Kapitel 2 Teil 5

– Immer geiler! Immer steiler!

Die Damen liegen auf der Wiese, die Musik im Wohnzimmer ist laut aufgedreht, es hört sich wie CRO an. Sie gackern und scheinen richtig gut drauf zu sein. Wir beschließen mit dem Anruf bei der Polizei noch eine halbe Stunde zu warten. Zu betrunken sollte niemand von uns sein. Wir sagen ihnen, dass sie mal kurz ausnüchtern, vielleicht ein bisschen dösen sollten. Aye aye, sagt Helly und nickt auch gleich auf ihrer Decke ein. Lars erklärt, dass das mit den 24 Stunden bei Vermisstenmeldungen nicht stimme, das sage man nur so in Krimis. Wenn die Gefahr für Leib und Seele groß erscheint, sollte man die Polizei lieber umgehend benachrichtigen. Wir glauben alle, dass es nun Zeit dafür ist. Lars ruft an, erklärt den Sachverhalt. Nachdem er aufgelegt hat, sagt er, dass in einer Stunde jemand komme und meint, dass es sicher okay sei, wenn wir einen Gin Tonic mit Gurke zu uns nehmen und uns auf die Terrasse zum Musik hören setzen. Allerdings mit etwas anderer Musik, chilliger, sagt er, und läuft zur „Anlage“, während Thees die Drinks zubereitet.

Es ist merkwürdig. Ich habe nichts verbrochen, mir nichts zuschulden kommen lassen – trotzdem bin ich total aufgeregt, weil die Polizei gleich da sein und uns ausquetschen wird. Mich hat meine Jugend in Deutschland etwas geprägt, für mich sind diese Polizisten nicht meine Freunde, es sind eher die, die mir und meinen Kumpels immer unterstellten, etwas geklaut, zu viel getrunken oder jemanden verprügelt zu haben. Weil wir verdächtig ausschauen. Weil wir Aussiedlerdeutsche sind. Und die sind ja bekanntlich alle kriminell. Wie oft wurde ich ungerechterweise kontrolliert, während Bio-Deutsche null beachtet wurden, in Zügen, an Abenden auf Marktplätzen …

Wir kochen Kaffee, bereiten die große Tafel im Esszimmer vor, ein paar Kekse stellen wir auch auf den Tisch. Helene lässt sie herein, als sie klingeln, sie wirkt schon wieder ganz damenhaft und „normal“. Sie führt die zwei Polizisten in das Ess- Und Wohnzimmer. Die Frau und der Mann zeigen sich beeindruckt von dem Prunk. Sie setzen sich, Helene bietet ihnen Kaffee und Wasser an, sie möchten beides. Zuerst nehmen sie unsere Personalien auf, danach lassen sie sich von Helene die ganze Geschichte erzählen. Ich schaue mir die beiden an, sie sind beide auf ihre Weise attraktiv und sehen sehr sympathisch aus: sie scheint etwas jünger als er zu sein, ich schätze sie auf Ende Zwanzig, ihn auf Anfang Dreißig. Sie trägt Pferdezopf und ist nur leicht geschminkt, sehr schlank, vermutlich durchtrainiert. Er ebenso, allerdings hat er dunkelblondes kurzes Haar, blaue Augen und ein breites Lächeln, das er häufig einsetzt, während sie zwar freundlich, aber konzentriert schaut. Thees ergänzt die Erzählung um unsere Suche und unsere Telefonate. Lars weist auf das Smartphone und die Klamotten in ihrem Schlafzimmer hin. Thees sagt, dass wir alles angefasst haben, das Smartphone, um zu schauen, ob uns das weiterhelfen könnte und natürlich hatten wir es gestern Abend sicherlich alle mal in der Hand, um Fotos zu schießen oder die Musik zu ändern etc. Er erwähnt gleich, dass es sehr seltsam sei, dass so vieles gelöscht wurde.

– Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Polizistin schaut uns der Reihe nach an, nicht böse, nicht so, als hätte sie uns für irgendetwas im Verdacht, einfach nur neugierig. Bereits die ganze Unterhaltung über wirken sie sehr neutral, fast schon wohlwollend. Doch wir zucken alle mit den Schultern.

– Es ist absurd! Logisch betrachtet müsste das ja jemand von uns gemacht haben. Aber wieso?!

Helene schaut die Polizistin an, möchte jeglichen Verdacht ausräumen:

– Wir alle lieben Paula und sind von ihrem Verschwinden total erschüttert. Es muss wirklich etwas passiert sein, nur haben wir keine Vorstellung was.

Sie sagt es mit fester Stimme, wahrscheinlich möchte sie am liebsten heulen. An ihrem Geburtstag. Helene Blues

– Das glaube ich gerne, Frau Sonntag. Gerade an so einem Tag. Das tut mir wirklich leid für Sie, für sie alle.

Er schaut dabei so nett, so unschuldig aus.

– Gab es denn Streit? Unstimmigkeiten?

Wir verneinen es.

– Keinen Grund, warum sie verärgert, deprimiert, traurig gewesen sein könnte? Keinen Grund, warum sie von sich aus Knall auf Fall gegangen sein könnte?

Das fragt er. Sie nimmt eine andere Perspektive ein:

– Oder haben Sie in der Nacht oder am frühen Morgen Geräusche gehört? Ist jemand in das Haus eingedrungen? Sind irgendwo Einbruchsspuren zu finden?

Wir erklären, dass wir nirgends nur eine Spur davon gefunden haben, es aber ein Leichtes gewesen wäre, den Zweitschlüssel aus unserem Versteck vor der Türe herauszufischen, und dass wir vielleicht sogar ein Fenster unten auf hatten, durch das man bequem ins Haus gekonnt hätte. Wir haben uns nichts dabei gedacht hier im Elsass. Die beiden Polizisten schütteln gutmütig den Kopf.

– Alkohol oder sonstige Drogen waren nicht im Spiel?

Jetzt werden wir wahrscheinlich allesamt rot. Wir brauchen gar nichts sagen.

– Etwas Hartes?

Wir schütteln alle unschuldig den Kopf, nein, Paula hatte gelegentlich gekokst und andere Dinge genommen, aber wir sind uns alle sicher, dass sie gestern in der Hinsicht clean war.

Die beiden erklären, dass sie alles mitnehmen werden, die Techniker würden sich das Smartphone mal genauer anschauen. Wir sollten weiterhin Kontakt mit Frankfurt und Freiburg halten, am besten in der Nähe bleiben und noch nicht abreisen – vielleicht habe sie ja echt nur einen Ausflug alleine machen möchten. Die andere Möglichkeit … setzt die Polizistin an, spricht aber dann nicht weiter.

– War sie denn aus Ihrer Sicht labil? Hatte sie besondere Probleme in letzter Zeit? Job verloren, Schulden, Trennung oder so etwas in die Richtung?

Wir verneinen alles, auch als sie nach Depressionen oder sonstigen psychischen Störungen nachfragt. Dann sammeln sie alles ein, geben uns ihre Kärtchen und wünschen uns viel Glück.

Ich weiß nicht, was sie denken, was sie annehmen, weiß nicht, was sie von uns halten, weiß nicht, was wir denken, annehmen, von uns halten …

 

Als sie weg sind, setzen wir uns alle draußen auf die Terrasse mit neuen Gin Tonics und stoßen darauf an, dass wir das gut herumgebracht haben. Als wir Hunger kriegen, macht sich Helene auf den Weg in die Küche, um die Salate und das Gemüse vorzubereiten, Thees und Lars kümmern sich wieder um das Grillen. Fanny und ich bleiben zunächst sitzen.

– Weißt du, warum Helene so genannt wurde?

– Wegen der mythischen Helena? Sie soll die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein.

– Genau. Väter wünschen sich, die schönsten Töchter der Welt zu haben. Findest du sie schöner als Paula und mich, Mitja?

– Um ehrlich zu sein …

Sie lächelt, während sie eine Gurkenscheibe aus dem Glas fischt.

– Natürlich findest du sie am schönsten. Du liebst sie. Sie erzählte mir einmal, dass es verschiedene Auslegungen des Mythos gibt. Ist sie eine lüsterne Frau, die mit einem schönen Mann durchbrennt, oder ist sie die brave, ergebene Frau, die geraubt wird?

– Wieso erzählst du mir das, Fanny?

– Unter uns drei Mädels hatten wir das immer als Codewort: Die drei Helenas.

Ich schaue sie erstaunt an. Was möchte sie mir damit sagen?

– Darf ich meine Frage von gerade eben wiederholen?

Sie steht auf. Ich sitze nah genug, um sie am rechten Handgelenk anzufassen und wieder hinunterzuziehen:

– Warte! Erklärst du es mir?

Fanny möchte mir darauf keine Antwort geben. Vielleicht jedoch auf die nächste Frage:

– Wieso wart ihr so merkwürdig drauf, nachdem du abgeholt wurdest?

Ich merke, wie sie sich versteift, genervt ist:

– Die beiden hatten schon vorher Stress, unter anderem weil Paula, diese Süchtige, Probleme mit ihrem Smartphone hatte und sie war vorher mit Helene aneinandergeraten. Ich war eh schon genervt von diesen dummen Kindern im Zug, die betrunken rumgegrölt haben, dann kam mir noch Thees mit seiner dämlichen Begrüßung in die Quere, so machomäßig zu entscheiden, dass wir ein Bett teilen. Hätte ja sein können, dass ich vielleicht lieber alleine schlafen möchte. Oder lieber mit einer meine Freundinnen.

Jetzt steht sie endgültig auf, sagt:

– Lass uns schauen, ob wir Helene helfen können.

 

Später sitzen wir gesättigt am Kamin, rauchen eine Tüte, trinken Cremant und fragen uns, wie das Wochenende weiter gehen soll. Vielleicht liegt es daran, dass wir so breit sind, aber wir haben das Gefühl, dass schlechte Laune, Trauer und Angst uns Paula nicht zurückbringen werden. Wir MÜSSEN weiterleben. Wir wissen alle nicht, was geschehen ist, können es nicht zurückdrehen. Wenn wir nach Frankfurt zurückfahren, dann ändert es gar nichts. Plötzlich fangen wir auch wieder an, Selfies zu schießen und zu vergessen, dass uns eine Person fehlt. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist der Mensch so.

In dieser Nacht ändert sich die Zimmeraufteilung. Ich bleibe in meinem, genauso wie Helene, alle anderen wechseln aber: Fanny nimmt das Bett von Paula, Lars schläft neben Thees. Was wir alle mit schlüpfrigen Bemerkungen quittieren.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder draußen beim Frühstück und Helene platzt damit heraus, dass sie die ganze Nacht Alpträume hatte, von der SS, vom Verschwinden Paulas, von Vergewaltigungen – sie möchte einfach nur weg. Es mache sie traurig.

– So marvelous ich es mir vorgestellt hatte, so marvelous es hier hätte sein können, es sollte wohl anders laufen. Too bad!

Wir müssen die Küche ein bisschen sauber machen, das Geschirr spülen und einräumen, die Betten abziehen, unsere Sachen packen. Das tun wir alles konzentriert und schweigsam und so haben wir das rasch erledigt.

Dieses Mal fahren Helene und Fanny in einem Auto, während ich mich zu den Jungs geselle. Wir hören laut Musik und geben uns unbefangen. Es ist wie es ist, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, oder auch: „Lebbe geht weider“, wie der berühmte Frankfurter Fußballtrainer Stepi (Dragoslav Stepanović) einst sagte.

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Kapitel 2 Teil 3

Trifft das in unserer Konstellation zu? Ich beobachte meine vier Freunde. Lars und Thees gehen voller Spannung in Richtung Tür, möchten aufbrechen, während Helene und Fanny mittlerweile am Tisch sitzen, ihren Cremant schlürfen. Sie werden die Stellung halten, sagen sie, wie es sich gehört, denke ich. Schon seltsam. Und ich stehe dazwischen. Tröste ich die beiden Frauen? Fahre ich mit den Männern und suche die Verschwundene? Worauf ich keine Lust habe …

– Mitja, fahr mit den anderen mit. Wir legen uns in den Garten und betrinken uns wie Patsy und Edina. Thees hat uns noch eine Flasche Bollinger kalt gestellt, der Gute!

Fanny lacht, als Helene das sagt, knufft sie in den Arm.

Wir sind eine Generation der popkulturellen Verweise. Ständig referieren wir in Gesprächen auf etwas anderes, ahmen unsere Vorbilder nach – oder persiflieren sie. Taten das unsere Eltern auch? Im Moment scheint uns diese Referenz zu retten: wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen und lenken uns damit ab. Es gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, den Glauben, etwas kontrollieren zu können, vielleicht.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in einem SLK gefahren bin, meine wenigsten Freunde fahren ein Auto, wir sind urban, wir fahren mit dem Rad oder den Öffentlichen – und in Frankfurt können wir auch oft einfach laufen, die Entfernungen sind meist nicht besonders groß. Fühlt man sich in so einem Schlitten anders? Deplatziert zumindest. Wir fahren den Kieswagen entlang. Lars sagt kichernd:

– Vielleicht ist sie ja am Ende des Gartens, direkt bei der Straße, und wir haben sie nicht gesehen. Haha.

– Der Garten ist so groß, dass wir es wahrscheinlich kein einziges Mal schaffen, von einem Ende des Gartens zum anderen zu laufen!

Thees fällt in das Lachen mit ein. Wenn man sie hier vergraben hätte … Mich schaudert es bei diesem Gedanken. Mitja, rufe ich mir innerlich zu, mal den Teufel nicht an die Wand. Es wird alles gut!

Wird es das wirklich – oder wird Helene an dieses Wochenende als den Horrortrip ihres Lebens zurückdenken?

Wir fahren über eine kleine Brücke, ich halte links und rechts Ausschau nach Paula, da geht jeweils ein Pfad entlang, ich sage den anderen, dass wir da vielleicht später mal entlang laufen könnten. Sie nicken wenig begeistert. Wir fahren auf den 50 Meter hohen Wasserturm zu, biegen dann links ab, in eine kleinere Straße mit kleinen Häuschen, Hunden und Dorfidylle, bunt und harmlos. Wir sehen kaum Menschen draußen. Warum eigentlich?

Wir wissen nicht, wo wir hinfahren sollen, überlegen, erst einmal Richtung Süper Ü zu cruisen, obwohl kein normaler Mensch dorthin laufen würde, es ist viel zu weit und es gibt auch keinen Bürgersteig. Auf dem Weg können wir Ausschau halten – wir haben sonst ja keinen Plan …

Apropos Plan: Vielleicht wäre es schlauer, wenn wir nach Deutschland fahren würden, um dort Leute zu erreichen, die Paula gut kennen, angefangen bei den Freiburgern. Ich mache den anderen den Vorschlag, die ihn absolut vernünftig finden, aber wir sollten uns noch wenigstens ein bisschen umschauen und für Getränkenachschub sorgen, ergänzt Thees. Es ist schön hier in der Gegend, dörflich, ruhig, viel Natur, denke ich. Aber mit der Zeit würde ich hier verrückt werden …

– Hattet ihr zwei eigentlich Sex mit Paula?

Das mit dem Dreier möchte ich doch gerne herausfinden, wenn wir unter uns sind.

– Mitja, verkauf‘ uns nicht für dumm! Wir hatten alle Sex mit Paula, Fanny und Helene in den letzten Jahren. Und das weißt du genau, weil deine BFF dir alles erzählt! Warum willst du das überhaupt wissen?

Lars ist mittlerweile genauso ungehalten wie Thees.

– Erstens: ich hatte keinen Sex mit ihnen –

– Und auch das wissen wir von Helene!

Thees ist wütend rot im Gesicht.

– Zweitens: meinte ich einen Dreier.

– Detektiv Mitko, ich frage dich nochmals: Was sollen denn diese Fragen? Möchtest du uns unterstellen, dass wir etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben, weil wir einen Dreier mit ihr hatten? Das wird immer absurder hier!

Er schaut nach hinten, funkelt mich böse an. Ich weiß, dass ich nerve, aber ich möchte das alles verstehen – wieso sie verschwunden ist, was ihr zugestoßen sein könnte, ob die Clique eine Mitschuld oder sogar die alleinige Schuld trägt. Verdammt, ich komme nicht klar auf diese Situation.

WAS IST PASSIERT?!

– Tut mir Leid, Jungs, ich will doch das alles nur verstehen.

– Mitko, mein Freund, für uns ist das auch nicht leicht, und es wird ganz sicher nicht leichter für uns, wenn du glaubst, dass WIR etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnten. Kannst du jetzt bitte den Polizei-Modus aus- und den Freundesmodus wieder einstellen? Bitte, Mitko!

Lars, der Motivator, der Moderator – er sagt etwas Mediatorisches und lässt mich gleichzeitig als der Freundesverräter dastehen. Sauber!

Wenn die beiden etwas damit zu tun haben, sollten sie sich aber seeeeeeeehr warm anziehen.

Wir kommen am Parkplatz des Süper Ü an, gehen in diesen normalen französischen, für deutsche Verhältnisse großen Supermarché hinein, an einer „Gemischtwaren“-Abteilung vorbei, in der es zum Beispiel massig Espadrilles gibt (mit denen sich die Damen gestern schon eingedeckt hatten), Grillbesteck, Gartenzubehör, Spielzeug etc. Thees und Lars laufen zielstrebig zu den Alkoholika und nehmen einen Karton Cremant und zwei Gin mit, sie weisen mich an, mehrere Flaschen Tonic Water zu holen. Dann gehen wir zum Metzger und holen Steaks und Merguez zum Grillen. Kaufen Salat und eine Gurke für den Gin Tonic. An der Kasse müssen wir eine Weile stehen, elsässische Gemütlichkeit nennt man das wohl. Ein bisschen mit den Kunden reden, feststellen, dass die falschen Tomaten abgewogen wurden, Moment, die Kassiererin läuft oder vielmehr schlendert selbst zur Gemüseabteilung, um bei der Rückkehr anzumerken, dass sie tatsächlich so teuer sind wie auf dem Preis vermerkt. Gut gemeint, möchte ich mal sagen. Im Aldi haben sie in der Zeit schon fünf Kunden abgezogen, mindestens. Doch da gehe ich auch nicht gerne einkaufen, ästhetisches Empfinden und Feingefühl sind beim Einkaufen mit dabei, selbst wenn das Geld nicht im Überfluss vorhanden ist …

Auf der Strecke zurück fahren wir ein paar Umwege und Schlenker. Wenn wir Cafés sehen ein bisschen langsamer – so viele gibt es noch nicht einmal hier, dafür einige Döner Läden.

– Darf ich dich mal investigativ fragen, wieso du dich so seltsam verhältst, Mitko?

Kapitel 2 Teil 2

– Tja, ich fürchte aus unserem ‚immer geiler‘ wird etwas anderes, ‚immer gruseliger‘ vielleicht.

Sie kommt mir näher, ich nehme sie in den Arm, lasse sie an meiner Schulter weinen. Mist! Jetzt läuft es auch bei mir. Ich meine, noch ist nichts vorgefallen: Warum denken wir das Schlimmste?!

Wir schreien alle paar Minuten ‚Selfie‘ und ‚Wurstkette‘, wenn wir beieinander sind, wir motzen, wenn wir nicht ins WLAN kommen, und wir denken das Schlimmste, wenn jemand sein Smartphone liegen gelassen hat …

It‘ s a fucking nightmare!

– Helene, wir müssen uns wieder beruhigen, vielleicht gibt es für all das eine gute Erklärung. Lass uns mal weitersuchen. Ja?

Sie nickt schluchzend, ich hole ein Taschentuch aus der Hose und reiche es ihr, sie nimmt es dankend und schnäuzt laut hinein. Ich streiche ihr kurz zärtlich über die Wangen, sie versucht tapfer zu lächeln. Shit! So sollte ihr Geburtstag wirklich nicht sein!

Wir schauen uns weiter um, aber finden nur das 1000er Puzzle mit dem süßen Elefantenmotiv, das Paula mitgebracht und auf das sie sich so gefreut hatte. Sie wollte es mit Fanny und Helly zusammen machen. Es liegt auf einer hübschen antiken Kommode. Unsere Gastgeberin blickt darauf und die Tränen rollen erneut. Ich verstehe sie, aber es bringt uns gerade nicht weiter. Trotzdem gehe ich auf sie zu und nehme sie erneut in meine Arme. Lange Zeit hatte ich mir verboten, sie so intim zu berühren, bis gestern Nacht am Kamin, bis jetzt eben, sonst hatte ich sie nur flüchtig bei Begrüßungen und Verabschiedungen umarmt und leicht geküsst. Es fühlt sich gut an, sie in den Armen zu halten, ihr Beschützer zu sein – obwohl die Situation gerade nicht die schönste ist. Wir hören die anderen die Treppe hinuntergehen, es sind keine beschwingten Schritte, eher die von mitfühlenden Elefanten, die in ihrem Sozialverhalten dem Menschen so ähnlich sind –zum Beispiel in der Trauer um verstorbene Artgenossen. Lars sagt:

– Das Bett ist ungemacht, vermutlich hat sie darin geschlafen. Der Rest sah ordentlich aus. Es scheint alles noch da zu sein, aber keine Ahnung. Vielleicht hat sie ja etwas aus den Taschen mitgenommen.

Er zuckt mit den Schultern. Woher sollen wir wissen, was sie alles in ihrem Gepäck hatte. Nach wie vor besteht die Möglichkeit, dass sie einfach nur alleine nach Marckolsheim wollte, einen Kaffee trinken, entspannen, Ruhe vor uns allen haben.

– Habt ihr etwas gefunden?

Helene antwortet für uns:

– Fanny, ihr Smartphone liegt noch an der Anlage.

– Oh nooooooooooooooooooooo!

Sie wird augenblicklich blass und man sieht den Schrecken in ihren Augen.

– Habt ihr es gecheckt? Vielleicht finden wir darauf Informationen.

Lars bleibt ruhig und vernünftig, läuft zielgerichtet auf das Smartphone zu, nimmt es in die Hand und drückt ein paar Knöpfe.

– Merkwürdig.

– Was?

Helene schaut ihn aufgeregt an, möchte wissen, was er entdeckt habe.

– Keine SMS im Speicher. Whatsapp scheinbar deinstalliert. Bilder und Videos gelöscht. Nur noch Musik ist drauf. Und der Anruf von Thees. Der Rest der Telefonliste ist auch spurlos verschwunden.

– Und die Facebook-App? Instagram? Snapchat vor allem? Paula hat immer ganz viel auf Snapchat gemacht!

– Verrückt! Alles weg, selbst Tinder. Wie kann das sein?

Wir schauen uns alle verwirrt an. Ja, wie kann das sein?

Thees sagt ruhig:

– Sie hatte doch gestern diese Probleme mit dem Smartphone, wie ihr wisst. Vielleicht …

– Thees, das ist doch absurd! Man löscht doch keine Apps, Bilder und Nachrichten in so einem Fall. Und die Telefonliste?

– Ja, ich weiß es doch auch nicht, Helene!

Lars schaut ihn eindringlich an:

– Du bist unser IT’ler, du müsstest doch das alles wieder zurückholen können, was sie da gelöscht hat. Oder irgendwer.

– Lars! Ich werde da gar nichts dran machen. Stell dir vor, wenn wir die Polizei rufen müssen. Wir sollten ihre Sachen jetzt alle schön in Ruhe lassen und warten.

Er schüttelt den Kopf, während er das sagt, dann schaut er uns alle der Reihe nach an.

– Die Polizei? Rufen wir sie jetzt an?

Fanny ist ganz aufgelöst, weiß nicht mehr weiter. Wir stehen alle vor dem Kamin, wissen nicht, wohin mit uns. Was macht man in so einer Situation?

– Ich schlage vor, dass wir uns in der Gegend umsehen, wir fahren mit dem Auto rum und suchen sie. Wer kommt mit?

Thees ist nun ganz pragmatisch, er hat in der nächsten Minute den Schlüssel in der Hand. Er sagt, dass mindestens eine Person da bleiben sollte, falls sie doch zurückkehrt. Lars erwidert:

– Du hast Recht. Aber eine Sache haben wir noch nicht gecheckt: wir waren immer noch nicht im Keller!

Fanny und Helene schütteln den Kopf, sie wollen nicht mit. Die Treppe hat ein kleines Gitter, damit kein Kleinkind hinunterstürzt. Überall gibt es so kleine familienfreundliche Gimmicks in dieser Villa, sogar ein Babyhochstuhl zum Essen. Wir drei Männer gehen die Treppe hinunter ins Ungewisse. Stairway to heaven und Highway to hell fallen mir dazu unpassenderweise nur ein … Natürlich ist der Keller wie jeder Keller, aber angesichts der Größe des Gebäudes ist so viel Platz da, dass man …

– Genial für einen kleinen rave. Stellt euch vor: der Schießanlagen-SS-rave!

Nun stauche ich Lars für seine unpassenden Äußerungen zusammen, man kann es echt übertreiben in so einer Situation der Sorge. Ich sage ihm, dass er weitersuchen solle.

– Da ist das Gerät, das ich als einziges gehört habe in der letzten Nacht.

Thees zeigt auf die riesige Lüftungsanlage, die vor sich hin stöhnt. Das ist das einzig Bemerkenswerte, das wir hier unten finden. Ich möchte zwar gerne sofort wieder hoch, aber ich schaue die beiden Jungs an, sage:

– Unter uns: Was ist los? Ihr seid mit Paula hierher gefahren. Du, Thees, bist mit ihr gestern Abend auf der Hinfahrt alleine gewesen. Und entweder da oder bei der Rückfahrt ist etwas vorgefallen.

Er funkelt mich ganz böse an, macht einen Schritt auf mich zu, seine roten Haare fallen in die Stirn, er bleibt plötzlich ruckartig stehen, etwa einen knappen Meter vor mir, wütend schreit er:

– Was willst du denn von mir, du kleiner Möchtegern-Künstler?! Warum unterstellst du mir dauernd so `nen Scheiß?! Ich habe rein gar nichts damit zu tun und weiß echt nicht, was das soll!

Möchtegern-Künstler? So denkst du also über mich, Thees? Autsch! Das ist nicht schön! Lars blickt zwischen uns beiden hin und her.

– Hört auf damit, beide! Das bringt uns null weiter! Thees, Mitja möchte nur Licht ins Dunkel bringen (haha, im Keller!), und Mitja, Thees hat das gerade nicht so gemeint. Unsere Nerven liegen blank.

Der Motivator und Aufmunterer schlägt wieder zu, der gute Larsi. Mich verletzt das wirklich. Denkt Thees wirklich so über mich? Und denke ich etwas Schlechtes über ihn? Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl, was ihn und Paula angeht. Ist das unfair? Ich entschuldige mich bei ihm. Und dann kommt er mir noch näher, umarmt mich kurz.

– Alles cool. Ich habe es gerade echt nicht so gemeint. Es kam nur etwas schräg rüber von dir. Da ist echt nichts gewesen. Paula hatte Probleme mit dem Internet, ich habe ihr in dem Moment, in dem sie gereizt war, gesagt, dass sie auch mal ein paar Stunden ohne ständiges Whatsappen, Simsen, Snapchatten und Bilder auf Facebook hochladen aushalten könnte. Und dann war sie sauer auf mich, die kleine Prinzessin. Und Fanny war sauer, weil ich ihr zur Begrüßung flapsig mitteilte, dass sie mein roommate sei und ich mich sehr darüber freue. Sie meinte: Toll, dass ich das mitentscheiden darf. Die beiden Damen waren sich einig, dass ich ein typischer Macho-Arsch bin und schmollten gemeinsam. That’s all there is to it. Okay?

Das klingt schlüssig und wenn er so charmant unschuldig lächelt, möchte ich ihm gerne glauben. Lars fordert uns auf, endlich zu den anderen hochzugehen, Bericht zu erstatten. Als wir oben sind, gehen wir direkt links in die geräumige Küche. Die beiden Damen stehen da und trinken Cremant. Zur Beruhigung, wie sie sagen. Sie schauen uns fragend an, doch wir zucken nur mit den Schultern, da sei nichts.

Wir haben nie gelernt, mit solchen Situationen umzugehen, was wir sagen, wie wir uns verhalten sollen. Wir denken, dass wir alle traurig und geschockt sein müssen, vielleicht ist es besser, wie Lars pragmatisch zu sein, aufzumuntern, Hoffnung auszustrahlen und Witze zu machen – als wäre die Welt völlig in Ordnung. Ich schenke mir ein Glas Cremant ein.

– Freunde, wir haben keine Zeit zu vertrödeln, wir kurven jetzt durch die Gegend und suchen sie.

Lars übernimmt die Führung. Thees unterstützt ihn:

– Wir suchen sie nicht, sondern FINDEN sie.

Männer müssen die Starken spielen, Frauen sind die Starken.

Kapitel 2 Teil 1

2

Ich liebe diese Matratze, nicht zu hart, nicht zu weich, gerade richtig für mich. Sofort schlafe ich ein und wache, wie so oft, wenn ich zu viel getrunken und gekifft habe, viel zu früh wieder auf. Um sieben Uhr gehe ich also kurz in die Küche und koche mir einen Tee, alles ist so verdammt ruhig hier, höchstens Vogelgezwitscher kann ich vernehmen, keinen Verkehr, keine verdammte U-Bahn wie bei mir zuhause. Und alle anderen scheinen selig zu schlafen … Oben angekommen lasse ich mir Wasser in die Badewanne einlaufen und mache es mir darin gemütlich – mit dem Tee und dem Roman Die Interessanten von Meg Wolitzer – ein durchaus passendes Buch für dieses Wochenende, wie ich finde. Das heiße Wasser tut mir gut, der Geruch nach Lavendel, rasch schaffe ich es in die Geschichte einzutauchen …

Nach dem Eincremen entscheide ich, mich noch einmal hinzulegen, ein bisschen zu dösen. Schlaf ist wirklich das, was in unserem modernen Leben am meisten fehlt, denke ich. Erfrischt wache ich um elf endgültig auf, ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose über und begebe mich auf den Weg in die Küche. Dort stehen Thees, Lars und Fanny herum, eine Kaffeetasse in der Hand. Sie fragt mich:

– Magst du auch einen? Gerade frisch gekocht!

– Nein, danke. Wo ist das Geburtstagskind?

– Helene ruht noch.

– Paula?

Lars sagt:

– Keine Ahnung. Wir müssen eh auf Helly warten. Draußen haben wir schon angerichtet, Fanny war in der Boulangerie und Thees hat den Cremant kalt gestellt.

In diesem Moment kommt das Geburtstagskind herein. Sogar ungeduscht sieht sie damenhaft und wie aus einem Fünfzigerjahre Film aus. Sie trägt einen apricotfarbenen, seidenen Morgenmantel und Pantöffelchen.

– Na, whatsup, guys?

Thees fragt mich, ob ich mal hoch zu Paula könnte, damit wir uns zum Frühstücken und zum Geburtstags-Sekt treffen könnten. So steige ich die Treppen wieder nach oben, klopfe an ihre Zimmertüre, höre kein „Bitte“ und kein „Komm herein!“, also klopfe ich noch einmal, rufe ihren Namen. Nichts. Ich öffne also die Türe und sehe, dass sie nicht im Raum ist. Okay. Dann fällt mir das Dach ein und ich bewege mich dorthin, aber auch da ist sie nicht. Von oben blicke ich in die Umgebung, sehe sie aber nirgends. Ich laufe also zu den anderen nach draußen; sie sitzen alle schon am gedeckten Tisch.

– Vielleicht ist sie joggen …

Das sage ich achselzuckend. Niemand hatte sie gehört oder gesehen die letzten paar Stunden. Thees sagt, dass er seit 9 Uhr unten war. Merkwürdig. Paula ist unsere Sportskanone, fährt Rennrad, rudert und ist schon einen Marathon gelaufen. Sie ist allerdings auch die Frühaufsteherin unter uns, daher verwundert es schon, dass sie um diese Uhrzeit noch beim Sporteln sein soll. Wir anderen frühstücken genüsslich, schauen uns dabei immer wieder die Farbenpracht des Gartens an, wundern uns über die Stille und unterbrechen sie gelegentlich durch albernes Gerede – unsere Irritation über Paulas „Verschwinden“ versuchen wir alle zu verdrängen.

– Mhhhhh! Der Käse ist so delicious. Mhhhhh. Habt ihr schon mal den in der Mitte probiert? Wow!

Ich denke in dem Moment: Helene, DU bist delicious und liebenswert. Liebenswert deliziös! Es sind doch die kleinen Marotten, die wir an Menschen lieben – oder hassen. Je nach dem.

Thees stellt fest, dass es keinen frischen Kaffee mehr gibt, so macht er sich auf, welchen zu kochen. Die Croissants und Tartes sind wirklich lecker, wir stopfen uns alles genüsslich in den Mund. Alles könnte perfekt sein … wenn … Als Thees zurückkehrt, hat er nicht nur Kaffee dabei, sondern auch einen Ordner.

– Helene, sagtest du nicht, dass die Besitzerin des Anwesens eine Jüdin sei?

– Doch, Thees, das sagte ich. Wieso fragst du?

– Schon mal in diesen Ordner hineingeschaut?

Thees gibt ihn ihr und beginnt unsere Tassen der Reihe nach aufzufüllen.

– Das machst du gut, Süße!

Larsi klatscht ihm auf den Hintern und kichert vor sich hin.

– Alta, du bist so albern!

Thees sagt es und muss trotzdem mitlachen. Dann wird er plötzlich wieder ernst:

– Ist aber dann creepy, wenn man bedenkt, dass die SS hier wilde Orgien am Kamin gefeiert hat …

Whuuuuuuuuuuut?!

Helly wird ganz blass und schaut geschockt, Fanny nicht minder.

– Wo steht das?

Sie blättert den Ordner durch.

– Naja, 1934 wurde diese Villa gebaut, damals gehörte sie ebenfalls einem Juden, der später zwangsenteignet wurde. Ich meine, das hier ist ja optimal für die SS gewesen als Stützpunkt. Von Orgien steht  natürlich nichts drin …

– Nein, aber von einer Schießanlage im Keller …

Unsere Gastgeberin schluckt:

– Hätte ich das gewusst …

Lars ist offensichtlich anderer Meinung:

– Was wäre dann gewesen? Ich meine, das war damals. Mein Gott! Mich interessiert das `nen Scheiß! Wirklich!

– Aber Paula …

Alle schauen nun Fanny an, versuchen ihren Blick zu verstehen. Was hatte nun das Verschwinden von Paula damit zu tun?

– Sag mal, hackt es bei dir? Was hat jetzt Paula damit zu tun? Glaubst du, dass heute Nacht ein SS-Geist sie entführt und in den Keller gebracht hat? Hast du zu viele Horrorfilme gesehen?

Die Angesprochene fängt an zu schluchzen, Helene setzt sich näher zu ihr, faucht Lars an:

– So brauchst du nicht mit ihr zu reden, Motherfucker! Was soll das denn? Wie unsensibel bist du denn?

Er schaut sie pikiert an, versteht den Aufruhr nicht. Manchmal reagieren Männer und Frauen doch sehr unterschiedlich auf solche Dinge. Thees schnaubt verächtlich:

– Beruhigt euch mal, Freunde! Wir gehen gleich mal in den Keller und schauen nach dem Rechten.

– Ich gehe sicher nicht in den Keller! Und, Jungs, das ist alles gar nicht so lustig! Was ist, wenn Paulita etwas zugestoßen ist? Lasst uns lieber in ihr Zimmer gehen und nachschauen, ob sie etwas mitgenommen hat. Oder was da sonst los ist …

Helene nickt bedrückt und sagt:

Shit! So hatte ich mir meinen Geburtstag nicht vorgestellt. Apropos: hat sie schon mal jemand angerufen? Vielleicht hat sie sich verirrt?!

– Wir sind solche Holzköppe!

Fanny schlägt sich auf den selbigen und danach erkenne ich ein kleines hoffnungsvolles Funkeln in ihren Augen. Thees hat bereits sein Smartphone gezückt und die Nummer gewählt:

– Es klingelt und klingelt, aber sie nimmt nicht ab.

– Wir sollten schauen, ob sie es überhaupt dabei hat. Kommt, lasst uns abdecken und alles hineinbringen, dann schauen wir uns im Haus um.

– Ach, das wird ein SpaSS mit zwei S. Haha. Versteht ihr, SS?

Woher nimmt Lars nur diesen schwarzen Humor, der andere vielleicht verletzen könnte? Die beiden Frauen schauen ihn wütend an. Er zuckt nur mit den Schultern und stapelt Teller aufeinander.

– Lars, hör jetzt bitte damit auf!

Helenes Stimme ist fest und laut, sie möchte keine weiteren unpassenden Bemerkungen hören. Sie macht sich Sorgen um ihre Freundin – und das mit der SS drückt noch mehr auf ihre Stimmung, das ist deutlich. Ich bin in der ganzen Sache mehr der Beobachter, ich weiß gar nicht wieso. Nicht, dass es mich weniger beträfe als die anderen, nicht, dass ich weniger emotional als Fanny und Helene wäre, oder weniger schwarzhumorig als die beiden Herren (obwohl: das schon). Nein, es ist eher das dunkle Gefühl, dass sie nicht mehr auftauchen wird, so lange wir im Elsass sind, dass etwas Schlimmes passiert ist, und dass wir nicht fündig werden im Haus – nicht in ihrem Zimmer, nicht in ihrem Smartphone, das vermutlich noch hier irgendwo rumliegt. Das kann ich selbstverständlich nicht laut sagen.

Viele Dinge wissen wir schon viel früher, als wir es wahr haben möchten – und meistens verdrängen wir es mit wildem Aktionismus. Allerdings sind die Dinge manchmal auch sehr viel einfacher und weniger bedrohlich, als wir es uns vorstellen. Daher bleibt uns immer dieser Rest Hoffnung …

Fanny, Thees und Lars schauen oben in ihrem Zimmer, während Helene und ich uns unten auf die Suche nach Besitztümern Paulas machen. Im Flur finden wir ein Paar Schuhe, Sneakers. Die könnte sie vergessen haben, selbst wenn sie alles andere mitgenommen hätte. Doch zwei Blicke ins Ess- und Wohnzimmer genügen und wir finden ihr Smartphone, das seit gestern Nacht an der Anlage angestöpselt ist. Paula ohne Smartphone? Das ist wie ein Frankfurter Schnitzel ohne Grüne Soße – einfach undenkbar! Dass sie es gestern Nacht betrunken und zugekifft vergessen hat, das kann ja passieren, aber dass sie es nach dem Aufwachen nicht gleich gesucht hat? Helene denkt das gleiche wie ich, als wir das Mobiltelefon sehen:

– DAS ist jetzt schon das worst case scenario, oder? Pauli ohne Smartphone? Nein, sie muss entführt worden sein oder ähnliches.

Sie wird immer blasser, fast schon grün im Gesicht, in ihren Augen sehe ich Tränen. Helene Blues schon tagsüber. An ihrem Geburtstag.

Kapitel 1, Teil 4

Er zuckt die Schultern, sagt, er muss, und Paula sagt, dass sie ihn begleiten und aufpassen werde.

– Oh, du fährst mit. Cool!

Helene sagt das ganz unschuldig, denkt sich nichts dabei, freut sich, dass Thees jemanden zum Reden hat. Wir haben herausgefunden, dass er zwanzig Minuten zu diesem Bahnhof Riegel-Malterdingen braucht.

– Ja, erstens wollte ich kurz ins Internet in Deutschland, zweitens wollen wir ja nicht, dass du deinen kleinen, hübschen Hintern hier wegbewegst.

Helly schluckt leicht, weiß nicht genau, wie sie es auffassen soll, aber bevor sie etwas sagen kann, stehen Thees und Paula auf und ziehen ihre Schuhe an. Kurze Zeit später hören wir das Auto vorfahren, sehen die Blinklichter an den Wohnzimmerfenstern vorbeihuschen.

Lars sagt:

– Habt ihr beiden Stress, Helly? Also du und Pauli, meine ich.

– Das war schon grob gerade, oder? Es liegt nicht an mir, dass ich das denke?

In ihren Augen sehe ich Tränen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, was nun kommt – ich habe keine Lust darauf, aber es ist jetzt unabwendbar.

– Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nichts richtig mache in den Augen von Paula und Fanny. Ständig kritisieren sie mich, werfen mir spitze Bemerkungen zu. Schon beim Salat anrichten vorhin hat sie mich ständig angemotzt – zu grob geschnitten, nicht sauber genug geputzt, nicht gut abgeschmeckt etc. Und das immer in so einem feindseligen Ton! Ich tue doch alles, dass  hier alles easy peasy ist, feelgood and relaxing. Oder etwa nicht?

Helene weint nun. Lars setzt sich neben sie und legt einen Arm um sie. Das war zu erwarten! Beides.

Der Alkohol! Der Helene Blues!

Ich stehe erst einmal auf, hole mir neue Eiswürfel, schütte mir Whisky in mein Glas. Mittlerweile hat sich Helly aufgerichtet.

– Ich bin es leid, dass mir ständig etwas vorgeworfen wird. Was habe ich denn so Schlimmes getan?

Ich versuche mich in die beiden anderen hineinzuversetzen:

– Reine Vermutung, aber ich denke, es sind zwei Sachen, Helly. A) findet Fanny dich, glaube ich, gerade etwas anstrengend. Du hast in den letzten Monaten ständig Krisen und sie muss für dich da sein – und ist es auch. Fanny hat aber im Moment auch nicht die beste Zeit ihres Lebens, ihr hörst du jedoch selten zu, wenn sie dir etwas ihr Wichtiges erzählen möchte. Behauptet sie zumindest. B) sind Paula und Fanny eher die verlässlichen Menschen. Wenn sie etwas zusagen, dann kommen sie beziehungsweise machen sie es. Wir beide sind da etwas anders. Deswegen haben wir zwei in der Regel keine Schwierigkeiten miteinander. Ich konnte in der letzten Zeit nicht für dich da sein, wegen ihm. Das weißt du. Und deswegen hat Fanny eben alles abgekriegt.

Lars wendet ein:

– Aber dann verstehe ich ganz gut, wieso Fanny sauer sein könnte, aber Paulita?

– Paula weiß das alles von Fanny und ist auf ihrer Seite. Paula denkt vielleicht, es wäre eigentlich die Aufgabe von der Organisatorin Helene, ihre Freundin am Bahnhof abzuholen. Erstrecht, weil Fanny in der letzten Zeit immer alles für sie hat stehen und liegen lassen.

Come on! Man kann es auch übertreiben, oder? Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten kein Ohr für euch habe. Mitja, du sagst das ja auch. Aber was soll das Aufrechnen? Wenn es mir einmal nicht gut geht … Ich versuche immer für meine Freunde da zu sein.

Sie schluchzt wieder, vergräbt sich in ihren schrecklichen Blues.

– Helene hör auf! Natürlich tust du alles dir Mögliche für deine Freunde. Wir wären alle nicht hier, wenn wir dich nicht lieben würden. Es gibt Kritikpunkte, aber auf allen Seiten. Wir sind alle etwas eigen, etwas egozentrisch gelegentlich. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Niemand sagt, dass Fannys oder Paulas Perspektive wahr ist … Du hast es geschafft, so unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Es ist nicht unsere erste Reise und es wird nicht unsere letzte sein. Bei uns MUSS es krachen, vor allem wenn du getrunken hast.

Ihre Lippen zucken, ein Lächeln deutet sich an. Ich lache in ihre Richtung:

Come on! Everything fine! Wenn die anderen kommen, sind wir wieder gut drauf. Wahrscheinlich hat sich Paula noch nicht einmal was dabei gedacht.

Meine Worte in sonstwem‘s Ohren. Gott. Paula. Oder wer auch immer diese schwelenden Konflikte ausräumen könnte.

 

Als Lars und Paula mit Fanny ankommen, spüre ich eine merkwürdige Stimmung. Sie sehen alle nicht wirklich glücklich aus. Paulita schreit ins Wohnzimmer:

– Ich zeige kurz Fanny ihr Zimmer, macht uns schon mal Drinks.

Thees setzt sich zu uns, schüttelt leicht den Kopf. Ich frage:

– Ist was?

– Nein, nein, die beiden sind nur etwas gereizt, Paulas Smartphone ging nicht so richtig, sie kam nicht ins Internet. Und Fanny hatte in der Bahn so stressige Mitfahrer – Jungs, die betrunken und pöbelig waren.

Helene sagt lächelnd, dass so etwas passieren könne. Nun schaut er sie an:

– Ist bei euch etwas passiert?

– Schmarrn, Thees! Jetzt hol mal mit den Getränken auf. Jeder muss nachher abgefüllt sein. Um Mitternacht stoßen wir dann gemeinsam auf Helene an und singen ihr ein Lied.

Lars ist sehr gut in der Rolle des Motivators. Ein paar Minuten später beehren uns die beiden anderen Damen mit ihrer Anwesenheit. Sie scheinen diskutiert zu haben. Helly umarmt sie ganz lange, beide. Da zeigt sie Größe, finde ich. Als sie wieder sitzt, sagt sie munter:

– Fanny, stell dir vor. Ich breche mir an der Kasse im Supermarkt einen mit meinem Schulfranzösisch ab, dann antwortet mir die nette Kassiererin auf Deutsch. Haha. Hier braucht man echt kein Französisch.

– Zumindest nicht die Sprache!

Fannys Humor. Wir müssen alle lachen. Fanny ist ein bisschen unsere Scherbatsky – genauso attraktiv, aber gleichzeitig ein Kumpel und sehr lustig, eine Stimmungskanone. Manchmal ist sie vielleicht zu oberflächlich, zu tussig – wenn Lars eine politische Diskussion anzettelt, schweigt sie immer und trinkt ein Sektchen.

– Und der Laden heißt Süper Ü, stellt dir vor. Haha.

– Seeeeeelfiiiiiiieeeee Time, Kinder. Ich hole kurz mal meinen Stick.

Paula ist schon resigniert:

– Oh Mann!

Selfie vor dem Kamin, lächelnd, mit Whisky in der Hand. Später werden wir uns nur an diesen „glückseligen“ Moment, wie er auf Facebook gebannt wurde, erinnern. Und nicht an unsere Konflikte … Oder?

Kurz stehen wir in der Küche zusammen, Thees und ich:

– Irgendwas war doch im Auto. Ich bin weder doof noch blind.

– Mito, es ist alles okay wieder. Ja? Lass uns auf Helene anstoßen! Habe übrigens ein bisschen Shit mitgebracht. Rauchen wir nach dem Schampus. Passt gut zum letzten Whisky des Abends.

Ich bleibe skeptisch, glaube ihm nicht. Irgendetwas ist vorgefallen, aber ich habe keine Idee was.

 

Manchmal spürt man etwas unter der Oberfläche und kriegt es ganz lange nicht zu greifen – bis es vielleicht zu spät ist …

 

Das nächste Selfie folgt beim Anstoßen auf das Geburtstagskind. Diese Porträts sind dann das Intro für unsere eigene Soap. Bei uns heißt es nicht „How I Met Your Mother“, bei uns heißt es vielleicht: „Before We Lost Something“.

 

Gruppenbild mit Paula. Es war das letzte dieser Art, aber das wussten wir da noch nicht.

Kapitel 1 Teil 3

Wir gehen zuerst nach links, wo sich zwei Schlafzimmer befinden, eines größer mit einem riesigen Badezimmer, eines kleiner. Helene entscheidet sich rasch für das erstere, Lars schaut sie fragend an, sie nickt. Thees beschließt das Zimmer nebenan zu nehmen, er beschließt, dass Fanny sich zu ihm ins Bett legen soll. Ich finde das eher merkwürdig, schließlich sind sie keine Paare, aber ich sage nichts …

Auf der anderen Seite sind weitere zwei Schlafzimmer und eine Toilette. Im ersten Zimmer steht ein altes, wunderschönes Holzbett, in das sich Paula sofort verliebt. Im zweiten ist ein kleines rosa Bad integriert. Das möchte ich haben, vor allem, weil ich zuhause keine Badewanne besitze.

Haben wir hier schon scheinbar keine Konflikte, ist es bei dem Einkaufsthema noch leichter: dass Paula und ich keine Lust haben, wird von den anderen vorausgesetzt. Wir gelten beide als launisch und manchmal etwas schwierig, womit sie wohl Recht  haben. Bei mir kommt dazu, dass ich stets blank bin, was die anderen genau wissen, insbesondere die großzügige Helene, die meinen Aufenthalt hier subventioniert. Ich bin oft viel zu undankbar ihr gegenüber! Paula merkt an, dass wir noch auf das Dach müssten, bevor sie losfahren. Es geht erst einmal durch ein bisschen Gerümpel eine Treppe hoch. Und dann stehen wir da und können unseren beiden Gärten überblicken und sogar bis zu den Vogesen bei diesem herrlichen Wetter. Paulita sagt:

– Boah, geil hier oben. Ich hole meine Sachen und lege mich mal eine Weile hin.

Ich mache es mir lieber unten gemütlich, setze mich auf die Wiese und lese eines meiner Bücher, die ich mitgebracht habe. Neben mir ein Glas Champagner. Mein Leben sieht sonst etwas … anders aus …

 

Das erste Ziel ist, mit einem Glas Cremant in der Hand Federball und Tischtennis auf unserer Wiese zu spielen.

– Immer geiler! Immer steiler!

Helene lacht, sieht unbeschwert und glücklich aus, und macht mit ihrem iPhone Schnappschüsse von Lars, Thees, Paula und mir.

– Ist das eine jeile Hütte, wa?

Sie berlinert ein bisschen, wenn sie getrunken hat. Thees, der heute noch recht nüchtern bleiben muss, weil er später Fanny abholt, flüstert uns anderen zu:

– Passt heute bitte auf, keine schwierigen Themen ansprechen. Wenigstens einen Abend sollten wir ohne Alkohol-Tränen auskommen können. Ohne Fanny sind wir ja aufgeschmissen.

Sie ist es, die Helly ein bisschen herunterbringen kann, in den Arm nimmt, sie beruhigt, ihr gut zuredet. Im Wein liegt die Wahrheit – und die Trauer, die Melancholie, die Enttäuschung über das Leben.

Charlie Chaplin sagte:

– Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist unsere Helene die sensibelste, verletzlichste von uns allen und kann das in nüchternem Zustand gut verbergen. Vielleicht verstärkt Alkohol oder auch jede andere Droge den inneren Gefühlszustand, nicht das, was man nach außen trägt, nicht die Fassade.

 

In vielen Punkten entspreche ich nicht den üblichen Männlichkeitskriterien. Ich bin in nüchternem Zustand schon so weinerlich wie andere nach Alkoholgenuss. Apropos: mittlerweile trank ich zwar Bier, jedoch mehr als Genussmittel und ich bevorzugte eindeutig kompliziertere Biere als das, was es Mainstream so gab – und damit betrinken fand ich sowieso total niveaulos. Ich habe auch keinen Bock am Grill zu stehen – danach essen gerne, aber mich da hinstellen, Feuer anzünden und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen (wie damals, als die Männchen noch die Ernährer waren und auf Jagd gingen) – das war nicht meins. Das erinnerte mich an amerikanische Serien und die Vaterfiguren, die männlich grunzten (wie Tim Allen in Hör mal, wer da hämmert) und darüber diskutierten, ob noch  mehr Grillanzünder dran und wann das Fleisch gewendet werden muss. Dafür deckte ich den Tisch, faltete die Servietten und verteilte die Blumen, die Helene im Süper Ü,  wie der Supermarkt in Marckolsheim heißt, gekauft hatte. In dieser Villa fanden sich so viele schöne Gegenstände, wenn man sich die Mühe machte, sie in den vielen weißen Schränken zu suchen. Ich fand Vasen, Kerzenständer, Kerzen, stilvolle Wein- und Sektgläser, exquisites Besteck, prächtiges Geschirr und drapierte es auf dem großen Holztisch im Wohn- und Esszimmer. Paula half Helene mit dem Anrichten der Salate und den Antipasti in den Schälchen, während Thees und Lars sich um das Grillen kümmerten.

– Wohoooooo! Amaaaaziiiiiiing! Wie schön du diesen Tisch gedeckt hast. Da müssen wir sofort Fotos schießen, mein Gott, wie schön! Ich freue mich!

So leicht ist es, Helene glücklich zu machen – manchmal beneide ich sie darum, solch kleinen oberflächlichen und doch so wichtigen Details reizend zu finden. An mir geht das leider total vorüber.

Bevor wir uns an den Tisch setzen, gibt es den gefühlt zehnten Apéritif – wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschlein weit und breit, die schon vor dem frühen Abendessen völlig hinüber sind. Aber noch stehen wir, noch reden wir halbwegs vernünftig und noch genießen wir das wunderbare Essen. Oooohhh, aaaaaaahhhhh, mmmmmmmmhhhhh machen wir alle tausendfach.

– Immer geiler!

Wir lachen wieder. Dieser Spruch wird uns wirklich hier verfolgen. Der Rotwein ist lecker, wir beschließen deswegen sitzenzubleiben, bis wir die zweite Flasche ausgetrunken haben, eine Käseplatte als Nachtisch zu essen, die hervorragend dazu passt, und von den nächsten Geburtstagen Helenes zu träumen.

– Das Gibson in Frankfurt für eine Nacht mieten? Oder doch eher in die Richtung hier: eine Hütte in den Bergen? Eine Kreuzschifffahrt auf der AIDA?

Alles erscheint gerade so easy, so nice – Helene fühlt sich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst ich spüre gerade keine Risse, keine Konflikte unter der Oberfläche. Wir genießen das Essen, Trinken, die Atmosphäre, den Luxus, unsere Privilegien …

Später setzen wir uns endlich an den Kamin, in Decken eingemummelt, denn es dauert natürlich eine Weile, bis Larsi und Helly das Holz zum Brennen bringen, am Anfang noch mit sehr viel Rauch – sie lösen sogar den eklig klingenden Alarm damit aus, der klugerweise an der Decke über dem Kamin angebracht ist. Wir müssen die großen schönen Fenster öffnen, es wird etwas kühl. Thees holt den Whisky hervor, den er seinem Vater abgeschwatzt hat. Wir haben alle keine Ahnung von diesem Getränk, denken aber, dass es dazugehört, vor dem Kamin zu sitzen und den Geist zu schlürfen.

– Mooooooment! Haben wir Eiswürfel? Im Kühlschrank gibt es kein Eisfach!

Er schreit es aus der Küche heraus.

– Im Nebenraum ist ein Zimmer mit Waschmaschine und einem weiteren Kühlschrank, Thees, da sind Eiswürfel drin!

– Mensch, Mitja, du weißt schon am ersten Abend, wo sich alles befindet.

Helene ist erstaunt. Als ich vorhin alles, um den Tisch zu decken, gesucht hatte, schaute ich überall im Erdgeschoss hinein, um eine Orientierung zu kriegen.

Ich habe den Platz ganz vorne am Kamin, in einem dieser gemütlichen Sessel, in denen man so schön einsinkt, wenn man sich hineinsetzt. Eine kuschelige Decke über mir, das Whisky-Glas in der Hand. Im ersten Moment ist das Getränk nicht nur scharf und brennt, sondern ich habe auch ein leichtes Gefühl der Übelkeit, es riecht und schmeckt so rauchig. Doch dann, als es durch meine Kehle fließt, mich von innen wärmt, ich den würzigen Nachgeschmack spüre, finde ich Gefallen daran, möchte einen weiteren Schluck trinken. Langsam gewöhne ich mich daran. Vielleicht ist aus mir doch noch ein wahrer Gentleman herauszuholen?

Thees beobachtet mich:

– Na, Mito, schmeckt dir der gute Tropfen?

Das Interessante an meinem Namen ist folgendes: Eigentlich heiße ich ja Dimitri, nach meinem Opa, allerdings gefiel mir der Name nie besonders, auch nicht die Abkürzung Dima. Es gibt aber noch Liebkosungen wie Mitja, die häufigste, oder Mitko und Mito. Dimitri oder Demetrius stammt von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.

– Danke. Ich glaube, dein Vater hat einen exquisiten Geschmack.

– Davon kannst du ausgehen!

Er schmunzelt. Und ich denke: Ja, das wissen wir. Thees‘ „Stiefmutter“ ist jünger als er, ein hübsches Ex-Model, ein Starlet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch er etwas zu viel getrunken hat, deswegen frage ich ihn:

– Kannst du überhaupt noch fahren?

Kapitel 1 / 1.Teil

1

Meine liebe Freundin Helene hatte es sich so entspannt und gemütlich, so cozy, vorgestellt, so anders als unsere sonstigen Geburtstagsfeiern. Ihren Dreißigsten wollte sie in dieser komfortablen Villa im Elsass begehen und nicht in der Großstadt an irgendeinem hippen place to be. Ihre engsten Freunde sollten alle fern ihres Alltags mit ihr zusammen sein, am Kamin auf sie anstoßen, mit einem Whisky oder Champagner, ihretwegen auch einem Cremant, sie sollten alles andere um sich herum vergessen. Dass eine Person von diesem Ort nicht mehr in die gemeinsame Heimat zurückkehren – fern bleiben – würde, das hatte sie sich selbstverständlich nicht vorgestellt …

Ein bisschen ärgert uns, dass das Wetter so wunderschön ist, als wir an diesem Donnerstagmittag in Frankfurt losfahren. Niemand von uns hat Lust, die nächsten drei Stunden in einer Blechkiste zu verbringen. Doch je früher wir fortkommen, desto früher können wir im Elsass chillen und unseren ersten Apéritif im Garten zu uns nehmen. Das muss Motivation genug sein. Wir teilen uns in zwei Autos auf: Helene und ich fahren in ihrem roten Austin Mini, während Paula, die aus der Freiburger Gegend stammt und damit die größte Elsass-Kompetenz aufweist, sich zu Thees und Lars in den schicken, schwarzen SLK des ersteren setzt. Sie hatte kurz gezögert, sich gefragt, ob sie nicht besser uns begleiten sollte, das sah ich in ihrem Blick. Plötzlich ist da so ein Gefühl und eine Frage blitzt in mir auf: Hatten sie mal einen Dreier? Oder läuft irgendetwas anderes zwischen ihnen, von dem ich nichts weiß? …

Doch es trifft sich ganz gut, dass sie nicht in unserem Wagen sitzt, denn zwischen Helene und mir herrscht das erste Mal – und das seit längerer Zeit – dicke Luft, die wir vielleicht in diesen nächsten Stunden bereinigen könnten. Das wäre wenigstens eine Baustelle weniger für sie, die sich das alles so relaxing vorgestellt hatte, damals kurz nach Silvester, als sie uns fragte, ob wir an diesem verlängerten Wochenende Zeit für sie hätten. Sie hatte aber nicht mit dem Leben gerechnet, das einen manchmal aus der Bahn wirft – es war so einiges passiert.

Jesus war vor drei Tagen auferstanden und wir reisen gerade  ins vermeintliche Paradies.

– Mitja, ist alles easy zwischen uns?

Sie macht sich Sorgen, dass sie mich in den letzten Wochen vernachlässigt, keine gute Freundin gewesen sei, meine BFF  – zumindest hatte sie diese Abkürzung unter ein gemeinsames Selfie auf Instagram gehashtagt.

Ich fragte sie damals:

BFF? Was soll das sein?!

Ob ich das nicht aus den amerikanischen Serien kenne:

– BFF = Best Friends Forever

Tatsache, darauf hatte ich noch nie geachtet. Helene war für mich immer schon so american gewesen, fern meiner eigenen Herkunft – Klassenfeinde nennen es meine Eltern. Wir waren in den frühen Neunzigern aus Kasachstan nach Deutschland immigriert, so richtig angekommen sind die beiden nie. Helene jedenfalls ist für mich wie die andere Seite der Medaille. Ich bin der verrückte, mittel- und erfolglose Künstler, Prekariat, während sie im Marketing in einer Kunsthalle arbeitet, in dem die Arrivierten ausstellen – die, die ihre Kunst für viel Geld verkaufen können. Sie verdient sicher auch nicht die Welt, hat jedoch anders als ich reiche Eltern. Manchmal werde ich von ihrem Arbeitgeber beauftragt, beim Ausstellungsaufbau zu helfen, bei der Hängung. Einmal hatte sie mich für eine Kunst-Aktion verpflichtet, als Statist.

Sie möchte mir immer wieder helfen, mich unterstützen, das kann ich sehr wohl (an)erkennen.

Die letzten Wochen hatte ich große Schwierigkeiten, mein Leben in den Griff zu bekommen – alles schien mir zu entgleiten. Von ihr war in dieser Zeit kaum etwas zu erwarten, sie beschäftigte sich gerade viel zu sehr mit sich selbst, musste ihre Trennung verarbeiten und hatte viel Stress im Job. Das war so, und beim Liebeskummer konnte ich ihr wirklich nicht weiterhelfen, das hatte sich aus Prinzip verboten …

Helene blickt mich von der Seite an, als erwarte sie etwas von mir. Sie sieht sehr gut aus mit ihrer neuen Frisur, ein bisschen old fashioned, ein bisschen Audrey Hepburn. Die Brille in ihrem Haarschopf hat einen Goldrand, ihre Kette ist aus dem gleichen Metall, die Seiden-Bluse einfach und cremefarben, ihre dunkle Bundfaltenhose ist sehr Business und ihre klassischen, schwarzen Leder-Slipper sind sicher von Joop. Sie trägt nur ein leichtes Makeup, kaum sichtbar, ihre Lippen sind glossy.

– Hör zu, Helly, bei uns war das immer schon so. Mal haben wir fast täglich miteinander zu tun, mal eine Zeit lang fast gar nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass du dich besser in mich hineinversetzen könntest, klar, aber ich konnte ja die letzten Wochen auch nicht für dich da sein.

Sie konzentriert sich auf die Fahrbahn, setzt den Blinker, wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen, den anderen folgen. Sie beißt sich auf die Lippe, sagt dann angespannt:

– Mitja, ich möchte nur nicht, dass es sich auf die nächsten Tage auswirkt. Mir ist das wichtig und ich freue mich seit Wochen darauf. Really!

Vielleicht hätte sie besser gesagt, dass sie mich nicht verlieren möchte, denke ich. Bin ich zu sensibel? Eine Zeit lang lag es in der Schwebe, ob ich mitfahre. Ihr Ex sollte eigentlich mit …

– Es wäre nicht wirklich glaubwürdig und hilfreich gewesen, wenn ich etwas zu deiner Trennung gesagt hätte.

Ich sehe ein kurzes Zucken im Mundbereich, ein angedeutetes Lächeln:

– In der Tat … Es fühlt sich etwas strange an, mit dir alleine im Auto zu sitzen und darüber zu reden.

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich mir wünsche, dass wir schöne Tage miteinander verbringen und dass dies sicher nicht an mir scheitern werde. Helene freut sich sichtlich, streckt mir ihre Faust entgegen und sagt check, was ich erwidere. Sie spielt an der Musikanlage, wählt Moloko – unsere gute Laune-Auto-Musik, seit jeher.

– Selfie-Time!

Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, sie, wie sie das Auto fährt, und mich (oder zumindest mein Gesicht) auf ein Foto zu bekommen – nicht ganz einfach, aber wofür bin ich Künstler. Es gelingt mir. Helene lächelt zum Glück hübsch darauf, ich verziehe wie immer meine Fresse. Ein befreundeter Journalist schrieb einmal auf Facebook, dass ich auf jedem Bild ein Duckface mache.

– Zeig mal!

Sie ist zufrieden und fordert mich auf, es auf Instagram und Facebook zu posten.

– Ich bin gespannt, ob die anderen unser Posting beantworten.

– Wurstkette!

Das schreie ich heraus. Sie daraufhin noch lauter:

– Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuurstkeeeeeeettttttttttteeeeeeeeeee!!!

Wir saßen einst bei einem Essen bei Helene – sie, Thees, Lars, Paula, Fanny und ich – und wollten alle gemeinsam etwas posten. Wir beschlossen, dass jede/r das Wort Wurstkette auf die eigene Pinnwand schreiben sollte, mit Markierung der anderen natürlich. Und wir mussten das alle bei jedem anderen liken. Seitdem schreien wir uns immer zwischendurch Selfie-Time oder Wurstkette zu. Niemand versteht uns, wir müssen aber immer wieder minutenlang darüber lachen.

Tatsächlich hagelt es von unseren Freunden im SLK (diese Protzer, ey!) rasch Kommentare. Sie antworten ihrerseits mit einem professionellen Selfie, auf dem wir Paula in der Mitte sehen und Teile der Köpfe der beiden Männer, den Innenspiegel und die Autobahn im Hintergrund.

– Mal schauen, wer mehr Likes kriegt.

Helene lacht und denkt sich gewiss, dass wir klar im Vorteil sind. Zwar ist Paula unsere Social Media Expertin, macht dies sogar beruflich, aber ich bin ein Künstler, der sehr viel mit diesen Netzwerken arbeitet und eine nicht kleine Anhängerschaft um sich geschart hat. Ohne angeben zu wollen.

Unsere weitere Fahrt ist entspannt, zwischendurch ändere ich die Musik, in dem ich die Anlage mit meinem Smartphone kopple – ein bisschen Gogol Bordello muss jetzt sein. Kurz vor Frankreich schalte ich in den Flugmodus, ich habe mir vorgenommen, die Tage gar nicht ins Internet zu gehen. Könnte mir auch mal guttun, denke ich.