Kapitel 4 Teil 2

Ich laufe ein Stück über die Zeil, biege links ab, überquere die Berliner Straße, vor der „Mona Lisa“ biege ich ab, laufe Richtung Dom – und dann bin ich schon fast da. Die Rede vom Museumsleiter ist klar im Vorhof der Kunsthalle zu hören, ich habe keine Lust, ins Foyer zu gehen, da ist es mir, wie immer, zu voll. Helene ist sicher drin, die anderen suche ich mit meinen Blicken in der Menge, die mit mir draußen rumsteht. Die warten alle nur darauf, dass es den kostenlosen Wein gibt, ist doch immer so. Rumstehen, kucken, Wein trinken. Wer interessiert sich für die Kunst? Die wird eben „mitgenommen“, alles andere ist wichtiger.

Wir sind die ersten, die mit einem vollen Glas Weißwein beisammen stehen – der Rote ist nicht so lecker und wir gehen sicherlich noch nicht in die Ausstellung, am Anfang ist der größte Andrang. Die Leute können sich sowieso nicht darauf einlassen, sie stehen im Weg herum und tun so, als ob sie besonders interessiert und kultiviert wären. Ich versuche aus den Blicken der anderen zu erkunden, wie sie drauf sind. Sind sie traurig, aus der Spur geraten, melancholisch?

Sie stoßen mit mir an, Thees mit seinen Segelschuhen, nach hinten gegelten Haaren und dem trotz der Wärme drapierten roten Pulli über dem marineblaue-weiß gestreiften Polo-Hemd, Lars mit türkisfarbenen Chinos und weißen Sneakers, Fanny mit ihrer Sonnenbrille in den schwarzen, frisch frisierten Haaren, etwas überschminkt und overdressed, mit ihrem kleinen Schwarzen und viel zu highen Heels, und natürlich Helene, die einen Business-Look trägt und unheimlich elegant aussieht. Helene. Ich möchte sie die ganze Zeit anschauen. Der etwas zu lange Blick auf sie fällt auch den anderen auf:

– Ach, Mitko, wir freuen uns alle für dich!

Thees lächelt süffisant, die anderen sehen mich triumphierend an. Hat Helene es ihnen schon gesagt oder gar über Whatsapp geschrieben?

– Was meinst du?

Sie lachen, aber es ist kein Auslachen, es ist etwas anderes, es ist so ein Lachen, wie man es Kindern nachsichtig schenkt. Es ist so etwas wie: ach, du Dummerchen, ist ja süß von dir, dass du denkst, dass wir nicht wissen, dass du dich unter dem Bett versteckst, nur sehen wir halt deine Hand. Fanny legt einen Arm um mich und sagt:

– Es war echt an der Zeit. Genießt es, ihr beiden. Die Zeiten sind hart genug …

Wir stehen beieinander, wir versuchen den Namen Paula nicht in den Mund zu nehmen, versuchen zu ignorieren, dass ein Teil von uns fehlt. Das hat  hier keinen Platz.

 

The show must go on … sangen Queen, ich habe es in meinen Ohren, während ich den Wein auf meiner Zunge zergehen lasse, meinen Gaumen erfreue. Wir dürfen uns diesen Genuss nicht nehmen lassen, das bringt niemanden zurück – so wie Trauer und übermäßiges Weinen auf einer Beerdigung noch nie einen Toten haben auferstehen lassen …

 

– Ziemlich viel los heute, Helene! Gute Arbeit!

Sie freut sich über das Lob, sie kann auch stolz auf sich und ihr Team sein, die harte Arbeit hat sich gelohnt. Sie arbeitet viel und identifiziert sich sehr mit dieser Kunsthalle. Deswegen steht sie auch nicht lange bei uns, sie entdeckt nach ein paar Minuten einen wichtigen Typen und geht ihn begrüßen, während wir sie von der Ferne beobachten. Seine Frau trägt die neuesten Christian Louboutin – die mit der roten Sohle, wie mir Fanny erläutert.

– Ich dachte, das mit der roten Sohle ist immer Manolo Blahnik.

– Blödsinn, da hast du schlecht aufgepasst bei Sex and the city, mein Lieber.

Thees und Lars verdrehen schmunzelnd die Augen.

– Lasst uns mal Richtung Baustelle gehen, es ist schon dunkel genug, um was zu rauchen.

– Hier?

Fanny ist genauso irritiert wie ich, als unser schicker Seemann diesen Vorschlag macht, aber nachdem wir uns unseren zweiten Wein geholt haben, beschließen wir seinen Vorschlag anzunehmen. Es interessiert sowieso keinen, wahrscheinlich nur diejenigen, die mitkiffen wollen. Sind ja auch genug Kunst Studenten vom Städel und auch ein paar von der Hochschule für Gestaltung da – mit denen habe ich oft genug irgendwo rumgesessen und einen gezogen. Easy going.

Der Vorhof ist voll, wir beobachten ihn von unserem Platz aus, nach dem ersten Joint rauchen wir auch schon den nächsten, reden über die Menschen, die wir sehen. Es sind immer die gleichen und doch immer andere. Ich schaue sie mir genau an und es sind wirklich andere Gesichter, aber so oft ist es die gleiche Zusammensetzung von Menschen mit Geld und Ansehen, Künstler/innen, Kunstinteressierten mit weniger Geld und Ansehen, Studenten, vorzugsweise kreativer Studiengänge, Party people, die jede Chance nutzen, etwas zu erleben, und Freund/innen von Menschen, die irgendwas mit der Ausstellung zu tun haben. Wir sehen Menschen mit teuren zeitlosen Klamotten, Menschen, die den neuesten Trend tragen, Birkenstock Schuhe dürfen natürlich dabei auch nicht fehlen, weder bei Männern noch bei Frauen, und wir sehen verrückt angezogene Menschen, die auffallen wollen. Manchmal schaut Fanny zu lange, gerade auch bei den Christian Louboutin Schuhen. Die Frau hat ihre Blicke bemerkt und ich versäumte es nicht, ihr ein Kompliment dafür zu machen. Sonst ist das ja etwas peinlich.

– Wollen wir die Ausstellung anschauen?

Die Frage ist obligatorisch und die Antwort-Möglichkeit ist im wahrsten Sinne des Wortes fifty-fifty. Wir schauen maximal die Hälfte der Ausstellungen bei der Eröffnung an, wir lassen uns immer Freikarten von Helene geben und besuchen sie, wenn weniger Menschen anwesend sind.

– Zu viel los. Definitiv. Und wir hatten zu wenig Wein. Auch definitiv.

Lars bringt es auf den Punkt.

– Wo ist eigentlich deine Helene?

Thees zwinkert mir zu. Ja, das wüsste ich auch gerne. Wo ist sie? Schäkert sie mit jemandem? Bin ich eifersüchtig? Sie kennt so viele wichtige Menschen, attraktive Männer …

– Unsere Helene!

Na, die sollen mich mal hier nicht veralbern. Das kann ich gut und gerne auch selbst, dazu brauche ich Thees ganz sicher nicht. Wie kann ich s aggressiv werden mit so viel Gras in mir. Seltsam. Ich sollte noch mehr trinken. Bald beginnen wir Runde vier.

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Kapitel 4 Teil 1

Geduld ist eine sehr wichtige Eigenschaft für Künstler*innen – komisch, wie viele meiner Kolleg*innen genauso ungeduldig wie ich selbst sind … Ich muss das wirklich lernen. Geduld gehört dazu, wenn ich mich weiter entwickeln möchte, denn beim Beobachten muss man geduldig sein – und Beobachten ist das A und O in der Kunst.

– Ich kann nur Ottern stundenlang im Zoo zuschauen, wie sie fressen – so süß auf dem Rücken liegend und auf dem Wasser treibend –, oder durch den Pool tauchen und schwimmen.

– Oder Eichhörnchen, wie sie Bäume hinaufkraxeln und auf Ästen rumhüpfen.

– Oder Elefanten, wie sie majestätisch und traurig im Zoo umherwandeln, mit viel zu wenig Platz, Horizont und Perspektive.

Menschen beobachten bei ganz normalen Vorgängen, Verhaltensweisen, Regungen, Reaktionen. Menschen beobachten, wie sie Dinge tun, die mir fremd sind, die ich nie tue. Wie Auto fahren, bügeln, häkeln, Bierpong spielen …

Mich nervt, dass ich so wenig Interesse an Abläufen habe, an Kleinigkeiten, ich schaue zu wenig, nehme nicht wahr. Das wird mir klar, wenn ich mir meine Projekte anschaue, meine Ziele, die ich verfolge. Set und Setting. Nur muss ich da Menschen beobachten, wie sie Drogen nehmen, wie sie sich verändern, muss mit ihnen Zeit verbringen, muss in diese Szene eintauchen. Ich weiß zu wenig, erfahre, erlebe, erkenne nicht genug. Ich schaudere. Vor mir.

Kein guter, kein produktiver Arbeitstag – so wie ich mir das dachte. Meine Gedanken driften ab, meine Gedanken sind im Tal der Angst, nachdem sie den Berg der Freude erklommen haben. Sie wollen da wieder hin, fürchten aber, dass es ein einmaliges Erlebnis war. Ich möchte das wieder, wieder, wieder. Ist das gerade so ein Moment, in dem man Drogen nehmen möchte? Und wie würde ich mich dabei fühlen? Sollte ich eine Selbsterfahrung machen, mich dabei filmen, fotografieren? Selfies? Drugselfies? Afterdrugselfies?

Immerhin bin ich bei dem Projekt mit den Bootsflüchtlingen weitergekommen: habe mich eingelesen, ein paar gute Reportagen über die Fragen „Wer sind die Flüchtlinge? Woher kommen sie?“ gelesen. Ich weiß nun, um wen und was es geht. Ich kann so schlecht beobachten, ich kann mich jedoch gut hineinversetzen, mitfühlen, verstehen.

Was steht dahinter? Diese Frage stelle ich mir immer. Und die ist bei allen Projekten wichtig. Warum nehme ich Drogen? Warum nehme ich diese Drogen? Warum nehme ich diese Drogen mit diesen Freunden/ Bekanntschaften? Warum flüchte ich? Warum fühle ich mich gezwungen zu flüchten? Warum ist die Welt so, dass ich flüchten muss? Warum warum warum?!

Wenn ich all die Schlechtigkeit der Welt bedauere, meine Angst und Unsicherheit spüre, dann beginne ich leider immer viel zu früh mit dem Alkohol, so auch heute. Um fünf mache ich mir also mein erstes Bier auf. Es werden drei bis ich zur Ausstellungseröffnung in der Kunsthalle, in der Helene arbeitet, aufbreche. Ich gehe zu Fuß, um mein Hirn ein bisschen freizublasen und natürlich habe ich auch „Wegbier“ in Händen, Nummer 4 also. Aber ich kann so einiges vertragen, da bin ich ganz Russe und Ironie.

Wenn ich durch das Nordend laufe, fühle ich mich immer so arm:

– wenn ich die Klamotten der anderen sehe, die dicken Autos, – – wenn ich daran denke, wie groß ihre Wohnungen sind und welche Möbel darin vermutlich stehen.

Und ich befinde mich im vierten Lebensjahrzehnt und lebe wie ein Student. Schon deprimierend. Prekäre Lebenssituation, sagt man in Frankfurt. In guten Zeiten sage ich: „prekäre Lebenslust“ – im Moment fühlt sich das eher nach „prekärer Lebensunlust“ an.

 

Es ist ja immer selbstgewählt, das Schicksal, es ist die eigene Entscheidung und es gibt natürlich keinen Grund, sich darüber aufzuregen – und doch tue ich es, wie es doch jeder tut. Oder?

Kapitel 3 Teil 5

Ich wachte vor ihr auf, ich wache immer vor den anderen auf, das ist ein Automatismus, sobald ich mit jemandem in einem Bett oder sogar in einem Zimmer schlafe. Und Helene hat den festesten Schlaf von allen Menschen auf der Welt, glaube ich, sie würde sicher ein Erdbeben verpennen. So konnte ich sie ein bisschen beobachten, ungestört, schamlos – nein, ich bin kein Spanner, ich bin kein Stalker. Ich mag einfach echte Menschen in echten Situationen, und am echtesten ist man, wenn man schläft, maskenlos, makellos, rein. Die reine Helene. Die schöne Helene. Sie ist gepflegt von Kopf bis zu den Füßen, letztere sind wunderschön pedikürt, mit einem zarten Rot-Ton lackiert, ihre Fußsohlen butterweich, ihre Beine gewachst, ebenso ihre Muschi, die Achseln sowieso, ihre Haare sehen sogar im Schlaf perfekt aus. Und während ich wahrscheinlich nach Schweiß und anderen Körperausdünstungen stinke, duftet sie für mich immer noch. Ich küsse sie leicht in den Nacken, sie öffnet nur ganz leicht die Augen und fragt, was los sei. Ich verabschiede mich von ihr:

– Bis später, bei der Ausstellungseröffnung.

Sie nuschelt ein „ist gut“ und „bis dann“ vor sich hin, ich werfe ihr einen letzten Blick zu.

Auf dem Weg nach Hause frage ich mich, ob es ein nächstes Mal geben wird, also Sex mit ihr, meine ich.

– War es etwas Einmaliges?

– Brauchte sie einfach jemanden, der sensibel ist, ihr zuhörte, ihre Tränen trocknete?

– Wird es jetzt merkwürdig zwischen uns sein, wenn wir uns wiedersehen? Heute Abend zum Beispiel?

– Spielt sie mit mir?

– Liebt sie mich?

– Bin ich albern?

– Warum stelle ich mir ständig solche Fragen?

Mann! Ich bin verliebt in sie, seit Jahren, ich will mehr, häufiger, immer.

– Wie kann Sex einen abhängig machen? Ist er suchtmachender als jede Droge? Oder ist es die Liebe?

– Verwechsele ich Sex mit Liebe? Warum brauche ich Liebe zum Sex?

Und dann frage ich mich, ob ich in diesem Zustand arbeiten kann. Verdammt!

Als Künstler lassen sich täglich so viele Gründe finden, nicht zu arbeiten – auch ein Grund, lieber einem anderen Beruf nachzugehen.

So gerne wäre ich einfach nur unbeschwert verliebt, aber dazu gehört es spüren zu können, dass die andere Person ähnliche Gefühle hat. Helene. Kann sie sich überhaupt verlieben? War sie in David verliebt? War sie jemals in mich verliebt? So schlendere ich durch das Nordend Frankfurts, sehe die Mütter, wie sie ihre Kinder in die diversen Kinderläden bringen, sehe die busy Geschäftsmänner, wie sie Richtung U-Bahn-Haltestellen hasten.

Es ist halb neun Uhr morgens und ich hatte vor wenigen Stunden das erste und zweite Mal Sex mit meiner Traumfrau …

Kapitel 3 Teil 4

Als ich mich neben sie auf die Bank setze, legt sie sofort ihren Kopf auf meine Halsbeuge und beginnt herzzerreißend zu weinen und immer wieder zu sagen:

– Ich wollte nicht, dass so etwas passiert!

– Pscht! Das weiß ich doch, Helene! Pscht! Beruhige dich! Du kannst nichts dafür. Das weißt du genauso wie ich!

Sie löst sich von mir, blickt mich lange an, ihre Tränen versiegen.

– Meinst du das wirklich?

Ich habe das Gefühl, dass ich sie erlösen kann, nein, MUSS. Sie kommt mir näher. Meine Augen sagen ihr, dass alles gut ist, dass ich ihr die Absolution erteile – und sicher teilen sie ihr noch etwas anderes mit. Das Funkeln in ihren Augen lässt mich näher rücken, meine Lippen berühren fast schon ihre, und dann öffnet sich ihr Mund ganz leicht und gibt damit meiner Zunge das Zeichen, Einlass in ihm zu suchen.

Während ich Helene küsse, fühle ich mich das erste Mal befreit an diesem Tag, ach was, das erste Mal seit mehr als einer Woche. Es ist wie Schweben, es ist wie ein Rausch, es ist wie nach einer Stunde Yoga oder Meditation. Nur mit einem vibrierenden Stück Fleisch etwas weiter unten. Verdammt, ich will Helene, ich wollte sie schon immer – und jetzt gibt es keinen einzigen verdammten Mechanismus mehr, der diesen Gedanken verhindert.

– Hier ist es ein bisschen unconfortable.

Klar verstehe ich das Signal! Langsam stehe ich auf, nehme sie an die Hand, ziehe sie behutsam in ihr Zimmer, im Flur schaue ich sie die ganze Zeit an, ihre Augen sind niedergeschlagen, ihr Körper sagt aber: Zieh mich schneller! Ihre Tür ist offen, doch bevor wir uns auf das leicht erreichbare Bett legen, hat sie mich überrumpelt, küsst mich wild, beißt mir in die Lippen, mehrmals, ich habe das Gefühl leicht zu bluten – es macht mich noch geiler! Ich stoße sie auf das Bett, entledige mich schnell meiner Klamotten, und dann mache ich mich über sie her, ohne darüber nachzudenken, ohne Skrupel, ohne Gedanken an ein Morgen, echt jetzt, ich frage mich nur: Warum habe ich das vorher nie gemacht?

Ich reiße ihr die Kleidung vom Leib, passe dabei auf, die teuren Teile nicht zu zerfetzen, und sie wundert sich über mich und wiederholt ständig: wow, du wildes Tier! Ich küsse sie überall, hungrig, all die Liebkosungen nachholend, die ich ihr die letzten Jahre schon hätte zukommen lassen wollen, nein, sollen. Sie stöhnt leise auf, als ich zu ihren Nippeln komme, mit ihnen spiele, die Zunge saugt an ihnen, während meine Hände ihren Slip langsam hinunterziehen. Sie flüstert mir zu, dass sich in der Schublade ein Kondom befindet, doch bevor ich es  aufgeregt heraushole, bewegt sich mein Mund nach unten Richtung ihrer Muschi und beginnt sie zu lecken.

Als ich das Kondom in der Hand habe, knibbele ich das Ding auf. Mein Schwanz pocht und denkt nur noch eines: dass es in diese warme Höhle eindringen möchte …

 

Wir liegen nackt nebeneinander und ich finde:

– Sie ist mit diesen rosigen Wangen nach dem Sex noch schöner!

– Sonst sieht sie zwar gerne wie Audrey Hepburn aus, ihr postkoitales Lächeln ist jedoch das von Meg Ryan in der berühmten Szene von „Harry und Sally“ – und ich mag das!

– Ich habe sie noch  nie so relaxt gesehen, so ohne Fassade, ohne Spannung, entblößt, die Decke nur ein Bein und ihre Scham bedeckend, ihre Brüste wie zwei träge Hügel, die Brustwarzen zwei Gipfel, die einzig sich nach oben recken.

Beim Liebemachen sind wir alle gleich, da gibt es keine Unterschiede – wenn wir uns aufeinander einlassen, uns hingeben, sind wir auf einer Ebene. Egal, wie wenig wir es davor waren und danach sind.

 

– Wie ging es Paula in der letzten Zeit?

– Nicht jetzt, Mitko!

Es wird niemals den rechten Zeitpunkt geben, nicht für das. Ich blicke sie an und bin fasziniert davon, wie rasch sie wieder verspannt ist, wie sich ihre Gesichtszüge verdunkeln können. Das möchte ich nicht, und doch muss ich darüber reden – sie will es auch, da bin ich mir sicher.

– Mitko, ich habe sie genauso vernachlässigt wie dich! Ich weiß nicht, wie es ihr ging! Ich habe sie kaum gesehen, weiß nicht, woran sie gearbeitet hat. So egoistisch war ich, ich habe immer nur von mir, mir, mir erzählt und ihr gar nicht richtig zugehört.

Das stimmte, Helene hatte das einmalige Talent, zuzuhören, ohne ein Wort von dem Gesagten aufzunehmen, ohne sich dafür zu interessieren oder darum zu scheren. Das hatte ich immer wieder am eigenen Leib erfahren müssen. Bevor man ihr etwas erzählt, muss man erst herausfinden, ob sie aufnahmefähig ist.

– Aber du musst doch eine Wahrnehmung haben, wie sie auf dich gewirkt hat. Traurig, glücklich, depressiv, aggressiv, fröhlich, wasweißichwas.

– Wie wirkte sie im Elsass auf dich?

– Launisch wie immer. Aber sonst nicht weiter auffällig. Oder?

– Mitko, eben. Keine Anzeichen von Depression, Burn-out, Niedergeschlagenheit whatever. Ich bin keine gute Freundin manchmal, aber so ignorant und unsensitive bin ich auch wieder nicht. Da war nichts, glaube ich.

– Hm.

Dann legt sie ihre Hand auf mein Gemächt und fordert mich zu einer weiteren Runde auf – und weder die Sorge um Paula noch sonst irgendwelche Gedanken hindern mich daran, es wieder mit ihr zu tun. Und dieses Mal schalte ich ganz ab und kann es in noch volleren Zügen genießen als das erste Mal …

Kapitel 3 Teil 3

Nach einer Weile reiße ich mich endlich zusammen und rufe sie zurück, mit Kloß im Hals, mit Schuldgefühlen im Kopf, mit einem Zittern in der Stimme.

For God’s sake! Mitko! Ich bin so happy, dass du nicht auch noch verschwunden bist!

– Helly, wovon redest du denn?

– Mitko, ich konnte dich die letzten Stunden nicht erreichen, ich habe sonstwas gedacht, was mit dir sein könnte! Tu mir das nicht an! Nicht du auch noch!

– HELENE! Komm bitte wieder runter! Alles ist gut! Ich habe ein bisschen gearbeitet, da schaue ich nicht auf mein Smartphone. Geht es dir denn gut?

Helene erzählt mir von ihren Sorgen, die sie sich die letzten Stunden um mich gemacht hat, erzählt mir von ihrer Angst, dass wir Paula vielleicht nie wieder sehen könnten, von ihren Schuldgefühlen – sie schluchzt immer lauter, ist am Boden zerstört. Es gibt nichts, womit ich sie trösten könnte, rein gar nichts. Vielleicht wenn ich Soma zur Verfügung hätte …

In der Trauer, bei Krankheit und Tod gibt es kein reich und arm, da gibt es nichts, was das Leben leichter macht, kein Luxusartikel, keine Droge.

„Das Gras auf der anderen Seite des Hügels ist immer grüner“, sagen die Niederländer, „die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer ein bisschen süßer“, sagen die Deutschen. Wir denken immer, dass andere Menschen, die es vermeintlich besser getroffen haben, einen guten Job haben, mit äußerer Schönheit beschenkt und mit Reichtum gesegnet sind, glücklich sein müssten. Doch vielleicht haben sie ganz andere Probleme.

Helene lässt sich nicht trösten, ihre enge Freundin ist verschwunden, und sie hat das Gefühl, dass sie die Schuld daran trägt.

– Wenn wir nicht ins Elsass gefahren wären!

– Wenn ich mit ihr in einem Zimmer geschlafen hätte!

– Wenn ich mehr mit ihr gesprochen hätte in letzter Zeit!

– Wenn …

– Wenn …

– Wenn …

 

– ICH BRAUCHE DICH JETZT, MITJA!

Sie schreit es ins Telefon, es dringt in meine Ohren, meinen Kopf, in mein Herz – wenn der Anlass ein anderer wäre … Trotzdem spüre ich ein warmes Gefühl in mir drin. Sie braucht mich, nur mich, sie will mich um sich herum haben in diesem schweren Moment, sie will MICH um sich herum haben. Mich. Mich. Mich. Sie ruft nicht David an und möchte ihn zurück, sie fragt nicht Fanny, nicht Lars oder Thees.

Ich verspreche ihr, später zu ihr kommen, nach ihrem Feierabend – für sie zu kochen und mit ihr einen Film zu schauen. Für sie da zu sein …

Ein bisschen versuche ich noch zu arbeiten, ich kontaktiere meine Künstler/innen für die Ausstellung, versuche per Email und auf Facebook ein paar Dinge mit ihnen zu regeln, sie auch ein bisschen anzutreiben. Später hole ich meine Pelmeniza, das Formeisen, um Pelmeni zu machen, aus dem Schrank unserer WG-Küche, ebenso ein paar Lorbeerblätter, die ich immer vorrätig habe, und stecke sie in einen Stoffbeutel. Pelmeni sind Teigtaschen, ähnlich wie Tortellini, mit unterschiedlichen Mischungen gefüllt. In Russland sagt man, dass dies ein Essen für alleinstehende Männer und frische Studenten ist – vermutlich weil ihre Omas sie in Unmengen produzierten und einfroren und man sie dann nur in Wasser aufkochen musste. „Stay calm and eat Pelmeni“ – ich schenkte letzte Weihnachten meiner Mutter ein T-Shirt mit diesem Aufdruck. Sie fand es unheimlich witzig und wollte eine russische Version davon für ihre Mama.

Ich wohne in einer WG im Nordend, ein gutes Viertel, ich hatte Glück – ich hatte meine Mitbewohner Ben und Aziz vor ein paar Jahren auf einer Party kennengelernt. Sie suchten gerade jemanden für das dritte Zimmer und derjenige sollte möglichst keine Frau und nicht zickig sein, sie hatten vorher mit einer durchgeknallten Performance-Künstlerin gewohnt. Die Chemie stimmte sofort und ich schaute mir noch nachts die Wohnung an. Wir haben alle kleine Zimmer, aber es gibt einen Balkon und eine große Küche. Gut daran ist auch, dass ich nur ein paar Minuten Fußweg sowohl in die Innenstadt als auch zur Berger Straße habe, letzteres sehr praktisch, weil dort Helene in der Nähe des Merianplatzes wohnt. Auf dem Weg dorthin gehe ich noch beim Mezger vorbei und besorge Rinder-Hackfleisch für die Füllung.

Die Küche von Helene ist sehr gemütlich, ich befinde mich gerne in ihr, sie ist geräumig, hell, die Stühle und Tische sind sehr bequem, die Bilder an den Wänden sind gut gewählt, bunt strahlende Fotos von Lebensmitteln – wie aus einem stylishen Foodblog entnommen. Die Arbeitsfläche ist groß, wir stehen uns nicht im Weg, als ich den Teig für die Pelmeni vorbereite, während sie Zwiebeln und Kräuter für die Hackfleischfüllung schnippelt und dann das Fleisch anbrät. Mein Teig muss etwas ruhen, so wende ich mich dem Salat zu, wasche ihn und mache die Soße dafür an, Joghurt mit einem Spritzer Honig und Senf. Diese Arbeiten lenken uns ab, wir reden kaum, außer meinen Anweisungen und ihren Erwiderungen – ich zeige Helene wie sie die Pelmeni füllt und sie zu akkuraten Teigtaschen formt. Ich werfe sie in das Öl der Bratpfanne, während sie die letzten Handgriffe beim Salat erledigt und auf dem Tisch anrichtet.

– Das tut wirklich gut. Wir sollten öfter zusammen kochen, Mitko!

Sie strahlt über das ganze Gesicht, beißt herzhaft in die Pelmeni, sie sieht kurz glücklich aus, unbeschwert – und für mich ist es gerade so, als ob ich sie das erste Mal sehe.

Kann man sich immer wieder neu in die eine selbe Frau verlieben? Ist der Mensch jeden Tag ein/e Andere/r, sind sowohl der Liebende als auch die Geliebte jeden Tag ein/e Andere/r – oder?

Ich finde schön, wenn Frauen genussvoll essen, wenn sie genießen können, ich finde es sehr unerotisch, wenn Frauen permanent auf ihre Figur achten, sich um sie sorgen, Dingen entsagen, um gut auszusehen. Doch ich störe mich auch nicht unbedingt dran, wenn sie ein paar Pfunde zu viel wiegen. Es muss einfach passen. Die perfekte Frau musste für mich nicht so durchtrainiert sein wie Paula, deren Nennung wir die ganze Zeit schon vermeiden. Wir haben auch kein Wort über Thees, Lars und Fanny verloren. Doch der unvermeidliche Moment wird kommen, es ist nur eine Frage der Zeit.

– Wie geht es dir, Mitko?

Ich erzähle ihr von meinen Projekten und wie schwer ich mich gerade damit tue, von der Arbeit in den nächsten Tagen und meiner Schwermut an sich. Nicht gerade sexy, denke ich, leicht verzweifelt. Doch entweder hört sie nicht zu oder sie deutet es so, wie sie es vermutlich verstehen will – als verständliche Reaktion auf das letzte Wochenende.

– Was ist, wenn sie tot ist?

Sie ruft es plötzlich heraus.

– Wenn wir sie nie wieder sehen?

– Wenn sie für immer gegangen ist?

– Wie sollten wir dann weiterleben?

– Vor allem ich: mit diesen Schuldgefühlen …

Sie schluchzt bei den letzten Worten und ich kann das nicht sehen. Meine Mutter hat in meiner Kindheit und Jugend so viel geweint, das hat mich immer so fertig gemacht, ich konnte das nicht aushalten – ich wollte immer sofort etwas tun, damit es ihr besser geht. Frauen dürfen in meiner Gegenwart nicht weinen – und schon gar nicht Helene. Nicht sie. Verdammt! Sie blickt mich mit ihren tränenden Augen an. Warum sieht sie trotzdem so sexy aus? Wieso kriege ich JETZT einen Ständer?

Kapitel 3 Teil 2

Drogen haben mich immer schon fasziniert, ich  hatte Phasen in meinem Leben, in denen ich kurz davor war zu sagen, ich beginne es hardcore – weniger, weil ich so ein Partytier bin, auch  nicht aus Verzweiflung, Langeweile oder so etwas, eher aus Neugierde, aus einem Wunsch, noch spannendere Kunst daraus zu generieren. Geht das überhaupt? Oder einfach nur zugedröhnt, spannende Dinge zu sehen und zu erleben und das zu verarbeiten? Ich hatte in meiner Teeniezeit diese ganzen Bücher gelesen, von Carlos Castaneda und seine Begegnung mit Peyote und Don Juan Matus, William S. Burroughs (Naked Lunch), Malcolm Lowry (Unter dem Vulkan), Hunter S. Thompson (Angst und Schrecken in Las Vegas), natürlich Trainspotting von Irvine Welsh, Brave New World von Aldous Huxley in der Schule – und wenn ich gerade üble Gefühlsschwankungen hatte, wünschte ich mir zu dieser Zeit Soma herbei. Vielleicht entspringt mein gelegentlicher Wunsch, mit Drogen aus meinem normalen Leben auszubrechen, aus der Tatsache, dass ich mich permanent versuchte zu kontrollieren, zu funktionieren. Alle Menschen mussten in dieser Leistungsgesellschaft, in der wir leben, funktionieren, Scheitern und Misserfolg wird nicht akzeptiert, immer höher, schneller, weiter – und gleichzeitig (erfolg)reicher, schöner, sexier. Und ich fiel aus diesem Konzept heraus, immer schon. Ich tue mich so schwer damit zu funktionieren, oft habe ich das Gefühl, dass dies nicht in mir ist – und das deprimiert mich und macht mich hoffnungslos. Ich schaute alle diese Drogen-Filme, Requiem for a Dream, Spun, Drugstore Cowboy und wie sie alle hießen, beschäftigte mich mit den sechziger und siebziger Jahren, Taking Woodstock und Janis Joplin, Summer of Love und Hair.

So gerne schwelge ich in Erinnerungen von Menschen, die mir nicht bekannt sind, Film-Figuren vielleicht, angeeignete, vorgestellte Biografien von Menschen, die eine schöne Zeit hatten, die es vielleicht niemals so in der Art gab …

Plötzlich habe ich Lust, meine alten Platten anzuhören, vor allem Tresspass von Genesis, aus den Zeiten vor Phil Collins, 1970 aufgenommen und so ganz anders als die spätere Mainstream Scheiße. Die Lieder sind bis zu neun Minuten lang, zum größten Teil instrumental und akustisch gehalten – ich höre auf die einsetzenden zwölfsaitigen Gitarren, die Orgel und das Klavier, mein alter Plattenspieler und die zwei großen Boxen aus den achtziger Jahren holen den letzten schönen Sound heraus. Ich höre eine Flöte, ein Cello und da, plötzlich, ein Tamburin. Die erste Seite mit Looking for Someone, White Mountains und Vision of Angels, finde ich besonders stark, sie lassen mich in eine andere Zeit eintauchen, in einen anderen Bewusstseinszustand, auch ohne Drogen – ich schließe die Augen und sehe mich in bunten Schlaghosen, Blümchenhemd und Stirnband verrückt auf einer Wiese herumtanzen, mit vielen Gleichgesinnten, die mich anspornen oder auf dem Boden sitzen und an Joints ziehen und ganz viel lachen. Nehmen sie LSD Trips? Wieso nicht? Welche Gesichter machen sie, wenn sie Visions of Angels hören, „I see her face and run to take her hand / Whey she’s never there I don’t understand / The trumpets sound my whole world crumbles down / Visions of angels all around / dance in the sky / Leaving me here / forever goodbye.“ Scheiße! Ich sehe Paula vor mir, lachend, glücklich, und dann ist sie mit einem Male weg, löst sich vor mir auf, entschwindet gen Himmel. Ich versuche sie festzuhalten, doch sie ist nicht mehr stofflich, meine Hände greifen ins Leere, während sie immer weiter nach oben steigt, ich rufe sie verzweifelt, Paula, Paula, bleib bei uns, doch bald sehe ich nicht mal mehr ihren Geist. Paula, der Engel. Ist Paula tot? Ich wache aus meiner Vision auf und merke, wie mir Tränen aus den Augen schießen, während Peter Gabriels Stimme weiter Engelsvisionen heraufbeschwört. Das ist zu viel für mich, ich tausche die Platte, neben dem beleuchteten Plattenspieler lehnt die Hülle von der Doors Platte – ob das passender ist? „This is the end, my only friend, the end / It hurts to set you free / But you’ll never follow me“. Wieder sehe ich Paula vor mir, oben auf dem Dach der Villa in Marckolsheim, im pink Bikini, in ihrer ganzen Schönheit, ihr Blick verträumt, glücklich, ein bisschen wie ein kleines Mädchen, eine Prinzessin – und dann wird alles schwarz vor meinen Augen, die Stimme von Jim Morrison leidet weiter am Fortgang seiner ehemaligen Geliebten, und nun schiebt sich Helene in mein Blickfeld, meine Helene, sie trägt schwarz, ein eng geschnittenes Kleid, einen überdimensionierten Hut, eine große Sonnenbrille, die ihre Augen verbirgt, doch ich sehe Tränen an ihrer Wange hinunterkullern. Verdammt!

Ich schalte den Plattenspieler aus und blicke auf mein Smartphone, das die letzten Stunden unbeachtet und lautlos gestellt auf dem Boden neben dem Sofa lag. Sie hat mehrmals angerufen und mehrere Whatsapp-Nachrichten geschrieben.

In dieser Verfassung kann ich sie nicht anrufen, in dieser Hoffnungslosigkeit, in dieser Furcht, dass alles vorbei ist, dass wir uns der Tatsache stellen müssen, dass Paula für immer aus unserem Leben getreten ist. Oder wieso hatte ich sonst diese Bilder in meinem Kopf? Wie kann ich „normal“ weiterleben, wenn ich davon ausgehe, dass jemand, den ich mag, nicht mehr weiterleben kann? Wie soll Helene weiterleben?

Ich habe den Helene Blues … Die Tränen fließen, das Selbstmitleid auch, die Vorwürfe darüber, dass alles nun anders sein könnte – wenn wir nicht ins Elsass gefahren wären …

Kapitel 3 Teil 1

Weiterleben ist aber gar nicht so einfach, nicht für mich, der ich in manchen Zeiten Lebenskünstler bin, in anderen Zeiten jedoch eher ein melancholischer Leidender. Tage vergehen gelegentlich in unnützer und untätiger Lethargie, in „Ich trage die ganze Last der Welt auf meinen Schultern“ und in „Das Leben hat doch eh keinen Sinn“. Ich höre dann traurige russische Volkslieder und schaue stundenlang Serien, vertiefe mich in die Charaktere, in deren Leidensgeschichte, auch hier bevorzuge ich schwerwiegendere Themen …

Alle negativen Gefühle werden durch das Verschwinden Paulas verstärkt. Wer war sie überhaupt? Das frage ich mich nun. Und was hatte sie die letzten Monate eigentlich gemacht, wie gelebt? Ich hatte sie völlig aus den  Augen verloren …

Manchmal verliere ich die Übersicht über meine vielfältigen Projekte, habe das Gefühl, dass alles über meinen Kopf wächst und ich alles vermassele. Manchmal denke ich mir, dass ich am liebsten einen Nullachtfünfzehn Job hätte, bei dem ich mir über nichts Gedanken zu machen brauchte. Aber die Kunst will irgendwohin. Die Kunst will sich aus mir herauspressen, will raus, raus, raus. Sie lässt mich nicht mehr in Ruhe, verwandelt mich in ein unruhiges Etwas, das mich zwingt, dieses und jenes zu produzieren, viel zu oft alles parallel und gleichzeitig. Nachts kann ich oft nicht mehr schlafen, weil mir so viele Ideen und Bilder durch den Kopf kreisen, mich fast zum Explodieren bringen, ich jedoch endlich schlafen muss, weil ich so erschöpft bin. Morgens wache ich dann wie verkatert auf, mies gelaunt, komme noch mieser in den Tag und beginne oft erst am frühen Nachmittag meine richtige Arbeit.

Zwei Tage habe ich nur, um konzentriert zu arbeiten, bevor ich wieder ranklotzen muss, Messeaufbau ist mein Job, mit dem ich Geld reinhole, für die Miete, die Nebenkosten, das Smartphone etc. Das ätzt mich an, das macht mich fertig, 14, 16, manchmal 18 Stunden-Schichten sind normal, zwei Tage lang am Stück. Dafür gibt es gutes Geld und ich kann mir wieder etwas Freiheit erkaufen, mein Künstlerleben finanzieren. Ich bezweifele, dass ich  in meiner jetzigen Stimmung produktiv werden könnte.

Vielleicht schaffe ich es, diese negativen Gefühle, diese Schwermut in meine Arbeit zu kanalisieren, bei zwei meiner drei Projekte, mit denen ich mich beschäftigen möchte, könnte das doch nützlich sein, oder? Für meine nächste Ausstellung habe ich mir vorgenommen, etwas über das Thema Drogen und wie sie einen Menschen beeinflussen, zu arbeiten. Ich möchte Skulpturen oder eine Installation herstellen, habe jedoch nicht vor, verfallende Gesichter wie im Internet zu „Crystal Meth“ zu finden sind, zu porträtieren, sondern möchte den Helene Blues irgendwie darstellen. Nur habe ich noch absolut keine Idee, wie ich diese unfertige Idee umsetzen will. Da kann mir das Wochenende im Elsass helfen, da stört vielleicht auch nicht meine Niedergeschlagenheit, im Gegenteil. Das andere Thema wird mir gestellt, ich soll mir für eine Gemeinschaftsausstellung in Hamburg eine Performance überlegen, die die Bootsunglücke, bei denen Hunderte von Flüchtlingen starben, in den Fokus setzt. Dem Laien fiele sofort ein Theaterstück ein, das die Situation nachspielte, aber das ist keine Kunst, das ist zu platt – ich muss ganz anders an diese Sache gehen. Und zuerst für beide Projekte recherchieren, mich einlesen, hineinversetzen, verschiedene Standpunkte beleuchten und ausprobieren, mich tief hineinvergraben.

Die meisten Menschen denken, dass Künstler/innen, die Performances und Installationen produzieren, einfach eine Eingebung haben, ihr folgen und zack: ist es damit getan. Doch es steckt sehr viel harte Arbeit drin – und je leichter und zugänglicher es ausschaut, desto schwieriger war es dies umzusetzen.

Außerdem beginnt in zwei Wochen meine erste Ausstellung, die ich kuratieren und organisieren darf, in der er es um Freundschaft und Interaktion zwischen Künstler/innen in der digitalen Welt geht. Es ist meine Herzensangelegenheit, ich hatte mir gewünscht, das machen zu dürfen. Es wird ganz hervorragend werden, mit diesen Künstler/innen, die ich um mich geschart habe, aber bis die Ausstellung eröffnet werden kann, muss ich noch so vieles organisieren. Künstler sind wirklich nicht einfach in dieser Hinsicht, Abgaben werden verschoben, Extra-Wünsche kurz vor Schluss mitgeteilt, da und dort gestichelt und egal, was passiert: sie sind am Ende unzufrieden. Sich mit ihnen herumzustreiten, darauf habe ich gerade am wenigsten Lust, das muss warten.

Beim Recherchieren muss ich immer aufpassen, mich nicht zu verzetteln – früher hatte ich mir beim Studieren immer 17 Bücher zu einem Thema nach Hause genommen und war dann vor diesem Berg gesessen, zunächst überfordert, dann begann ich die Arbeit, las und las und vergaß die Zeit. Das ist jedoch alles nichts gegen dieses unendliche Internet, in dem man vom Hölzchen ins Stöckchen kommt, in dem Stunden wie Sekunden vergehen, und plötzlich ist später Abend und ich habe immer noch nichts getan. Bei diesem Thema weiß ich nicht so genau, was ich in die Suche eingeben soll. Mir geht es ja weniger darum, was die Drogen an sich machen, was sie zerstören, wie sie Menschen zerstören, wie sie einen langfristig verändern. Mir geht es ja eher um … Set und Setting. Vielleicht das – ich bin mir noch nicht ganz sicher. Auf einer Seite, auf der erklärt wird, wie man sicherer Partys feiert, finde ich die Erklärungen dazu, Set oder Stimmung meint die Einstellung, die Erwartung, was die Droge mit dir machen soll und die Stimmung bei der Einnahme. Eine Erfahrung, die wir alle sicher gemacht haben ist doch, dass wenn wir traurig sind, ängstlich, uns schwach fühlen, dieser Zustand durch die Drogen verstärkt wird. Wenn wir vorher gut drauf sind, dann können wir durch bestimmte Drogen noch freudiger, lustiger oder glücklicher sein. Und genauso wichtig ist das Setting, also das Umfeld, in dem wir Drogen nehmen. Fühle ich mich sicher und geborgen? Vertraue ich den anderen, passen die auf mich auf? Oder ist es eher schwierig mit ihnen? Timothy Leary, der Erfinder der Droge LSD hatte diese Begriffe aufgebracht, er war der Meinung, dass man mithilfe von LSD und günstiges Set und Setting psychische Probleme lösen könnte.