Kapitel 1 Teil 5

– Immer geiiiiiiiileeeeeeeeeeeeeeer!

Paula lacht. Fanny schaut sie fragend an und wird dann aufgeklärt.

– Immer steieieieieeieileeeeeeeeeer!

Wir rauchen den Johnny, trinken den guten Whisky, der bald zur Neige geht, Helene schaut selig und sagt immer wieder: wie nice. Fanny, möchte kurz ansprechen, ob wir das mit den Zimmern nicht ändern könnten: sie mit Helene und Lars und Thees in einem Bett.

– Nein! Ich bin doch nicht schwul!

Larsi ruft es aus, er meint es hoffentlich nicht ernst. Thees kichert.

– Und wie schwul du bist! Aber ganz egal: ich möchte auch nicht mit dem Freak in einem Bett schlafen. Fanny, wo ist das Problem?

Helene blickt sie lange an:

– Ja, Fanny, wo ist das Problem?

– Schon gut, wir werden nachher eh alle so fertig sein und gleich einschlafen.

Ja, da ist nicht nur etwas, da ist ganz viel – unter der Oberfläche …

Sie schaltet sofort runter, wie es ihre Art ist. Doch jetzt meldet sich Paula:

– Was ist denn daran so schlimm, wenn Fanny das Zimmer wechseln möchte? Mitja, du hast ein Doppelbett, können wir da schlafen? So lässt sich das Problem ebenfalls lösen …

Helly schaut verwirrt drein, es entgleitet ihr, sie möchte es unbedingt wissen:

– Was ist denn los, verdammt?!

Thees schaut alle außer ihr in der Runde an, auffordernd, eindringlich – er scheint nüchtern zu sein. Die anderen nicken. Was ist hier los? Ich bin außen vor, weder habe ich ihm geantwortet noch zuvor Paula. Dann sagt Thees bestimmt:

– Nichts ist los! Wir schlafen so, wie wir es heute Nachmittag beschlossen haben, Paula! Alles ist gut. Ich drehe uns noch eine Runde und dann ist gut!

Die nächsten zehn Minuten folgt ein lautes Schweigen. Helene und ich sind ganz raus, wissen nicht, was das soll. Was mit Lars ist, kann ich nicht sagen, er lässt sich zumindest nicht anmerken, ob er involviert ist. Okay, scheinbar läuft etwas, wovon zumindest zwei Personen gänzlich abgeschnitten sind. Nur was? Das ist schon sehr merkwürdig. Ich blicke Helene an, sie zuckt die Schultern. Plötzlich fühle ich mich ihr so nahe und bereue alle negativen Gedanken, die ich ihr gegenüber hatte. Sie ist herzlich und wundervoll. So gerne möchte ich sie in den Arm nehmen, sie spürt das wohl und rückt ihren Sessel ganz nah neben meinen, lehnt ihren Kopf an meine Schulter, ich lege den Arm um sie. Das tut so gut wie die Wärme des Feuers, das endlich wunderschön lodert.

Und was lodert unter der Oberfläche unserer Clique?

– Die letzte Runde Whisky on the rocks für uns alle!

Thees lächelt uns selig an, das Kraut hat bei ihm ganz schön reingehauen. Auch alle anderen scheinen etwas entspannter zu sein. Das wäre sonst eine sehr ungemütliche Nacht geworden. Paula stöpselt ihr Smartphone an die kleine Anlage auf der Holztruhe neben unseren Sesseln, legt jazzige, chillige Barmusik ein. Wir trinken und überlegen, was wir die nächsten Tage machen könnten. Helly schlägt einen Ausflug nach Colmar vor, gleich nach dem Geburtstagsessen am Mittag.

– Morgen steigt das Thermometer auf 25 Grad, sagt meine Wetter-App.

Helene ist wieder positiv und glücklich – und das macht mich glücklich. Schön, dass sie mich davon überzeugte mitzukommen, denke ich in diesem Moment.

– Ich habe eine Idee! Lasst uns Trampolin springen. Jetzt!

Thees ist ganz beseelt von der Idee, Paula findet das ebenso toll, ich mache so einen Blödsinn sowieso immer mit. Lars und Helene schauen uns etwas befremdet an:

Really? So drunk und stoned wie wir sind? Ob uns nicht übel wird?

– Dann machst du Fotos und Videos von uns. Auf, raus mit uns!

Thees läuft lachend aus der Tür in den hinteren Garten, wir alle anderen hinter ihm her. Wir krabbeln zu viert durch das Netz, barfuß, und fangen an zu hopsen. Thees ruft:

– Wart ihr schon mal nackt auf einem Trampolin?

Er beginnt seine Klamotten auszuziehen.

Craaaaazzyyyyyy!

Helene lacht sich kaputt, Lars schüttelt den Kopf, Fanny und Paula verlassen das Trampolin – und ich ziehe meine Klamotten ebenfalls aus. Mein rothaariger Freund singt nun eine Textzeile von Die Orsons („Schwung in die Kiste“).

– Aber seid ihr schon mal nackt auf einem Trampolin gesprung‘? / Alles wackelt, wir woll’n tanzen, doch der DJ nervt mit Cutten / D-DJ nervt mit Cut-Cut-Cut-Cutten (Was?)

Ja, alles hüpft und es macht noch mehr Spaß, obwohl es seltsam ist, wenn man mit dem Hintern auf diesem Trampolinmaterial aufkommt – es scheuert ein bisschen. Durch das viele Lachen und Hüpfen geht mir die Luft verloren, aber ich kann nicht mehr aufhören, aufhören, aufhören.

Nach einer Viertelstunde ziehen wir zwei uns wieder an, die anderen sind schon oben in ihren Zimmern. Wir gehen ebenfalls ins Haus und verabschieden uns oben an der Gabelung zwischen West Wing und East Wing. Ich freue mich, mein eigenes luxuriöses Zimmer zu haben …

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Kapitel 1, Teil 4

Er zuckt die Schultern, sagt, er muss, und Paula sagt, dass sie ihn begleiten und aufpassen werde.

– Oh, du fährst mit. Cool!

Helene sagt das ganz unschuldig, denkt sich nichts dabei, freut sich, dass Thees jemanden zum Reden hat. Wir haben herausgefunden, dass er zwanzig Minuten zu diesem Bahnhof Riegel-Malterdingen braucht.

– Ja, erstens wollte ich kurz ins Internet in Deutschland, zweitens wollen wir ja nicht, dass du deinen kleinen, hübschen Hintern hier wegbewegst.

Helly schluckt leicht, weiß nicht genau, wie sie es auffassen soll, aber bevor sie etwas sagen kann, stehen Thees und Paula auf und ziehen ihre Schuhe an. Kurze Zeit später hören wir das Auto vorfahren, sehen die Blinklichter an den Wohnzimmerfenstern vorbeihuschen.

Lars sagt:

– Habt ihr beiden Stress, Helly? Also du und Pauli, meine ich.

– Das war schon grob gerade, oder? Es liegt nicht an mir, dass ich das denke?

In ihren Augen sehe ich Tränen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, was nun kommt – ich habe keine Lust darauf, aber es ist jetzt unabwendbar.

– Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nichts richtig mache in den Augen von Paula und Fanny. Ständig kritisieren sie mich, werfen mir spitze Bemerkungen zu. Schon beim Salat anrichten vorhin hat sie mich ständig angemotzt – zu grob geschnitten, nicht sauber genug geputzt, nicht gut abgeschmeckt etc. Und das immer in so einem feindseligen Ton! Ich tue doch alles, dass  hier alles easy peasy ist, feelgood and relaxing. Oder etwa nicht?

Helene weint nun. Lars setzt sich neben sie und legt einen Arm um sie. Das war zu erwarten! Beides.

Der Alkohol! Der Helene Blues!

Ich stehe erst einmal auf, hole mir neue Eiswürfel, schütte mir Whisky in mein Glas. Mittlerweile hat sich Helly aufgerichtet.

– Ich bin es leid, dass mir ständig etwas vorgeworfen wird. Was habe ich denn so Schlimmes getan?

Ich versuche mich in die beiden anderen hineinzuversetzen:

– Reine Vermutung, aber ich denke, es sind zwei Sachen, Helly. A) findet Fanny dich, glaube ich, gerade etwas anstrengend. Du hast in den letzten Monaten ständig Krisen und sie muss für dich da sein – und ist es auch. Fanny hat aber im Moment auch nicht die beste Zeit ihres Lebens, ihr hörst du jedoch selten zu, wenn sie dir etwas ihr Wichtiges erzählen möchte. Behauptet sie zumindest. B) sind Paula und Fanny eher die verlässlichen Menschen. Wenn sie etwas zusagen, dann kommen sie beziehungsweise machen sie es. Wir beide sind da etwas anders. Deswegen haben wir zwei in der Regel keine Schwierigkeiten miteinander. Ich konnte in der letzten Zeit nicht für dich da sein, wegen ihm. Das weißt du. Und deswegen hat Fanny eben alles abgekriegt.

Lars wendet ein:

– Aber dann verstehe ich ganz gut, wieso Fanny sauer sein könnte, aber Paulita?

– Paula weiß das alles von Fanny und ist auf ihrer Seite. Paula denkt vielleicht, es wäre eigentlich die Aufgabe von der Organisatorin Helene, ihre Freundin am Bahnhof abzuholen. Erstrecht, weil Fanny in der letzten Zeit immer alles für sie hat stehen und liegen lassen.

Come on! Man kann es auch übertreiben, oder? Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten kein Ohr für euch habe. Mitja, du sagst das ja auch. Aber was soll das Aufrechnen? Wenn es mir einmal nicht gut geht … Ich versuche immer für meine Freunde da zu sein.

Sie schluchzt wieder, vergräbt sich in ihren schrecklichen Blues.

– Helene hör auf! Natürlich tust du alles dir Mögliche für deine Freunde. Wir wären alle nicht hier, wenn wir dich nicht lieben würden. Es gibt Kritikpunkte, aber auf allen Seiten. Wir sind alle etwas eigen, etwas egozentrisch gelegentlich. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Niemand sagt, dass Fannys oder Paulas Perspektive wahr ist … Du hast es geschafft, so unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Es ist nicht unsere erste Reise und es wird nicht unsere letzte sein. Bei uns MUSS es krachen, vor allem wenn du getrunken hast.

Ihre Lippen zucken, ein Lächeln deutet sich an. Ich lache in ihre Richtung:

Come on! Everything fine! Wenn die anderen kommen, sind wir wieder gut drauf. Wahrscheinlich hat sich Paula noch nicht einmal was dabei gedacht.

Meine Worte in sonstwem‘s Ohren. Gott. Paula. Oder wer auch immer diese schwelenden Konflikte ausräumen könnte.

 

Als Lars und Paula mit Fanny ankommen, spüre ich eine merkwürdige Stimmung. Sie sehen alle nicht wirklich glücklich aus. Paulita schreit ins Wohnzimmer:

– Ich zeige kurz Fanny ihr Zimmer, macht uns schon mal Drinks.

Thees setzt sich zu uns, schüttelt leicht den Kopf. Ich frage:

– Ist was?

– Nein, nein, die beiden sind nur etwas gereizt, Paulas Smartphone ging nicht so richtig, sie kam nicht ins Internet. Und Fanny hatte in der Bahn so stressige Mitfahrer – Jungs, die betrunken und pöbelig waren.

Helene sagt lächelnd, dass so etwas passieren könne. Nun schaut er sie an:

– Ist bei euch etwas passiert?

– Schmarrn, Thees! Jetzt hol mal mit den Getränken auf. Jeder muss nachher abgefüllt sein. Um Mitternacht stoßen wir dann gemeinsam auf Helene an und singen ihr ein Lied.

Lars ist sehr gut in der Rolle des Motivators. Ein paar Minuten später beehren uns die beiden anderen Damen mit ihrer Anwesenheit. Sie scheinen diskutiert zu haben. Helly umarmt sie ganz lange, beide. Da zeigt sie Größe, finde ich. Als sie wieder sitzt, sagt sie munter:

– Fanny, stell dir vor. Ich breche mir an der Kasse im Supermarkt einen mit meinem Schulfranzösisch ab, dann antwortet mir die nette Kassiererin auf Deutsch. Haha. Hier braucht man echt kein Französisch.

– Zumindest nicht die Sprache!

Fannys Humor. Wir müssen alle lachen. Fanny ist ein bisschen unsere Scherbatsky – genauso attraktiv, aber gleichzeitig ein Kumpel und sehr lustig, eine Stimmungskanone. Manchmal ist sie vielleicht zu oberflächlich, zu tussig – wenn Lars eine politische Diskussion anzettelt, schweigt sie immer und trinkt ein Sektchen.

– Und der Laden heißt Süper Ü, stellt dir vor. Haha.

– Seeeeeelfiiiiiiieeeee Time, Kinder. Ich hole kurz mal meinen Stick.

Paula ist schon resigniert:

– Oh Mann!

Selfie vor dem Kamin, lächelnd, mit Whisky in der Hand. Später werden wir uns nur an diesen „glückseligen“ Moment, wie er auf Facebook gebannt wurde, erinnern. Und nicht an unsere Konflikte … Oder?

Kurz stehen wir in der Küche zusammen, Thees und ich:

– Irgendwas war doch im Auto. Ich bin weder doof noch blind.

– Mito, es ist alles okay wieder. Ja? Lass uns auf Helene anstoßen! Habe übrigens ein bisschen Shit mitgebracht. Rauchen wir nach dem Schampus. Passt gut zum letzten Whisky des Abends.

Ich bleibe skeptisch, glaube ihm nicht. Irgendetwas ist vorgefallen, aber ich habe keine Idee was.

 

Manchmal spürt man etwas unter der Oberfläche und kriegt es ganz lange nicht zu greifen – bis es vielleicht zu spät ist …

 

Das nächste Selfie folgt beim Anstoßen auf das Geburtstagskind. Diese Porträts sind dann das Intro für unsere eigene Soap. Bei uns heißt es nicht „How I Met Your Mother“, bei uns heißt es vielleicht: „Before We Lost Something“.

 

Gruppenbild mit Paula. Es war das letzte dieser Art, aber das wussten wir da noch nicht.

Kapitel 1 Teil 3

Wir gehen zuerst nach links, wo sich zwei Schlafzimmer befinden, eines größer mit einem riesigen Badezimmer, eines kleiner. Helene entscheidet sich rasch für das erstere, Lars schaut sie fragend an, sie nickt. Thees beschließt das Zimmer nebenan zu nehmen, er beschließt, dass Fanny sich zu ihm ins Bett legen soll. Ich finde das eher merkwürdig, schließlich sind sie keine Paare, aber ich sage nichts …

Auf der anderen Seite sind weitere zwei Schlafzimmer und eine Toilette. Im ersten Zimmer steht ein altes, wunderschönes Holzbett, in das sich Paula sofort verliebt. Im zweiten ist ein kleines rosa Bad integriert. Das möchte ich haben, vor allem, weil ich zuhause keine Badewanne besitze.

Haben wir hier schon scheinbar keine Konflikte, ist es bei dem Einkaufsthema noch leichter: dass Paula und ich keine Lust haben, wird von den anderen vorausgesetzt. Wir gelten beide als launisch und manchmal etwas schwierig, womit sie wohl Recht  haben. Bei mir kommt dazu, dass ich stets blank bin, was die anderen genau wissen, insbesondere die großzügige Helene, die meinen Aufenthalt hier subventioniert. Ich bin oft viel zu undankbar ihr gegenüber! Paula merkt an, dass wir noch auf das Dach müssten, bevor sie losfahren. Es geht erst einmal durch ein bisschen Gerümpel eine Treppe hoch. Und dann stehen wir da und können unseren beiden Gärten überblicken und sogar bis zu den Vogesen bei diesem herrlichen Wetter. Paulita sagt:

– Boah, geil hier oben. Ich hole meine Sachen und lege mich mal eine Weile hin.

Ich mache es mir lieber unten gemütlich, setze mich auf die Wiese und lese eines meiner Bücher, die ich mitgebracht habe. Neben mir ein Glas Champagner. Mein Leben sieht sonst etwas … anders aus …

 

Das erste Ziel ist, mit einem Glas Cremant in der Hand Federball und Tischtennis auf unserer Wiese zu spielen.

– Immer geiler! Immer steiler!

Helene lacht, sieht unbeschwert und glücklich aus, und macht mit ihrem iPhone Schnappschüsse von Lars, Thees, Paula und mir.

– Ist das eine jeile Hütte, wa?

Sie berlinert ein bisschen, wenn sie getrunken hat. Thees, der heute noch recht nüchtern bleiben muss, weil er später Fanny abholt, flüstert uns anderen zu:

– Passt heute bitte auf, keine schwierigen Themen ansprechen. Wenigstens einen Abend sollten wir ohne Alkohol-Tränen auskommen können. Ohne Fanny sind wir ja aufgeschmissen.

Sie ist es, die Helly ein bisschen herunterbringen kann, in den Arm nimmt, sie beruhigt, ihr gut zuredet. Im Wein liegt die Wahrheit – und die Trauer, die Melancholie, die Enttäuschung über das Leben.

Charlie Chaplin sagte:

– Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist unsere Helene die sensibelste, verletzlichste von uns allen und kann das in nüchternem Zustand gut verbergen. Vielleicht verstärkt Alkohol oder auch jede andere Droge den inneren Gefühlszustand, nicht das, was man nach außen trägt, nicht die Fassade.

 

In vielen Punkten entspreche ich nicht den üblichen Männlichkeitskriterien. Ich bin in nüchternem Zustand schon so weinerlich wie andere nach Alkoholgenuss. Apropos: mittlerweile trank ich zwar Bier, jedoch mehr als Genussmittel und ich bevorzugte eindeutig kompliziertere Biere als das, was es Mainstream so gab – und damit betrinken fand ich sowieso total niveaulos. Ich habe auch keinen Bock am Grill zu stehen – danach essen gerne, aber mich da hinstellen, Feuer anzünden und das Fleisch nicht anbrennen zu lassen (wie damals, als die Männchen noch die Ernährer waren und auf Jagd gingen) – das war nicht meins. Das erinnerte mich an amerikanische Serien und die Vaterfiguren, die männlich grunzten (wie Tim Allen in Hör mal, wer da hämmert) und darüber diskutierten, ob noch  mehr Grillanzünder dran und wann das Fleisch gewendet werden muss. Dafür deckte ich den Tisch, faltete die Servietten und verteilte die Blumen, die Helene im Süper Ü,  wie der Supermarkt in Marckolsheim heißt, gekauft hatte. In dieser Villa fanden sich so viele schöne Gegenstände, wenn man sich die Mühe machte, sie in den vielen weißen Schränken zu suchen. Ich fand Vasen, Kerzenständer, Kerzen, stilvolle Wein- und Sektgläser, exquisites Besteck, prächtiges Geschirr und drapierte es auf dem großen Holztisch im Wohn- und Esszimmer. Paula half Helene mit dem Anrichten der Salate und den Antipasti in den Schälchen, während Thees und Lars sich um das Grillen kümmerten.

– Wohoooooo! Amaaaaziiiiiiing! Wie schön du diesen Tisch gedeckt hast. Da müssen wir sofort Fotos schießen, mein Gott, wie schön! Ich freue mich!

So leicht ist es, Helene glücklich zu machen – manchmal beneide ich sie darum, solch kleinen oberflächlichen und doch so wichtigen Details reizend zu finden. An mir geht das leider total vorüber.

Bevor wir uns an den Tisch setzen, gibt es den gefühlt zehnten Apéritif – wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschlein weit und breit, die schon vor dem frühen Abendessen völlig hinüber sind. Aber noch stehen wir, noch reden wir halbwegs vernünftig und noch genießen wir das wunderbare Essen. Oooohhh, aaaaaaahhhhh, mmmmmmmmhhhhh machen wir alle tausendfach.

– Immer geiler!

Wir lachen wieder. Dieser Spruch wird uns wirklich hier verfolgen. Der Rotwein ist lecker, wir beschließen deswegen sitzenzubleiben, bis wir die zweite Flasche ausgetrunken haben, eine Käseplatte als Nachtisch zu essen, die hervorragend dazu passt, und von den nächsten Geburtstagen Helenes zu träumen.

– Das Gibson in Frankfurt für eine Nacht mieten? Oder doch eher in die Richtung hier: eine Hütte in den Bergen? Eine Kreuzschifffahrt auf der AIDA?

Alles erscheint gerade so easy, so nice – Helene fühlt sich bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Selbst ich spüre gerade keine Risse, keine Konflikte unter der Oberfläche. Wir genießen das Essen, Trinken, die Atmosphäre, den Luxus, unsere Privilegien …

Später setzen wir uns endlich an den Kamin, in Decken eingemummelt, denn es dauert natürlich eine Weile, bis Larsi und Helly das Holz zum Brennen bringen, am Anfang noch mit sehr viel Rauch – sie lösen sogar den eklig klingenden Alarm damit aus, der klugerweise an der Decke über dem Kamin angebracht ist. Wir müssen die großen schönen Fenster öffnen, es wird etwas kühl. Thees holt den Whisky hervor, den er seinem Vater abgeschwatzt hat. Wir haben alle keine Ahnung von diesem Getränk, denken aber, dass es dazugehört, vor dem Kamin zu sitzen und den Geist zu schlürfen.

– Mooooooment! Haben wir Eiswürfel? Im Kühlschrank gibt es kein Eisfach!

Er schreit es aus der Küche heraus.

– Im Nebenraum ist ein Zimmer mit Waschmaschine und einem weiteren Kühlschrank, Thees, da sind Eiswürfel drin!

– Mensch, Mitja, du weißt schon am ersten Abend, wo sich alles befindet.

Helene ist erstaunt. Als ich vorhin alles, um den Tisch zu decken, gesucht hatte, schaute ich überall im Erdgeschoss hinein, um eine Orientierung zu kriegen.

Ich habe den Platz ganz vorne am Kamin, in einem dieser gemütlichen Sessel, in denen man so schön einsinkt, wenn man sich hineinsetzt. Eine kuschelige Decke über mir, das Whisky-Glas in der Hand. Im ersten Moment ist das Getränk nicht nur scharf und brennt, sondern ich habe auch ein leichtes Gefühl der Übelkeit, es riecht und schmeckt so rauchig. Doch dann, als es durch meine Kehle fließt, mich von innen wärmt, ich den würzigen Nachgeschmack spüre, finde ich Gefallen daran, möchte einen weiteren Schluck trinken. Langsam gewöhne ich mich daran. Vielleicht ist aus mir doch noch ein wahrer Gentleman herauszuholen?

Thees beobachtet mich:

– Na, Mito, schmeckt dir der gute Tropfen?

Das Interessante an meinem Namen ist folgendes: Eigentlich heiße ich ja Dimitri, nach meinem Opa, allerdings gefiel mir der Name nie besonders, auch nicht die Abkürzung Dima. Es gibt aber noch Liebkosungen wie Mitja, die häufigste, oder Mitko und Mito. Dimitri oder Demetrius stammt von der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.

– Danke. Ich glaube, dein Vater hat einen exquisiten Geschmack.

– Davon kannst du ausgehen!

Er schmunzelt. Und ich denke: Ja, das wissen wir. Thees‘ „Stiefmutter“ ist jünger als er, ein hübsches Ex-Model, ein Starlet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch er etwas zu viel getrunken hat, deswegen frage ich ihn:

– Kannst du überhaupt noch fahren?

Kapitel 1 / 1.Teil

1

Meine liebe Freundin Helene hatte es sich so entspannt und gemütlich, so cozy, vorgestellt, so anders als unsere sonstigen Geburtstagsfeiern. Ihren Dreißigsten wollte sie in dieser komfortablen Villa im Elsass begehen und nicht in der Großstadt an irgendeinem hippen place to be. Ihre engsten Freunde sollten alle fern ihres Alltags mit ihr zusammen sein, am Kamin auf sie anstoßen, mit einem Whisky oder Champagner, ihretwegen auch einem Cremant, sie sollten alles andere um sich herum vergessen. Dass eine Person von diesem Ort nicht mehr in die gemeinsame Heimat zurückkehren – fern bleiben – würde, das hatte sie sich selbstverständlich nicht vorgestellt …

Ein bisschen ärgert uns, dass das Wetter so wunderschön ist, als wir an diesem Donnerstagmittag in Frankfurt losfahren. Niemand von uns hat Lust, die nächsten drei Stunden in einer Blechkiste zu verbringen. Doch je früher wir fortkommen, desto früher können wir im Elsass chillen und unseren ersten Apéritif im Garten zu uns nehmen. Das muss Motivation genug sein. Wir teilen uns in zwei Autos auf: Helene und ich fahren in ihrem roten Austin Mini, während Paula, die aus der Freiburger Gegend stammt und damit die größte Elsass-Kompetenz aufweist, sich zu Thees und Lars in den schicken, schwarzen SLK des ersteren setzt. Sie hatte kurz gezögert, sich gefragt, ob sie nicht besser uns begleiten sollte, das sah ich in ihrem Blick. Plötzlich ist da so ein Gefühl und eine Frage blitzt in mir auf: Hatten sie mal einen Dreier? Oder läuft irgendetwas anderes zwischen ihnen, von dem ich nichts weiß? …

Doch es trifft sich ganz gut, dass sie nicht in unserem Wagen sitzt, denn zwischen Helene und mir herrscht das erste Mal – und das seit längerer Zeit – dicke Luft, die wir vielleicht in diesen nächsten Stunden bereinigen könnten. Das wäre wenigstens eine Baustelle weniger für sie, die sich das alles so relaxing vorgestellt hatte, damals kurz nach Silvester, als sie uns fragte, ob wir an diesem verlängerten Wochenende Zeit für sie hätten. Sie hatte aber nicht mit dem Leben gerechnet, das einen manchmal aus der Bahn wirft – es war so einiges passiert.

Jesus war vor drei Tagen auferstanden und wir reisen gerade  ins vermeintliche Paradies.

– Mitja, ist alles easy zwischen uns?

Sie macht sich Sorgen, dass sie mich in den letzten Wochen vernachlässigt, keine gute Freundin gewesen sei, meine BFF  – zumindest hatte sie diese Abkürzung unter ein gemeinsames Selfie auf Instagram gehashtagt.

Ich fragte sie damals:

BFF? Was soll das sein?!

Ob ich das nicht aus den amerikanischen Serien kenne:

– BFF = Best Friends Forever

Tatsache, darauf hatte ich noch nie geachtet. Helene war für mich immer schon so american gewesen, fern meiner eigenen Herkunft – Klassenfeinde nennen es meine Eltern. Wir waren in den frühen Neunzigern aus Kasachstan nach Deutschland immigriert, so richtig angekommen sind die beiden nie. Helene jedenfalls ist für mich wie die andere Seite der Medaille. Ich bin der verrückte, mittel- und erfolglose Künstler, Prekariat, während sie im Marketing in einer Kunsthalle arbeitet, in dem die Arrivierten ausstellen – die, die ihre Kunst für viel Geld verkaufen können. Sie verdient sicher auch nicht die Welt, hat jedoch anders als ich reiche Eltern. Manchmal werde ich von ihrem Arbeitgeber beauftragt, beim Ausstellungsaufbau zu helfen, bei der Hängung. Einmal hatte sie mich für eine Kunst-Aktion verpflichtet, als Statist.

Sie möchte mir immer wieder helfen, mich unterstützen, das kann ich sehr wohl (an)erkennen.

Die letzten Wochen hatte ich große Schwierigkeiten, mein Leben in den Griff zu bekommen – alles schien mir zu entgleiten. Von ihr war in dieser Zeit kaum etwas zu erwarten, sie beschäftigte sich gerade viel zu sehr mit sich selbst, musste ihre Trennung verarbeiten und hatte viel Stress im Job. Das war so, und beim Liebeskummer konnte ich ihr wirklich nicht weiterhelfen, das hatte sich aus Prinzip verboten …

Helene blickt mich von der Seite an, als erwarte sie etwas von mir. Sie sieht sehr gut aus mit ihrer neuen Frisur, ein bisschen old fashioned, ein bisschen Audrey Hepburn. Die Brille in ihrem Haarschopf hat einen Goldrand, ihre Kette ist aus dem gleichen Metall, die Seiden-Bluse einfach und cremefarben, ihre dunkle Bundfaltenhose ist sehr Business und ihre klassischen, schwarzen Leder-Slipper sind sicher von Joop. Sie trägt nur ein leichtes Makeup, kaum sichtbar, ihre Lippen sind glossy.

– Hör zu, Helly, bei uns war das immer schon so. Mal haben wir fast täglich miteinander zu tun, mal eine Zeit lang fast gar nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass du dich besser in mich hineinversetzen könntest, klar, aber ich konnte ja die letzten Wochen auch nicht für dich da sein.

Sie konzentriert sich auf die Fahrbahn, setzt den Blinker, wir müssen die nächste Ausfahrt nehmen, den anderen folgen. Sie beißt sich auf die Lippe, sagt dann angespannt:

– Mitja, ich möchte nur nicht, dass es sich auf die nächsten Tage auswirkt. Mir ist das wichtig und ich freue mich seit Wochen darauf. Really!

Vielleicht hätte sie besser gesagt, dass sie mich nicht verlieren möchte, denke ich. Bin ich zu sensibel? Eine Zeit lang lag es in der Schwebe, ob ich mitfahre. Ihr Ex sollte eigentlich mit …

– Es wäre nicht wirklich glaubwürdig und hilfreich gewesen, wenn ich etwas zu deiner Trennung gesagt hätte.

Ich sehe ein kurzes Zucken im Mundbereich, ein angedeutetes Lächeln:

– In der Tat … Es fühlt sich etwas strange an, mit dir alleine im Auto zu sitzen und darüber zu reden.

Jetzt muss ich schmunzeln. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich mir wünsche, dass wir schöne Tage miteinander verbringen und dass dies sicher nicht an mir scheitern werde. Helene freut sich sichtlich, streckt mir ihre Faust entgegen und sagt check, was ich erwidere. Sie spielt an der Musikanlage, wählt Moloko – unsere gute Laune-Auto-Musik, seit jeher.

– Selfie-Time!

Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, sie, wie sie das Auto fährt, und mich (oder zumindest mein Gesicht) auf ein Foto zu bekommen – nicht ganz einfach, aber wofür bin ich Künstler. Es gelingt mir. Helene lächelt zum Glück hübsch darauf, ich verziehe wie immer meine Fresse. Ein befreundeter Journalist schrieb einmal auf Facebook, dass ich auf jedem Bild ein Duckface mache.

– Zeig mal!

Sie ist zufrieden und fordert mich auf, es auf Instagram und Facebook zu posten.

– Ich bin gespannt, ob die anderen unser Posting beantworten.

– Wurstkette!

Das schreie ich heraus. Sie daraufhin noch lauter:

– Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuurstkeeeeeeettttttttttteeeeeeeeeee!!!

Wir saßen einst bei einem Essen bei Helene – sie, Thees, Lars, Paula, Fanny und ich – und wollten alle gemeinsam etwas posten. Wir beschlossen, dass jede/r das Wort Wurstkette auf die eigene Pinnwand schreiben sollte, mit Markierung der anderen natürlich. Und wir mussten das alle bei jedem anderen liken. Seitdem schreien wir uns immer zwischendurch Selfie-Time oder Wurstkette zu. Niemand versteht uns, wir müssen aber immer wieder minutenlang darüber lachen.

Tatsächlich hagelt es von unseren Freunden im SLK (diese Protzer, ey!) rasch Kommentare. Sie antworten ihrerseits mit einem professionellen Selfie, auf dem wir Paula in der Mitte sehen und Teile der Köpfe der beiden Männer, den Innenspiegel und die Autobahn im Hintergrund.

– Mal schauen, wer mehr Likes kriegt.

Helene lacht und denkt sich gewiss, dass wir klar im Vorteil sind. Zwar ist Paula unsere Social Media Expertin, macht dies sogar beruflich, aber ich bin ein Künstler, der sehr viel mit diesen Netzwerken arbeitet und eine nicht kleine Anhängerschaft um sich geschart hat. Ohne angeben zu wollen.

Unsere weitere Fahrt ist entspannt, zwischendurch ändere ich die Musik, in dem ich die Anlage mit meinem Smartphone kopple – ein bisschen Gogol Bordello muss jetzt sein. Kurz vor Frankreich schalte ich in den Flugmodus, ich habe mir vorgenommen, die Tage gar nicht ins Internet zu gehen. Könnte mir auch mal guttun, denke ich.