumindest mein Gesicht) auf ein Foto zu bekommen – nicht ganz einfach, aber wofür bin ich Künstler. Es gelingt mir. Helene lächelt zum Glück hübsch darauf, ich verziehe wie immer meine Fresse. Ein befreundeter Journalist schrieb einmal auf Facebook, dass ich auf jedem Bild ein Duckface mache.

– Zeig mal!

Sie ist zufrieden und fordert mich auf, es auf Instagram und Facebook zu posten.

– Ich bin gespannt, ob die anderen unser Posting beantworten.

– Wurstkette!

Das schreie ich heraus. Sie daraufhin noch lauter:

– Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuurstkeeeeeeettttttttttteeeeeeeeeee!!!

Wir saßen einst bei einem Essen bei Helene – sie, Thees, Lars, Paula, Fanny und ich – und wollten alle gemeinsam etwas posten. Wir beschlossen, dass jede/r das Wort Wurstkette auf die eigene Pinnwand schreiben sollte, mit Markierung der anderen natürlich. Und wir mussten das alle bei jedem anderen liken. Seitdem schreien wir uns immer zwischendurch Selfie-Time oder Wurstkette zu. Niemand versteht uns, wir müssen aber immer wieder minutenlang darüber lachen.

Tatsächlich hagelt es von unseren Freunden im SLK (diese Protzer, ey!) rasch Kommentare. Sie antworten ihrerseits mit einem professionellen Selfie, auf dem wir Paula in der Mitte sehen und Teile der Köpfe der beiden Männer, den Innenspiegel und die Autobahn im Hintergrund.

– Mal schauen, wer mehr Likes kriegt.

Helene lacht und denkt sich gewiss, dass wir klar im Vorteil sind. Zwar ist Paula unsere Social Media Expertin, macht dies sogar beruflich, aber ich bin ein Künstler, der sehr viel mit diesen Netzwerken arbeitet und eine nicht kleine Anhängerschaft um sich geschart hat. Ohne angeben zu wollen.

Unsere weitere Fahrt ist entspannt, zwischendurch ändere ich die Musik, in dem ich die Anlage mit meinem Smartphone kopple – ein bisschen Gogol Bordello muss jetzt sein. Kurz vor Frankreich schalte ich in den Flugmodus, ich habe mir vorgenommen, die Tage gar nicht ins Internet zu gehen. Könnte mir auch mal guttun, denke ich.