Kapitel 2 Teil 5

– Immer geiler! Immer steiler!

Die Damen liegen auf der Wiese, die Musik im Wohnzimmer ist laut aufgedreht, es hört sich wie CRO an. Sie gackern und scheinen richtig gut drauf zu sein. Wir beschließen mit dem Anruf bei der Polizei noch eine halbe Stunde zu warten. Zu betrunken sollte niemand von uns sein. Wir sagen ihnen, dass sie mal kurz ausnüchtern, vielleicht ein bisschen dösen sollten. Aye aye, sagt Helly und nickt auch gleich auf ihrer Decke ein. Lars erklärt, dass das mit den 24 Stunden bei Vermisstenmeldungen nicht stimme, das sage man nur so in Krimis. Wenn die Gefahr für Leib und Seele groß erscheint, sollte man die Polizei lieber umgehend benachrichtigen. Wir glauben alle, dass es nun Zeit dafür ist. Lars ruft an, erklärt den Sachverhalt. Nachdem er aufgelegt hat, sagt er, dass in einer Stunde jemand komme und meint, dass es sicher okay sei, wenn wir einen Gin Tonic mit Gurke zu uns nehmen und uns auf die Terrasse zum Musik hören setzen. Allerdings mit etwas anderer Musik, chilliger, sagt er, und läuft zur „Anlage“, während Thees die Drinks zubereitet.

Es ist merkwürdig. Ich habe nichts verbrochen, mir nichts zuschulden kommen lassen – trotzdem bin ich total aufgeregt, weil die Polizei gleich da sein und uns ausquetschen wird. Mich hat meine Jugend in Deutschland etwas geprägt, für mich sind diese Polizisten nicht meine Freunde, es sind eher die, die mir und meinen Kumpels immer unterstellten, etwas geklaut, zu viel getrunken oder jemanden verprügelt zu haben. Weil wir verdächtig ausschauen. Weil wir Aussiedlerdeutsche sind. Und die sind ja bekanntlich alle kriminell. Wie oft wurde ich ungerechterweise kontrolliert, während Bio-Deutsche null beachtet wurden, in Zügen, an Abenden auf Marktplätzen …

Wir kochen Kaffee, bereiten die große Tafel im Esszimmer vor, ein paar Kekse stellen wir auch auf den Tisch. Helene lässt sie herein, als sie klingeln, sie wirkt schon wieder ganz damenhaft und „normal“. Sie führt die zwei Polizisten in das Ess- Und Wohnzimmer. Die Frau und der Mann zeigen sich beeindruckt von dem Prunk. Sie setzen sich, Helene bietet ihnen Kaffee und Wasser an, sie möchten beides. Zuerst nehmen sie unsere Personalien auf, danach lassen sie sich von Helene die ganze Geschichte erzählen. Ich schaue mir die beiden an, sie sind beide auf ihre Weise attraktiv und sehen sehr sympathisch aus: sie scheint etwas jünger als er zu sein, ich schätze sie auf Ende Zwanzig, ihn auf Anfang Dreißig. Sie trägt Pferdezopf und ist nur leicht geschminkt, sehr schlank, vermutlich durchtrainiert. Er ebenso, allerdings hat er dunkelblondes kurzes Haar, blaue Augen und ein breites Lächeln, das er häufig einsetzt, während sie zwar freundlich, aber konzentriert schaut. Thees ergänzt die Erzählung um unsere Suche und unsere Telefonate. Lars weist auf das Smartphone und die Klamotten in ihrem Schlafzimmer hin. Thees sagt, dass wir alles angefasst haben, das Smartphone, um zu schauen, ob uns das weiterhelfen könnte und natürlich hatten wir es gestern Abend sicherlich alle mal in der Hand, um Fotos zu schießen oder die Musik zu ändern etc. Er erwähnt gleich, dass es sehr seltsam sei, dass so vieles gelöscht wurde.

– Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Polizistin schaut uns der Reihe nach an, nicht böse, nicht so, als hätte sie uns für irgendetwas im Verdacht, einfach nur neugierig. Bereits die ganze Unterhaltung über wirken sie sehr neutral, fast schon wohlwollend. Doch wir zucken alle mit den Schultern.

– Es ist absurd! Logisch betrachtet müsste das ja jemand von uns gemacht haben. Aber wieso?!

Helene schaut die Polizistin an, möchte jeglichen Verdacht ausräumen:

– Wir alle lieben Paula und sind von ihrem Verschwinden total erschüttert. Es muss wirklich etwas passiert sein, nur haben wir keine Vorstellung was.

Sie sagt es mit fester Stimme, wahrscheinlich möchte sie am liebsten heulen. An ihrem Geburtstag. Helene Blues

– Das glaube ich gerne, Frau Sonntag. Gerade an so einem Tag. Das tut mir wirklich leid für Sie, für sie alle.

Er schaut dabei so nett, so unschuldig aus.

– Gab es denn Streit? Unstimmigkeiten?

Wir verneinen es.

– Keinen Grund, warum sie verärgert, deprimiert, traurig gewesen sein könnte? Keinen Grund, warum sie von sich aus Knall auf Fall gegangen sein könnte?

Das fragt er. Sie nimmt eine andere Perspektive ein:

– Oder haben Sie in der Nacht oder am frühen Morgen Geräusche gehört? Ist jemand in das Haus eingedrungen? Sind irgendwo Einbruchsspuren zu finden?

Wir erklären, dass wir nirgends nur eine Spur davon gefunden haben, es aber ein Leichtes gewesen wäre, den Zweitschlüssel aus unserem Versteck vor der Türe herauszufischen, und dass wir vielleicht sogar ein Fenster unten auf hatten, durch das man bequem ins Haus gekonnt hätte. Wir haben uns nichts dabei gedacht hier im Elsass. Die beiden Polizisten schütteln gutmütig den Kopf.

– Alkohol oder sonstige Drogen waren nicht im Spiel?

Jetzt werden wir wahrscheinlich allesamt rot. Wir brauchen gar nichts sagen.

– Etwas Hartes?

Wir schütteln alle unschuldig den Kopf, nein, Paula hatte gelegentlich gekokst und andere Dinge genommen, aber wir sind uns alle sicher, dass sie gestern in der Hinsicht clean war.

Die beiden erklären, dass sie alles mitnehmen werden, die Techniker würden sich das Smartphone mal genauer anschauen. Wir sollten weiterhin Kontakt mit Frankfurt und Freiburg halten, am besten in der Nähe bleiben und noch nicht abreisen – vielleicht habe sie ja echt nur einen Ausflug alleine machen möchten. Die andere Möglichkeit … setzt die Polizistin an, spricht aber dann nicht weiter.

– War sie denn aus Ihrer Sicht labil? Hatte sie besondere Probleme in letzter Zeit? Job verloren, Schulden, Trennung oder so etwas in die Richtung?

Wir verneinen alles, auch als sie nach Depressionen oder sonstigen psychischen Störungen nachfragt. Dann sammeln sie alles ein, geben uns ihre Kärtchen und wünschen uns viel Glück.

Ich weiß nicht, was sie denken, was sie annehmen, weiß nicht, was sie von uns halten, weiß nicht, was wir denken, annehmen, von uns halten …

 

Als sie weg sind, setzen wir uns alle draußen auf die Terrasse mit neuen Gin Tonics und stoßen darauf an, dass wir das gut herumgebracht haben. Als wir Hunger kriegen, macht sich Helene auf den Weg in die Küche, um die Salate und das Gemüse vorzubereiten, Thees und Lars kümmern sich wieder um das Grillen. Fanny und ich bleiben zunächst sitzen.

– Weißt du, warum Helene so genannt wurde?

– Wegen der mythischen Helena? Sie soll die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein.

– Genau. Väter wünschen sich, die schönsten Töchter der Welt zu haben. Findest du sie schöner als Paula und mich, Mitja?

– Um ehrlich zu sein …

Sie lächelt, während sie eine Gurkenscheibe aus dem Glas fischt.

– Natürlich findest du sie am schönsten. Du liebst sie. Sie erzählte mir einmal, dass es verschiedene Auslegungen des Mythos gibt. Ist sie eine lüsterne Frau, die mit einem schönen Mann durchbrennt, oder ist sie die brave, ergebene Frau, die geraubt wird?

– Wieso erzählst du mir das, Fanny?

– Unter uns drei Mädels hatten wir das immer als Codewort: Die drei Helenas.

Ich schaue sie erstaunt an. Was möchte sie mir damit sagen?

– Darf ich meine Frage von gerade eben wiederholen?

Sie steht auf. Ich sitze nah genug, um sie am rechten Handgelenk anzufassen und wieder hinunterzuziehen:

– Warte! Erklärst du es mir?

Fanny möchte mir darauf keine Antwort geben. Vielleicht jedoch auf die nächste Frage:

– Wieso wart ihr so merkwürdig drauf, nachdem du abgeholt wurdest?

Ich merke, wie sie sich versteift, genervt ist:

– Die beiden hatten schon vorher Stress, unter anderem weil Paula, diese Süchtige, Probleme mit ihrem Smartphone hatte und sie war vorher mit Helene aneinandergeraten. Ich war eh schon genervt von diesen dummen Kindern im Zug, die betrunken rumgegrölt haben, dann kam mir noch Thees mit seiner dämlichen Begrüßung in die Quere, so machomäßig zu entscheiden, dass wir ein Bett teilen. Hätte ja sein können, dass ich vielleicht lieber alleine schlafen möchte. Oder lieber mit einer meine Freundinnen.

Jetzt steht sie endgültig auf, sagt:

– Lass uns schauen, ob wir Helene helfen können.

 

Später sitzen wir gesättigt am Kamin, rauchen eine Tüte, trinken Cremant und fragen uns, wie das Wochenende weiter gehen soll. Vielleicht liegt es daran, dass wir so breit sind, aber wir haben das Gefühl, dass schlechte Laune, Trauer und Angst uns Paula nicht zurückbringen werden. Wir MÜSSEN weiterleben. Wir wissen alle nicht, was geschehen ist, können es nicht zurückdrehen. Wenn wir nach Frankfurt zurückfahren, dann ändert es gar nichts. Plötzlich fangen wir auch wieder an, Selfies zu schießen und zu vergessen, dass uns eine Person fehlt. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist der Mensch so.

In dieser Nacht ändert sich die Zimmeraufteilung. Ich bleibe in meinem, genauso wie Helene, alle anderen wechseln aber: Fanny nimmt das Bett von Paula, Lars schläft neben Thees. Was wir alle mit schlüpfrigen Bemerkungen quittieren.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder draußen beim Frühstück und Helene platzt damit heraus, dass sie die ganze Nacht Alpträume hatte, von der SS, vom Verschwinden Paulas, von Vergewaltigungen – sie möchte einfach nur weg. Es mache sie traurig.

– So marvelous ich es mir vorgestellt hatte, so marvelous es hier hätte sein können, es sollte wohl anders laufen. Too bad!

Wir müssen die Küche ein bisschen sauber machen, das Geschirr spülen und einräumen, die Betten abziehen, unsere Sachen packen. Das tun wir alles konzentriert und schweigsam und so haben wir das rasch erledigt.

Dieses Mal fahren Helene und Fanny in einem Auto, während ich mich zu den Jungs geselle. Wir hören laut Musik und geben uns unbefangen. Es ist wie es ist, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, oder auch: „Lebbe geht weider“, wie der berühmte Frankfurter Fußballtrainer Stepi (Dragoslav Stepanović) einst sagte.

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Kapitel 2 Teil 4

Thees schaut nach hinten, mir tief in die Augen, er sitzt nun auf dem Beifahrersitz, Lars hat das Lenkrad übernommen. Ich weiß nicht, was er meint.

– Tu doch nicht so! Zuerst möchtest du nicht mitfahren, weil David dabei ist. Dann trennen die beiden sich und du kommst doch mit. Als es jedoch um die Zimmeraufteilung geht, möchtest du lieber in ein eigenes anstatt mit Helene zusammen. Wieso? Um als zurückhaltender Gentleman zu gelten? Um der Außenseiter in der Clique zu bleiben? Du hast dich bitten lassen mitzukommen, du zeigst ständig jedem, dass du dich eigentlich nur zu Helene zugehörig fühlst, aber nicht einmal das wirklich. Wir wissen alle, dass du sie liebst – und immer schon liebtest!

Er fixiert mich mit seinem Blick, strahlt Autorität und Souveränität aus. Ich sage ihm, dass das alles Bullshit ist und nur seine Wahrnehmung. Dann sagt er selbstsicher:

– Ich stelle fest: Ihr seid sehr gute Freunde, David und du. Er und Helene werden ein Paar. Du entfreundest David. Am Ende wird das sogar richtig hässlich. Du erträgst es nicht, sie zusammen zu sehen, also wird dein Kontakt zu ihr weniger. In den letzten Monaten habt ihr euch kaum noch gesehen. Du hast uns alle nicht richtig mitgekriegt. Als David und Helene sich trennen, bittet sie dich, doch mitzukommen. Du lässt dich bitten, sogar subventionieren – und dann bist du dabei. Oder?

Angriff ist die beste Verteidigung und gegen Gutmenschen wie mich ist nicht gut kämpfen. Außer man zeigt ihnen, dass sie auch nicht besser als man selbst sind.

Er möchte mich zum Außenseiter abstempeln und mir meine Grenzen aufstecken, zeigen, wer hier die Macht hat und wer hier nicht aufmucken sollte. Wir fahren nun am Wasserkraftwerk vorbei, über die berühmte Staustufe des Rheins, in den Wald hinein, der schon deutsches Land ist. Der Empfang ist hier sicher noch schlecht, also fahren wir noch ein Stück, bis wir an einem kleinen Rastplatz halten. Wir steigen alle aus und ich sage laut, dass ich etwas zu sagen habe:

– Thees, Lars, das mit David seht ihr gaaaaaaaanz falsch. Wie ihr euch erinnern werdet, habe ich die beiden sogar zusammengebracht, nicht  nur einander vorgestellt, sondern aktiv dafür gesorgt, dass sie sich daten. Punkt 1. Die Entzweiung hat nichts mit Helene zu tun, es hat mit diesem Festival im letzten Jahr zu tun. Da lief mit der Finanzierung einiges schief, wir hatten mit Dauerregen zu kämpfen und mussten enorme finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Das wäre ja noch okay gewesen, doch David hat mich zusätzlich verarscht. Am Ende sind meine Kooperationspartner und ich auf den Schulden sitzen geblieben, mussten Charity Veranstaltungen und sowas machen. Und er war fein raus und tat in der Öffentlichkeit so, als hätte er alles rausgerissen. Dabei hat er einfach nur beschissen, beschissen, beschissen. Ich habe ihn machen lassen, was die Finanzen angeht. Dieses Vertrauen hätte ich ihm nicht entgegen bringen dürfen. Habe ich aber, weil ich dachte, er wäre mein Freund. Das habe ich Helene alles erklärt, sie glaubte mir zuerst nicht, war so verliebt in ihn und vertraute ihm natürlich. Aber dann begann sie ihn danach zu fragen, ein bisschen zu bohren, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich solche Dinge erfinde.

– Ja, weil du der Gutmensch schlechthin bist, Mitko.

Stichel du nur, Thees. Ätzend! Diese ganze Geschichte hat mir so viele schlaflose Nächte bereitet …

– Sie haben sich immer wieder wegen mir gestritten. Helene hat ihm gesagt, dass es nicht sein kann, dass sie sich zwischen uns beiden entscheiden muss. Dass es nicht sein kann, dass er mich so mit Schmutz bewirft, mich so schlecht dastehen lässt in der Öffentlichkeit. Ich konnte nicht verstehen, wie sie als meine BFF weiter mit ihm zusammen sein konnte, habe ihr mitgeteilt, dass wir nichts gemeinsam unternehmen können, dass das einfach nicht geht. Tut also nicht so, als wüsstet ihr das nicht!

Lars und Thees schauen mich lange an, schätzen ihre Worte ab:

– Nein, wir kennen diese Version nicht, was dich etwas ehrt. Nicht überall solche Dinge hinauszuschreien, jeden mit hineinzuziehen. Doch du hättest es uns erzählen können, ja, sogar müssen. Wir sind deine Freunde. Du möchtest scheinbar nicht, dass wir dir wirklich nahe kommen.

Stimmt das, was Lars gerade äußerte?

– Ich weiß nicht. Vielleicht. Es tut mir leid. Aber erklärt mir, warum ich sonst Helene nicht in den letzten Wochen hätte beistehen sollen.

– Eben, weil du in sie verliebt bist, weil es dich zu sehr geschmerzt hätte, dass sie Liebeskummer wegen eines anderen hat. Das ist viel logischer.

Ist das Thees-Logik? Männer-Logik? Die beiden sehen nicht feindselig aus, wie sie da auf der Rastbank sitzen und sich eine Zigarette anzünden.

– Punkt 1: Ich habe ihr in dieser beschissenen Situation gleich nahegelegt, sich von ihm zu trennen, weil ich der Meinung bin, dass niemand mit so einem falschen Arschloch zusammen sein sollte. Punkt 2 folgt daraus: Da ich ihr immer wieder sagte: Mach Schluss! sie es aber nicht in Erwägung zog, weil sie die Dinge trennte, die man meiner Ansicht nach nicht trennen kann, fiel ich dann als ernstzunehmender Tröster aus. Das wusste sie genau. Und ich dachte, ihr wüsstet, dass es genau deswegen ist.

Lars bedeutet mir, ich solle mich neben ihn setzen, und als ich das tue, klopft er mir jovial auf die Schulter und bedankt sich bei mir dafür, dass ich sie nun endlich aufgeklärt habe. Ich finde es relativ merkwürdig, dass sie das mit dem Subventionieren wissen, aber nicht das andere. Thees zückt sein Smartphone und beschließt die Strategie: Er rufe die Frankfurter an, ich die Freiburger, weil ich zufälligerweise gemeinsame Bekannte mit Paula hier habe, und Lars übernimmt Facebook.

Nach einer halben Stunde sind wir drei völlig ausgelaugt, zucken nur die Schultern, weil wir keinen Zentimeter weitergekommen sind. Keinen einzigen! Niemand hat sie gesehen, niemand etwas von ihr gehört, niemand weiß etwas. Wir setzen uns wieder ins Auto und fahren zurück. Die Sonne scheint, 25 Grad Celsius zeigt das Thermometer im Auto an.

Kapitel 1, Teil 4

Er zuckt die Schultern, sagt, er muss, und Paula sagt, dass sie ihn begleiten und aufpassen werde.

– Oh, du fährst mit. Cool!

Helene sagt das ganz unschuldig, denkt sich nichts dabei, freut sich, dass Thees jemanden zum Reden hat. Wir haben herausgefunden, dass er zwanzig Minuten zu diesem Bahnhof Riegel-Malterdingen braucht.

– Ja, erstens wollte ich kurz ins Internet in Deutschland, zweitens wollen wir ja nicht, dass du deinen kleinen, hübschen Hintern hier wegbewegst.

Helly schluckt leicht, weiß nicht genau, wie sie es auffassen soll, aber bevor sie etwas sagen kann, stehen Thees und Paula auf und ziehen ihre Schuhe an. Kurze Zeit später hören wir das Auto vorfahren, sehen die Blinklichter an den Wohnzimmerfenstern vorbeihuschen.

Lars sagt:

– Habt ihr beiden Stress, Helly? Also du und Pauli, meine ich.

– Das war schon grob gerade, oder? Es liegt nicht an mir, dass ich das denke?

In ihren Augen sehe ich Tränen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, was nun kommt – ich habe keine Lust darauf, aber es ist jetzt unabwendbar.

– Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nichts richtig mache in den Augen von Paula und Fanny. Ständig kritisieren sie mich, werfen mir spitze Bemerkungen zu. Schon beim Salat anrichten vorhin hat sie mich ständig angemotzt – zu grob geschnitten, nicht sauber genug geputzt, nicht gut abgeschmeckt etc. Und das immer in so einem feindseligen Ton! Ich tue doch alles, dass  hier alles easy peasy ist, feelgood and relaxing. Oder etwa nicht?

Helene weint nun. Lars setzt sich neben sie und legt einen Arm um sie. Das war zu erwarten! Beides.

Der Alkohol! Der Helene Blues!

Ich stehe erst einmal auf, hole mir neue Eiswürfel, schütte mir Whisky in mein Glas. Mittlerweile hat sich Helly aufgerichtet.

– Ich bin es leid, dass mir ständig etwas vorgeworfen wird. Was habe ich denn so Schlimmes getan?

Ich versuche mich in die beiden anderen hineinzuversetzen:

– Reine Vermutung, aber ich denke, es sind zwei Sachen, Helly. A) findet Fanny dich, glaube ich, gerade etwas anstrengend. Du hast in den letzten Monaten ständig Krisen und sie muss für dich da sein – und ist es auch. Fanny hat aber im Moment auch nicht die beste Zeit ihres Lebens, ihr hörst du jedoch selten zu, wenn sie dir etwas ihr Wichtiges erzählen möchte. Behauptet sie zumindest. B) sind Paula und Fanny eher die verlässlichen Menschen. Wenn sie etwas zusagen, dann kommen sie beziehungsweise machen sie es. Wir beide sind da etwas anders. Deswegen haben wir zwei in der Regel keine Schwierigkeiten miteinander. Ich konnte in der letzten Zeit nicht für dich da sein, wegen ihm. Das weißt du. Und deswegen hat Fanny eben alles abgekriegt.

Lars wendet ein:

– Aber dann verstehe ich ganz gut, wieso Fanny sauer sein könnte, aber Paulita?

– Paula weiß das alles von Fanny und ist auf ihrer Seite. Paula denkt vielleicht, es wäre eigentlich die Aufgabe von der Organisatorin Helene, ihre Freundin am Bahnhof abzuholen. Erstrecht, weil Fanny in der letzten Zeit immer alles für sie hat stehen und liegen lassen.

Come on! Man kann es auch übertreiben, oder? Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten kein Ohr für euch habe. Mitja, du sagst das ja auch. Aber was soll das Aufrechnen? Wenn es mir einmal nicht gut geht … Ich versuche immer für meine Freunde da zu sein.

Sie schluchzt wieder, vergräbt sich in ihren schrecklichen Blues.

– Helene hör auf! Natürlich tust du alles dir Mögliche für deine Freunde. Wir wären alle nicht hier, wenn wir dich nicht lieben würden. Es gibt Kritikpunkte, aber auf allen Seiten. Wir sind alle etwas eigen, etwas egozentrisch gelegentlich. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Niemand sagt, dass Fannys oder Paulas Perspektive wahr ist … Du hast es geschafft, so unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Es ist nicht unsere erste Reise und es wird nicht unsere letzte sein. Bei uns MUSS es krachen, vor allem wenn du getrunken hast.

Ihre Lippen zucken, ein Lächeln deutet sich an. Ich lache in ihre Richtung:

Come on! Everything fine! Wenn die anderen kommen, sind wir wieder gut drauf. Wahrscheinlich hat sich Paula noch nicht einmal was dabei gedacht.

Meine Worte in sonstwem‘s Ohren. Gott. Paula. Oder wer auch immer diese schwelenden Konflikte ausräumen könnte.

 

Als Lars und Paula mit Fanny ankommen, spüre ich eine merkwürdige Stimmung. Sie sehen alle nicht wirklich glücklich aus. Paulita schreit ins Wohnzimmer:

– Ich zeige kurz Fanny ihr Zimmer, macht uns schon mal Drinks.

Thees setzt sich zu uns, schüttelt leicht den Kopf. Ich frage:

– Ist was?

– Nein, nein, die beiden sind nur etwas gereizt, Paulas Smartphone ging nicht so richtig, sie kam nicht ins Internet. Und Fanny hatte in der Bahn so stressige Mitfahrer – Jungs, die betrunken und pöbelig waren.

Helene sagt lächelnd, dass so etwas passieren könne. Nun schaut er sie an:

– Ist bei euch etwas passiert?

– Schmarrn, Thees! Jetzt hol mal mit den Getränken auf. Jeder muss nachher abgefüllt sein. Um Mitternacht stoßen wir dann gemeinsam auf Helene an und singen ihr ein Lied.

Lars ist sehr gut in der Rolle des Motivators. Ein paar Minuten später beehren uns die beiden anderen Damen mit ihrer Anwesenheit. Sie scheinen diskutiert zu haben. Helly umarmt sie ganz lange, beide. Da zeigt sie Größe, finde ich. Als sie wieder sitzt, sagt sie munter:

– Fanny, stell dir vor. Ich breche mir an der Kasse im Supermarkt einen mit meinem Schulfranzösisch ab, dann antwortet mir die nette Kassiererin auf Deutsch. Haha. Hier braucht man echt kein Französisch.

– Zumindest nicht die Sprache!

Fannys Humor. Wir müssen alle lachen. Fanny ist ein bisschen unsere Scherbatsky – genauso attraktiv, aber gleichzeitig ein Kumpel und sehr lustig, eine Stimmungskanone. Manchmal ist sie vielleicht zu oberflächlich, zu tussig – wenn Lars eine politische Diskussion anzettelt, schweigt sie immer und trinkt ein Sektchen.

– Und der Laden heißt Süper Ü, stellt dir vor. Haha.

– Seeeeeelfiiiiiiieeeee Time, Kinder. Ich hole kurz mal meinen Stick.

Paula ist schon resigniert:

– Oh Mann!

Selfie vor dem Kamin, lächelnd, mit Whisky in der Hand. Später werden wir uns nur an diesen „glückseligen“ Moment, wie er auf Facebook gebannt wurde, erinnern. Und nicht an unsere Konflikte … Oder?

Kurz stehen wir in der Küche zusammen, Thees und ich:

– Irgendwas war doch im Auto. Ich bin weder doof noch blind.

– Mito, es ist alles okay wieder. Ja? Lass uns auf Helene anstoßen! Habe übrigens ein bisschen Shit mitgebracht. Rauchen wir nach dem Schampus. Passt gut zum letzten Whisky des Abends.

Ich bleibe skeptisch, glaube ihm nicht. Irgendetwas ist vorgefallen, aber ich habe keine Idee was.

 

Manchmal spürt man etwas unter der Oberfläche und kriegt es ganz lange nicht zu greifen – bis es vielleicht zu spät ist …

 

Das nächste Selfie folgt beim Anstoßen auf das Geburtstagskind. Diese Porträts sind dann das Intro für unsere eigene Soap. Bei uns heißt es nicht „How I Met Your Mother“, bei uns heißt es vielleicht: „Before We Lost Something“.

 

Gruppenbild mit Paula. Es war das letzte dieser Art, aber das wussten wir da noch nicht.

Kapitel 1 Teil 3

Wir gehen zuerst nach links, wo sich zwei Schlafzimmer befinden, eines größer mit einem riesigen Badezimmer, eines kleiner. Helene entscheidet sich rasch für das erstere, Lars schaut sie fragend an, sie nickt. Thees beschließt das Zimmer nebenan zu nehmen, er beschließt, dass Fanny sich zu ihm ins Bett legen soll. Ich finde das eher merkwürdig, schließlich sind sie keine Paare, aber ich sage nichts …

Auf der anderen Seite sind weitere zwei Schlafzimmer und eine Toilette. Im ersten Zimmer steht ein altes, wunderschönes Holzbett, in das sich Paula sofort verliebt. Im zweiten ist ein kleines rosa Bad integriert. Das möchte ich haben, vor allem, weil ich zuhause keine Badewanne besitze.

Haben wir hier schon scheinbar keine Konflikte, ist es bei dem Einkaufsthema noch leichter: dass Paula und ich keine Lust haben, wird von den anderen vorausgesetzt. Wir gelten beide als launisch und manchmal etwas schwierig, womit sie wohl Recht  haben. Bei mir kommt dazu, dass ich stets blank bin, was die anderen genau wissen, insbesondere die großzügige Helene, die meinen Aufenthalt hier subventioniert. Ich bin oft viel zu undankbar ihr gegenüber! Paula merkt an, dass wir noch auf das Dach müssten, bevor sie losfahren. Es geht erst einmal durch ein bisschen Gerümpel eine Treppe hoch. Und dann stehen wir da und können unseren beiden Gärten überblicken und sogar bis zu den Vogesen bei diesem herrlichen Wetter. Paulita sagt:

– Boah, geil hier oben. Ich hole meine Sachen und lege mich mal eine Weile hin.

Ich mache es mir lieber unten gemütlich, setze mich auf die Wiese und lese eines meiner Bücher, die ich mitgebracht habe. Neben mir ein Glas Champagner. Mein Leben sieht sonst etwas … anders aus …

 

Das erste Ziel ist, mit einem Glas Cremant in der Hand Federball und Tischtennis auf unserer Wiese zu spielen.

– Immer geiler! Immer steiler!

Helene lacht, sieht unbeschwert und glücklich aus, und macht mit ihrem iPhone Schnappschüsse von Lars, Thees, Paula und mir.

– Ist das eine jeile Hütte, wa?

Sie berlinert ein bisschen, wenn sie getrunken hat. Thees, der heute noch recht nüchtern bleiben muss, weil er später Fanny abholt, flüstert uns anderen zu:

– Passt heute bitte auf, keine schwierigen Themen ansprechen. Wenigstens einen Abend sollten wir ohne Alkohol-Tränen auskommen können. Ohne Fanny sind wir ja aufgeschmissen.

Sie ist es, die Helly ein bisschen herunterbringen kann, in den Arm nimmt, sie beruhigt, ihr gut zuredet. Im Wein liegt die Wahrheit – und die Trauer, die Melancholie, die Enttäuschung über das Leben.

Charlie Chaplin sagte:

– Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist unsere Helene die sensibelste, verletzlichste von uns allen und kann das in nüchternem Zustand gut verbergen. Vielleicht verstärkt Alkohol oder auch jede andere Droge den inneren Gefühlszustand, nicht das, was man nach außen trägt, nicht die Fassade.

 

In vielen Punkten entspreche ich nicht den üblichen Männlichkeitskriterien. Ich bin in nüchternem Zustand schon so weinerlich wie andere nach Alkoholgenuss. Apropos: mittlerweile trank ich zwar Bier, jedoch mehr als Genussmittel und ich bevorzugte eindeutig kompliziertere Biere als das, was es Mainstream so gab – und damit betrinken fand ich sowieso total niveaulos. Ich habe auch keinen Bock am Grill zu stehen – danach essen gerne, aber mich da hinstellen, Feuer anzünden und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen (wie damals, als die Männchen noch die Ernährer waren und auf Jagd gingen) – das war nicht meins. Das erinnerte mich an amerikanische Serien und die Vaterfiguren, die männlich grunzten (wie Tim Allen in Hör mal, wer da hämmert) und darüber diskutierten, ob noch  mehr Grillanzünder dran und wann das Fleisch gewendet werden muss. Dafür deckte ich den Tisch, faltete die Servietten und verteilte die Blumen, die Helene im Süper Ü,  wie der Supermarkt in Marckolsheim heißt, gekauft hatte. In dieser Villa fanden sich so viele schöne Gegenstände, wenn man sich die Mühe machte, sie in den vielen weißen Schränken zu suchen. Ich fand Vasen, Kerzenständer, Kerzen, stilvolle Wein- und Sektgläser, exquisites Besteck, prächtiges Geschirr und drapierte es auf dem großen Holztisch im Wohn- und Esszimmer. Paula half Helene mit dem Anrichten der Salate und den Antipasti in den Schälchen, während Thees und Lars sich um das Grillen kümmerten.

– Wohoooooo! Amaaaaziiiiiiing! Wie schön du diesen Tisch gedeckt hast. Da müssen wir sofort Fotos schießen, mein Gott, wie schön! Ich freue mich!

So leicht ist es, Helene glücklich zu machen – manchmal beneide ich sie darum, solch kleinen oberflächlichen und doch so wichtigen Details reizend zu finden. An mir geht das leider total vorüber.

Bevor wir uns an den Tisch setzen, gibt es den gefühlt zehnten Apéritif – wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschlein weit und breit, die schon vor dem frühen Abendessen völlig hinüber sind. Aber noch stehen wir, noch reden wir halbwegs vernünftig und noch genießen wir das wunderbare Essen. Oooohhh, aaaaaaahhhhh, mmmmmmmmhhhhh machen wir alle tausendfach.

– Immer geiler!

Wir lachen wieder. Dieser Spruch wird uns wirklich hier verfolgen. Der Rotwein ist lecker, wir beschließen deswegen sitzenzubleiben, bis wir die zweite Flasche ausgetrunken haben, eine Käseplatte als Nachtisch zu essen, die hervorragend dazu passt, und von den nächsten Geburtstagen Helenes zu träumen.

– Das Gibson in Frankfurt für eine Nacht mieten? Oder doch eher in die Richtung hier: eine Hütte in den Bergen? Eine Kreuzschifffahrt auf der AIDA?

Alles erscheint gerade so easy, so nice – Helene fühlt sich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst ich spüre gerade keine Risse, keine Konflikte unter der Oberfläche. Wir genießen das Essen, Trinken, die Atmosphäre, den Luxus, unsere Privilegien …

Später setzen wir uns endlich an den Kamin, in Decken eingemummelt, denn es dauert natürlich eine Weile, bis Larsi und Helly das Holz zum Brennen bringen, am Anfang noch mit sehr viel Rauch – sie lösen sogar den eklig klingenden Alarm damit aus, der klugerweise an der Decke über dem Kamin angebracht ist. Wir müssen die großen schönen Fenster öffnen, es wird etwas kühl. Thees holt den Whisky hervor, den er seinem Vater abgeschwatzt hat. Wir haben alle keine Ahnung von diesem Getränk, denken aber, dass es dazugehört, vor dem Kamin zu sitzen und den Geist zu schlürfen.

– Mooooooment! Haben wir Eiswürfel? Im Kühlschrank gibt es kein Eisfach!

Er schreit es aus der Küche heraus.

– Im Nebenraum ist ein Zimmer mit Waschmaschine und einem weiteren Kühlschrank, Thees, da sind Eiswürfel drin!

– Mensch, Mitja, du weißt schon am ersten Abend, wo sich alles befindet.

Helene ist erstaunt. Als ich vorhin alles, um den Tisch zu decken, gesucht hatte, schaute ich überall im Erdgeschoss hinein, um eine Orientierung zu kriegen.

Ich habe den Platz ganz vorne am Kamin, in einem dieser gemütlichen Sessel, in denen man so schön einsinkt, wenn man sich hineinsetzt. Eine kuschelige Decke über mir, das Whisky-Glas in der Hand. Im ersten Moment ist das Getränk nicht nur scharf und brennt, sondern ich habe auch ein leichtes Gefühl der Übelkeit, es riecht und schmeckt so rauchig. Doch dann, als es durch meine Kehle fließt, mich von innen wärmt, ich den würzigen Nachgeschmack spüre, finde ich Gefallen daran, möchte einen weiteren Schluck trinken. Langsam gewöhne ich mich daran. Vielleicht ist aus mir doch noch ein wahrer Gentleman herauszuholen?

Thees beobachtet mich:

– Na, Mito, schmeckt dir der gute Tropfen?

Das Interessante an meinem Namen ist folgendes: Eigentlich heiße ich ja Dimitri, nach meinem Opa, allerdings gefiel mir der Name nie besonders, auch nicht die Abkürzung Dima. Es gibt aber noch Liebkosungen wie Mitja, die häufigste, oder Mitko und Mito. Dimitri oder Demetrius stammt von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.

– Danke. Ich glaube, dein Vater hat einen exquisiten Geschmack.

– Davon kannst du ausgehen!

Er schmunzelt. Und ich denke: Ja, das wissen wir. Thees‘ „Stiefmutter“ ist jünger als er, ein hübsches Ex-Model, ein Starlet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch er etwas zu viel getrunken hat, deswegen frage ich ihn:

– Kannst du überhaupt noch fahren?

Kapitel 1 / 1.Teil

1

Meine liebe Freundin Helene hatte es sich so entspannt und gemütlich, so cozy, vorgestellt, so anders als unsere sonstigen Geburtstagsfeiern. Ihren Dreißigsten wollte sie in dieser komfortablen Villa im Elsass begehen und nicht in der Großstadt an irgendeinem hippen place to be. Ihre engsten Freunde sollten alle fern ihres Alltags mit ihr zusammen sein, am Kamin auf sie anstoßen, mit einem Whisky oder Champagner, ihretwegen auch einem Cremant, sie sollten alles andere um sich herum vergessen. Dass eine Person von diesem Ort nicht mehr in die gemeinsame Heimat zurückkehren – fern bleiben – würde, das hatte sie sich selbstverständlich nicht vorgestellt …

Ein bisschen ärgert uns, dass das Wetter so wunderschön ist, als wir an diesem Donnerstagmittag in Frankfurt losfahren. Niemand von uns hat Lust, die nächsten drei Stunden in einer Blechkiste zu verbringen. Doch je früher wir fortkommen, desto früher können wir im Elsass chillen und unseren ersten Apéritif im Garten zu uns nehmen. Das muss Motivation genug sein. Wir teilen uns in zwei Autos auf: Helene und ich fahren in ihrem roten Austin Mini, während Paula, die aus der Freiburger Gegend stammt und damit die größte Elsass-Kompetenz aufweist, sich zu Thees und Lars in den schicken, schwarzen SLK des ersteren setzt. Sie hatte kurz gezögert, sich gefragt, ob sie nicht besser uns begleiten sollte, das sah ich in ihrem Blick. Plötzlich ist da so ein Gefühl und eine Frage blitzt in mir auf: Hatten sie mal einen Dreier? Oder läuft irgendetwas anderes zwischen ihnen, von dem ich nichts weiß? …

Doch es trifft sich ganz gut, dass sie nicht in unserem Wagen sitzt, denn zwischen Helene und mir herrscht das erste Mal – und das seit längerer Zeit – dicke Luft, die wir vielleicht in diesen nächsten Stunden bereinigen könnten. Das wäre wenigstens eine Baustelle weniger für sie, die sich das alles so relaxing vorgestellt hatte, damals kurz nach Silvester, als sie uns fragte, ob wir an diesem verlängerten Wochenende Zeit für sie hätten. Sie hatte aber nicht mit dem Leben gerechnet, das einen manchmal aus der Bahn wirft – es war so einiges passiert.

Jesus war vor drei Tagen auferstanden und wir reisen gerade  ins vermeintliche Paradies.

– Mitja, ist alles easy zwischen uns?

Sie macht sich Sorgen, dass sie mich in den letzten Wochen vernachlässigt, keine gute Freundin gewesen sei, meine BFF  – zumindest hatte sie diese Abkürzung unter ein gemeinsames Selfie auf Instagram gehashtagt.

Ich fragte sie damals:

BFF? Was soll das sein?!

Ob ich das nicht aus den amerikanischen Serien kenne:

– BFF = Best Friends Forever

Tatsache, darauf hatte ich noch nie geachtet. Helene war für mich immer schon so american gewesen, fern meiner eigenen Herkunft – Klassenfeinde nennen es meine Eltern. Wir waren in den frühen Neunzigern aus Kasachstan nach Deutschland immigriert, so richtig angekommen sind die beiden nie. Helene jedenfalls ist für mich wie die andere Seite der Medaille. Ich bin der verrückte, mittel- und erfolglose Künstler, Prekariat, während sie im Marketing in einer Kunsthalle arbeitet, in dem die Arrivierten ausstellen – die, die ihre Kunst für viel Geld verkaufen können. Sie verdient sicher auch nicht die Welt, hat jedoch anders als ich reiche Eltern. Manchmal werde ich von ihrem Arbeitgeber beauftragt, beim Ausstellungsaufbau zu helfen, bei der Hängung. Einmal hatte sie mich für eine Kunst-Aktion verpflichtet, als Statist.

Sie möchte mir immer wieder helfen, mich unterstützen, das kann ich sehr wohl (an)erkennen.

Die letzten Wochen hatte ich große Schwierigkeiten, mein Leben in den Griff zu bekommen – alles schien mir zu entgleiten. Von ihr war in dieser Zeit kaum etwas zu erwarten, sie beschäftigte sich gerade viel zu sehr mit sich selbst, musste ihre Trennung verarbeiten und hatte viel Stress im Job. Das war so, und beim Liebeskummer konnte ich ihr wirklich nicht weiterhelfen, das hatte sich aus Prinzip verboten …

Helene blickt mich von der Seite an, als erwarte sie etwas von mir. Sie sieht sehr gut aus mit ihrer neuen Frisur, ein bisschen old fashioned, ein bisschen Audrey Hepburn. Die Brille in ihrem Haarschopf hat einen Goldrand, ihre Kette ist aus dem gleichen Metall, die Seiden-Bluse einfach und cremefarben, ihre dunkle Bundfaltenhose ist sehr Business und ihre klassischen, schwarzen Leder-Slipper sind sicher von Joop. Sie trägt nur ein leichtes Makeup, kaum sichtbar, ihre Lippen sind glossy.

– Hör zu, Helly, bei uns war das immer schon so. Mal haben wir fast täglich miteinander zu tun, mal eine Zeit lang fast gar nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass du dich besser in mich hineinversetzen könntest, klar, aber ich konnte ja die letzten Wochen auch nicht für dich da sein.

Sie konzentriert sich auf die Fahrbahn, setzt den Blinker, wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen, den anderen folgen. Sie beißt sich auf die Lippe, sagt dann angespannt:

– Mitja, ich möchte nur nicht, dass es sich auf die nächsten Tage auswirkt. Mir ist das wichtig und ich freue mich seit Wochen darauf. Really!

Vielleicht hätte sie besser gesagt, dass sie mich nicht verlieren möchte, denke ich. Bin ich zu sensibel? Eine Zeit lang lag es in der Schwebe, ob ich mitfahre. Ihr Ex sollte eigentlich mit …

– Es wäre nicht wirklich glaubwürdig und hilfreich gewesen, wenn ich etwas zu deiner Trennung gesagt hätte.

Ich sehe ein kurzes Zucken im Mundbereich, ein angedeutetes Lächeln:

– In der Tat … Es fühlt sich etwas strange an, mit dir alleine im Auto zu sitzen und darüber zu reden.

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich mir wünsche, dass wir schöne Tage miteinander verbringen und dass dies sicher nicht an mir scheitern werde. Helene freut sich sichtlich, streckt mir ihre Faust entgegen und sagt check, was ich erwidere. Sie spielt an der Musikanlage, wählt Moloko – unsere gute Laune-Auto-Musik, seit jeher.

– Selfie-Time!

Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, sie, wie sie das Auto fährt, und mich (oder zumindest mein Gesicht) auf ein Foto zu bekommen – nicht ganz einfach, aber wofür bin ich Künstler. Es gelingt mir. Helene lächelt zum Glück hübsch darauf, ich verziehe wie immer meine Fresse. Ein befreundeter Journalist schrieb einmal auf Facebook, dass ich auf jedem Bild ein Duckface mache.

– Zeig mal!

Sie ist zufrieden und fordert mich auf, es auf Instagram und Facebook zu posten.

– Ich bin gespannt, ob die anderen unser Posting beantworten.

– Wurstkette!

Das schreie ich heraus. Sie daraufhin noch lauter:

– Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuurstkeeeeeeettttttttttteeeeeeeeeee!!!

Wir saßen einst bei einem Essen bei Helene – sie, Thees, Lars, Paula, Fanny und ich – und wollten alle gemeinsam etwas posten. Wir beschlossen, dass jede/r das Wort Wurstkette auf die eigene Pinnwand schreiben sollte, mit Markierung der anderen natürlich. Und wir mussten das alle bei jedem anderen liken. Seitdem schreien wir uns immer zwischendurch Selfie-Time oder Wurstkette zu. Niemand versteht uns, wir müssen aber immer wieder minutenlang darüber lachen.

Tatsächlich hagelt es von unseren Freunden im SLK (diese Protzer, ey!) rasch Kommentare. Sie antworten ihrerseits mit einem professionellen Selfie, auf dem wir Paula in der Mitte sehen und Teile der Köpfe der beiden Männer, den Innenspiegel und die Autobahn im Hintergrund.

– Mal schauen, wer mehr Likes kriegt.

Helene lacht und denkt sich gewiss, dass wir klar im Vorteil sind. Zwar ist Paula unsere Social Media Expertin, macht dies sogar beruflich, aber ich bin ein Künstler, der sehr viel mit diesen Netzwerken arbeitet und eine nicht kleine Anhängerschaft um sich geschart hat. Ohne angeben zu wollen.

Unsere weitere Fahrt ist entspannt, zwischendurch ändere ich die Musik, in dem ich die Anlage mit meinem Smartphone kopple – ein bisschen Gogol Bordello muss jetzt sein. Kurz vor Frankreich schalte ich in den Flugmodus, ich habe mir vorgenommen, die Tage gar nicht ins Internet zu gehen. Könnte mir auch mal guttun, denke ich.